Mutmaßlicher, TĂ€ter

Mutmaßlicher TĂ€ter nach Solinger Anschlag in U-Haft

25.08.2024 - 17:21:25

Auf einem Stadtfest in Solingen tötet ein Mann drei Menschen. Einen Tag spÀter nimmt die Polizei einen TatverdÀchtigen fest. Nun ist aus Sicht der Bundesanwaltschaft auch sein Motiv klar.

  • Der Syrer stellte sich am Samstagabend der Polizei. - Foto: Christoph Reichwein/dpa

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  • Auch eine FlĂŒchtlingsunterkunft in Solingen wurde durchsucht - und ein Zeuge auf eine Wache gebracht. - Foto: Vincent Kempf/dpa

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  • Zwei Tage nach der Tat waren in Solingen noch viele EinsatzkrĂ€fte im Einsatz. - Foto: Thomas Banneyer/dpa

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  • Der TatverdĂ€chtliche wurde in Karlsruhe von bewaffneten Polizisten in SpezialausrĂŒstung vom Helikopter zu einer Wagenkolonne gebracht. - Foto: Uli Deck/dpa

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Der Syrer stellte sich am Samstagabend der Polizei. - Foto: Christoph Reichwein/dpaAuch eine FlĂŒchtlingsunterkunft in Solingen wurde durchsucht - und ein Zeuge auf eine Wache gebracht. - Foto: Vincent Kempf/dpaZwei Tage nach der Tat waren in Solingen noch viele EinsatzkrĂ€fte im Einsatz. - Foto: Thomas Banneyer/dpaDer TatverdĂ€chtliche wurde in Karlsruhe von bewaffneten Polizisten in SpezialausrĂŒstung vom Helikopter zu einer Wagenkolonne gebracht. - Foto: Uli Deck/dpa

Nach der Messerattacke in Solingen mit drei Toten ist der mutmaßliche TĂ€ter in Untersuchungshaft. Ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe habe Haftbefehl unter anderem wegen Verdachts der Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und wegen Mordes erlassen, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

Der 26-jĂ€hrige Syrer teile die Ideologie der Terrorvereinigung IS und habe sich ihr zu einem derzeit nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt vor dem 23. August angeschlossen, heißt es in der Mitteilung. Eine Abschiebung des Asylbewerbers war 2023 gescheitert.

Wegen seiner radikal-islamistischen Überzeugungen habe er den Entschluss gefasst, auf dem Solinger Stadtfest eine möglichst große Anzahl aus seiner Sicht unglĂ€ubiger Menschen zu töten, so die Bundesanwaltschaft. «Dort stach er mit einem Messer hinterrĂŒcks wiederholt und gezielt auf den Hals- und Oberkörperbereich von Besuchern des Festivals ein.»

TÀter konnte zunÀchst fliehen

Zwei MĂ€nner im Alter von 67 und 56 Jahren sowie eine 56 Jahre alte Frau waren bei der Messerattacke am Freitagabend gestorben. Acht Menschen wurden bei dem Anschlag auf einem JubilĂ€umsfest zum 650. GrĂŒndungstag der Stadt Solingen - dem «Festival der Vielfalt» - verletzt, vier davon schwer. Anschließend entkam der TĂ€ter im Tumult und in der anfĂ€nglichen Panik. Der IS reklamierte die Tat fĂŒr sich.

Am spĂ€ter Samstagabend stellte sich der 26-jĂ€hrige Syrer nach Polizeiangaben den Ermittlern und gab an, fĂŒr den Anschlag verantwortlich zu sein. Nach dpa-Informationen soll er blutverschmierte Kleidung getragen haben.

Politisch hat die Attacke gut eine Woche vor den Landtagswahlen in Sachsen und ThĂŒringen die Debatten um schĂ€rfere Messer-Gesetze und die Migrationspolitik neu angefacht. Seit der Festnahme des tatverdĂ€chtigen Syrers wird insbesondere ĂŒber Abschiebungen heftig diskutiert. Aus der Union kommen Forderungen nach Einschnitten im Asylrecht. 

CDU-Chef Friedrich Merz plĂ€dierte etwa fĂŒr einen Aufnahmestopp fĂŒr FlĂŒchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Wie dies rechtlich umgesetzt werden soll, ließ er offen. Bayerns MinisterprĂ€sident Markus Söder (CSU) forderte eine striktere Abschiebepraxis fĂŒr abgelehnte Asylbewerber.

Alle Schwerverletzten sind auf dem Weg der Besserung

Der VerdĂ€chtige wurde am Sonntagnachmittag per Helikopter nach Karlsruhe geflogen. Zwei schwer bewaffnete Polizisten in SpezialausrĂŒstung brachten den barfĂŒĂŸigen Mann zu einer Wagen-Kolonne. Einer der Beamten drĂŒckte den Kopf des auch an den FĂŒĂŸen gefesselten TatverdĂ€chtigen nach unten. In dieser gebĂŒckter Haltung machte der Mann kaum selbst einen Schritt, die EinsatzkrĂ€fte trugen ihn zu den Fahrzeugen. Zu sehen war auch, dass er an seiner linken Hand einen weißen Handschuh trug. Der Grund dafĂŒr war zunĂ€chst unklar.

Die schwer verletzten Opfer sind auf dem Weg der Besserung. «Alle vier noch stationĂ€r behandelten Patienten sind ĂŒber den Berg», sagte der medizinische GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Ă€rztlicher Direktor am stĂ€dtischen Klinikum Solingen, Thomas Standl, dem Fernsehsender Welt TV. Der Tatort in der Innenstadt war am Sonntagmorgen weiter großrĂ€umig abgesperrt. Am Vormittag kamen Hunderte Menschen zu einem Trauergottesdienst zusammen.

TatverdÀchtiger sollte abgeschoben werden

Wie der «Spiegel» berichtete, kam der VerdÀchtige Ende 2022 nach Deutschland und stellte einen Antrag auf Asyl. Den Sicherheitsbehörden war er demnach bislang nicht als islamistischer Extremist bekannt. Diese Informationen wurden der Deutschen Presse-Agentur bestÀtigt.

Der Asylantrag des TatverdĂ€chtigen wurde demnach abgelehnt. Deshalb sollte er im vergangenen Jahr nach Bulgarien abgeschoben werden. Über das Land war er in die EuropĂ€ische Union eingereist. Da er zwischenzeitlich allerdings in Deutschland untergetaucht sei, sei die Abschiebung vorerst hinfĂ€llig gewesen, schrieb die «Welt» - auch der «Focus» hatte berichtet. SpĂ€ter sei der Syrer nach Solingen ĂŒberstellt worden.

Nach den sogenannten Dublin-Regeln ist meist jener EU-Staat fĂŒr einen Asylantrag zustĂ€ndig, wo der Schutzsuchende zuerst europĂ€ischen Boden betreten hat - in diesem Fall wohl Bulgarien. Zieht derjenige unerlaubt in ein anderes EU-Land wie Deutschland weiter, kann dieses ein sogenanntes Übernahmeersuchen an das betreffende Land stellen. Wenn das zustimmt, kann die Abschiebung angeordnet werden. Der Asylsuchende muss dann allerdings innerhalb einer bestimmten Frist abgeschoben werden. Gelingt das nicht, geht die ZustĂ€ndigkeit auf das Land ĂŒber, das ihn eigentlich ĂŒberstellen wollte.

IS spricht von «Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina und anderswo»

Der Islamische Staat behauptete in einer Mitteilung ĂŒber seinen Propaganda-Kanal Amak, der Angreifer sei IS-Mitglied gewesen und habe die Attacke aus «Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina und anderswo» verĂŒbt. Der Angriff habe einer «Gruppe von Christen» gegolten. 

Auch die DĂŒsseldorfer Polizei erhielt nach eigenen Angaben ein angebliches Bekennerschreiben des IS. Jetzt mĂŒsse geprĂŒft werden, ob dieses Schreiben echt sei, sagte ein Polizeisprecher. Aus Ermittlerkreisen wurde darauf hingewiesen, dass der IS in der Vergangenheit schon öfter eine Tat fĂŒr sich reklamiert habe, ohne dass es belastbare Hinweise fĂŒr eine Zusammenarbeit mit dem TĂ€ter gab.

Mutmaßlich bezieht sich der IS mit der «Rache fĂŒr Muslime in PalĂ€stina» auf den Krieg im Gazastreifen zwischen Israel und der palĂ€stinensischen Terrororganisation Hamas. Weder der IS noch das Terrornetzwerk Al-Kaida haben BĂŒndnisse mit der islamistischen Hamas. Die Gefahren durch Terrorismus und Radikalisierung in der islamischen Welt sind den Sicherheitsbehörden zufolge durch den monatelangen Krieg in Gaza aber gestiegen. Deutschland ist neben den USA einer der wichtigsten VerbĂŒndeten Israels und auch einer der wichtigsten Waffenlieferanten.

Viele Verfahren zu islamistischem Terrorismus bei der Bundesanwaltschaft

Die Bundesanwaltschaft ist unter anderem fĂŒr Taten des islamistisch motivierten Terrorismus zustĂ€ndig. Generalbundesanwalt Jens Rommel hatte diesen bei der Jahresbilanz seiner Behörde als eine der Hauptgefahren fĂŒr Deutschland ausgemacht. Von mehr als 700 im vergangenen Jahr eingeleiteten Ermittlungsverfahren aus dem Bereich Terrorismus und Staatsschutz betrafen Rommel zufolge knapp 500 den islamistischen Terrorismus. «Deutschland ist weiterhin Ziel radikalisierter Islamisten», heißt es bei der Bundesanwaltschaft. Das Spektrum reiche vom individuell radikalisierten TĂ€ter bis zu konspirativ agierenden Terrorzellen.

Bereits am Samstagabend hatte die Polizei «unter Einbindung von KrĂ€ften von Spezialeinheiten» eine FlĂŒchtlingsunterkunft in Solingen durchsucht. Eine Person, die Kontakt zum TĂ€ter gehabt haben soll, sei auf eine Polizeiwache gebracht worden, teilte die DĂŒsseldorfer Polizei mit. Es handele sich nach aktuellem Stand um einen Zeugen.

Am frĂŒhen Samstagmorgen war ein 15 Jahre alter Jugendlicher festgenommen worden. Als möglicher Vorwurf gegen ihn steht die Nichtanzeige geplanter Straftaten im Raum.

Deutschlandweit löste die Tat in Solingen große Betroffenheit aus. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einem «furchtbaren Verbrechen». «Wir dĂŒrfen so etwas in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren und uns niemals damit abfinden. Mit der ganzen HĂ€rte des Gesetzes muss hier vorgegangen werden», sagte der SPD-Politiker.

Am Montag wird der Kanzler in Solingen erwartet. Gemeinsam mit NRW-MinisterprĂ€sident Hendrik WĂŒst (CDU) will er der Opfer der Attacke gedenken.

@ dpa.de