Sylter, Skandalvideo

Sylter Skandalvideo: Beteiligter bittet um Verzeihung

26.05.2024 - 13:13:56

Auf Sylt singen PartygÀste rassistische Parolen - nicht nur Politiker reagieren schockiert. Aus Expertensicht belegt das Video: Rechtsextremismus ist auch ein Problem höherer Schichten.

Die rassistischen GesĂ€nge junger PartygĂ€ste auf Sylt alarmieren die Politik und schĂŒren Ängste vor einem Rechtsruck bis hinein in die gesellschaftlichen Eliten.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte am Wochenende, menschenfeindliche Ideologie sei inzwischen ganz offensichtlich «Teil der Popkultur». Und sie sei in Milieus salonfĂ€hig, denen klar sein mĂŒsse, dass AuslĂ€nder maßgeblich zum Wohlstand beitrĂŒgen. Vizekanzler Robert Habeck (GrĂŒne) sagte: «Wer so rumpöbelt, ausgrenzt und faschistische Parolen schreit, greift an, was unser Land zusammenhĂ€lt.» BundestagsprĂ€sidentin BĂ€rbel Bas (SPD) rief zu Zivilcourage in solchen Situationen auf.

Die bekannte Bar Pony im Inselort Kampen auf Sylt hatte nach Bekanntwerden des kurzen Videos Strafanzeige gestellt, der Staatsschutz der Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen.

«Ganz schlimmen Fehler» gemacht

Einer der Beteiligten, der in dem Video eine Geste andeutet, die an den Hitlergruß denken lĂ€sst, schrieb laut «Bild» in sozialen Medien: «Alle, die wir damit vielleicht verletzt haben, bitte ich um Entschuldigung.» Er habe einen «ganz schlimmen Fehler» gemacht und schĂ€me sich. Er gab demnach an, sich der Polizei gestellt zu haben und die rechtlichen Konsequenzen tragen zu wollen.

In dem Video, das am Donnerstag viral gegangen war und zu Pfingsten entstanden sein soll, ist zu sehen und zu hören, wie junge Menschen zur Melodie des mehr als 20 Jahre alten Party-Hits «L’amour toujours» von Gigi D'Agostino rassistische Parolen grölen. Scheinbar ungeniert und ausgelassen singen sie «Deutschland den Deutschen - AuslĂ€nder raus!». Von den Umstehenden scheint sich niemand daran zu stören. Der Antisemitismusbeauftragte Klein sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Sonntag), das sei Beleg fĂŒr das Vordringen menschenfeindlicher Ideologie in die Gesellschaft.

BundestagsprĂ€sidentin Bas sagte im Sender Phoenix: «Wenn man solche unappetitlichen Auftritte sieht, fragt man sich wirklich, was in den Köpfen dieser jungen Menschen vorgeht. Ich wĂŒnsche mir viel Zivilcourage und dass andere dagegenhalten.»

FĂŒr einige Beteiligte hatte das Gegröle ein schnelles Nachspiel: Die Werbeagentur-Gruppe Serviceplan Group erklĂ€rte, sie habe einen beteiligten Mitarbeiter fristlos entlassen. Auch die Hamburger Influencerin Milena Karl entließ nach eigenen Angaben eine Mitarbeiterin, die dabei war. «Ich bin selbst Migrantin und als werdende Mutter steht alles, was in diesem Video zu sehen ist, fĂŒr eine Gesellschaft, in der ich mein Kind nicht großziehen möchte.»

Die Betreiber des Lokals schrieben dazu auf Instagram: «HÀtte unser Personal zu irgendeinem Zeitpunkt ein solches Verhalten mitbekommen, hÀtten wir sofort reagiert. Wir hÀtten umgehend die Polizei verstÀndigt und Strafanzeige gestellt. Das haben wir mittlerweile tun können.» Bei der Party waren mehrere Hundert GÀste.

DJ Gigi D'Agostino, dessen Song verhunzt wurde, stellte klar, dass sich dieser ausschließlich um Liebe drehe. «In meinem Lied «L'amour toujours» geht es um ein wunderbares, großes und intensives GefĂŒhl, das die Menschen verbindet», teilte D'Agostino mit. Zentral sei zudem die Freude ĂŒber die Schönheit des Zusammenseins.

Merz: «Mit Alkoholkonsum nicht mehr zu erklÀren»

Wirtschaftsminister Habeck nannte die Video-Szenen verstörend und absolut inakzeptabel. Den Zeitungen der Funke-Mediengruppe sagte er, Deutschland habe es geschafft, zu einer starken Demokratie zu werden, die auf Respekt und PluralitĂ€t gebaut sei. «Das zu schĂŒtzen ist unsere Aufgabe.» Der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merz fragte: «Was geht eigentlich in den Köpfen dieser Leute vor, das ist doch auch mit Alkoholkonsum nicht mehr zu erklĂ€ren.»

BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier Ă€ußerte sich mit Blick auf die rassistischen GesĂ€nge besorgt ĂŒber die Verrohung der politischen Umgangsformen. Weiter sagte er beim Demokratiefest in Bonn, offensichtlich seien es nicht nur «die RandstĂ€ndigen, AbgehĂ€ngten», die sich radikalisieren. «Sondern das ist eine Radikalisierung, die mindestens in Teilen in der Mitte der Gesellschaft auch stattfindet.» Am Freitag hatte schon Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Parolen als «ekelig» und «nicht akzeptabel» bezeichnet.

Auch aus Sicht der Expertin Pia Lamberty zeigt das Sylt-Video eine Normalisierung rechtsextremer Inhalte in der Gesellschaft. «Ohne dass es irgendeine Form von Widerspruch gibt, werden die sozialen Normen einfach gebrochen», sagte die Co-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Centers fĂŒr Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), das Radikalisierungstendenzen und VerschwörungserzĂ€hlungen im Netz untersucht.

VorfÀlle auch in Bayern und Niedersachsen

Auch der Club Rotes Kliff im Nobelort Kampen berichtete von einem «Rassismus-Vorfall» zu Pfingsten. Die betroffenen Personen seien des Clubs verwiesen worden und hÀtten jetzt Hausverbot, schrieben die Betreiber am Freitag auf Instagram.

Doch Sylt ist kein Einzelfall. Schon in den vergangenen Monaten gab es immer wieder VorfÀlle, bei denen zu dem Lied Nazi-Parolen gerufen wurden - etwa in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. In der Oberpfalz ermittelte die Polizei nach einem möglichen Vorfall bei einem Faschingszug im Februar.

In Erlangen skandierten - wie auf Sylt - zwei MÀnner auf der Bergkirchweih rassistische Parolen zum Lied «L'amour toujours». Wie die Polizei am Samstag mitteilte, bekamen die VerdÀchtigen im Alter von 21 und 26 Jahren am Freitagabend ein Betretungsverbot - der Staatsschutz leitete Ermittlungen ein.

Schon am Freitag wurde bekannt, dass es ebenfalls an Pfingsten in Niedersachsen zu einem Ă€hnlichen Fall kam. Auch auf dem SchĂŒtzenfest im niedersĂ€chsischen Löningen westlich von Cloppenburg wurden rassistische Parolen gegrölt, auch zu «L’amour toujours», auch dort ermittelt der Staatsschutz.

@ dpa.de