Generalinspekteur beklagt deutsche RealitÀtsverweigerung
25.03.2025 - 11:45:03Die Trennung zwischen innerer und Ă€uĂerer Sicherheit in Deutschland ist aus Sicht des Generalinspekteurs der Bundeswehr ein «Einfallstor» fĂŒr hybride russische Angriffe. Man mĂŒsse dringend ĂŒberlegen, wie man in dieser Grauzone «koordiniert agieren kann», sagt General Carsten Breuer bei einer Sicherheitstagung, die das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) alljĂ€hrlich zusammen mit der Allianz fĂŒr Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) ausrichtet. Denn anders als in Deutschland, wo es unterschiedliche Regeln und ZustĂ€ndigkeiten fĂŒr Friedenszeiten sowie fĂŒr den Spannungs- und Verteidigungsfall gibt, sei Krieg fĂŒr den russischen PrĂ€sidenten, Wladimir Putin, «ein Dauerzustand».Â
Notwendig sei daher ein Lagebild, in das auch VorfĂ€lle einflieĂen, die auf den ersten Blick nicht in einem militĂ€rischen Zusammenhang stehen. Es sei sicher kein Zufall, wenn Handys von Bundeswehr-Soldaten, die Ukrainer ausbilden, gehackt wĂŒrden.Â
Verfassungsschutz: Saboteure und Spione werden breiter rekrutiert
Nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes verschwimmen gleichzeitig die Grenzen zwischen staatlichen, halbstaatlichen und privaten Akteuren, die im Auftrag oder im Sinne von Geheimdiensten fremder MĂ€chte handeln.Â
Deutsche Behörden und Unternehmen mĂŒssten sich besser wappnen gegen Sabotage und Spionage, mahnt das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV). MĂ€chte wie Russland und China setzten nicht mehr nur auf den staatlichen Sicherheitsapparat, die Staatsmedien und auf Diplomatie. Sie nutzten inzwischen vielmehr auch staatseigene Hochschulen oder Unternehmen und beauftragten zunehmend private Akteure fĂŒr bestimmte Aufgaben.Â
Pakete mit BrandsÀtzen
Der Verfassungsschutz verweist auf mehrere Beispiele fĂŒr mutmaĂliche Sabotage aus den vergangenen Monaten - dazu zĂ€hlen VorfĂ€lle auf deutschen Kriegsschiffen, zu denen die Ermittlungen noch laufen, ebenso wie Pakete mit BrandsĂ€tzen, die aufgegeben wurden, sowie BrandanschlĂ€ge auf ein Einrichtungshaus in Litauen und ein Einkaufszentrum in Polen.Â
Der BfV-VizeprĂ€sident, Sinan Selen, spricht von fast tĂ€glichen DrohnenflĂŒgen ĂŒber MilitĂ€ranlagen und Unternehmen. Dabei gehe es nicht um «Spielzeugdrohnen», betont er. Selen erinnert an den Brand in einer Halle in GroĂbritannien, in der Starlink-Equipment fĂŒr die Ukraine gelagert worden sei.Â
Die Zuordnung zu einem auslĂ€ndischen Nachrichtendienst sei im Einzelfall manchmal schwierig, rĂ€umt der BfV-Vize ein. Schon die Summe derartiger Ereignisse sorge allerdings dafĂŒr, dass es auch ihm schwerfalle, an ZufĂ€lle zu glauben.
Prorussische Hacktivisten attackieren in einem Monat 110 Websites
Laut Verfassungsschutz hat die prorussische Hackergruppe, die nach bisherigem Kenntnisstand den Internetauftritt der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz und des Konferenzhotels Bayerischer Hof mit einem Ăberlastungsangriff vorĂŒbergehend lahmgelegt hatte, im Februar insgesamt 110 Websites angegriffen. Zu den Zielen gehörten dabei auch Websites von Polizeibehörden und regionalen Verkehrsbetrieben.Â
Wie vertrauenswĂŒrdig sind US-Waffensysteme?
Auf die Frage eines Industrievertreters, ob WaffenkĂ€ufe von US-Herstellern fĂŒr die Bundeswehr angesichts des Kurswechsels in Washington noch sinnvoll seien, oder ob man dabei mit eingebauten «unerwĂŒnschten Funktionen» rechnen mĂŒsse, antwortete Breuer, Russland werde in vier bis sieben Jahren in der Lage sein, Nato-Gebiet militĂ€risch anzugreifen. Deshalb sei es notwendig, jetzt auch Waffensysteme zu bestellen, die bereits entwickelt sind.Â
Von einer sofortigen RĂŒckkehr zur Praxis der frĂŒheren Wehrpflicht hĂ€lt der ranghöchste Soldat der Bundeswehr nichts. Er sagt, wenn man jetzt schon einen kompletten Jahrgang ausbilden mĂŒsste, wĂŒrde dies kurzfristig zulasten der Verteidigung an der Nato-Ostflanke gehen.Â
Warnung vor der Vogel-StrauĂ-MethodeÂ
Breuer betont die Notwendigkeit einer glaubwĂŒrdigen Abschreckung. Das VerdrĂ€ngen der RealitĂ€t sei «eine typisch deutsche Eigenschaft», analysiert der Generalinspekteur. In der aktuellen Lage sei es aber keine Option, den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu warten, «dass es vorbeigeht».Â
FĂŒr ihn sei schon angesichts der aktuellen russischen Produktion an Panzern und Munition klar: «Putin wird mit dem Griff auf das ukrainische Territorium nicht aufhören». Auch ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werde nicht zu nachhaltigem Frieden auf dem europĂ€ischen Kontinent fĂŒhren.







