Versicherten drohen 2024 erneut steigende KassenbeitrÀge
13.06.2023 - 17:10:49 | dpa.de
Wegen des erwarteten nĂ€chsten Milliardenlochs bei den gesetzlichen Krankenkassen drohen Versicherten 2024 erneut steigende BeitrĂ€ge. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) machte in Berlin deutlich, dass von Finanzminister Christian Lindner (FDP) kein zusĂ€tzliches Geld aus dem Haushalt komme, sondern sogar eingespart werden mĂŒsse. «Gleichzeitig steigen die Ausgaben der Krankenkassen, und LeistungskĂŒrzungen schlieĂe ich aus. Daher muss im nĂ€chsten Jahr der Beitragssatz steigen.» Von der Opposition und SozialverbĂ€nden kam scharfe Kritik. In der Ampel-Koalition wurden aber umgehend auch Forderungen laut, auf andere Weise gegenzusteuern.
Lauterbach sagte, die GröĂenordnung einer Beitragsanhebung sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau abschĂ€tzbar. Im Redaktionsnetzwerk Deutschland sprach er von «leicht» steigenden BeitrĂ€gen. Generell liefen bei den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) wegen des technischen Fortschritts und der alternden Bevölkerung die Einnahmen den Ausgaben hinterher.
Als Ausgleich hĂ€tte - wie im Koalitionsvertrag vorgesehen - auch 2024 der Bundeszuschuss ĂŒber die regulĂ€ren 14,5 Milliarden Euro pro Jahr hinaus erhöht werden sollen, wenn die Mittel dafĂŒr da seien. «Das ist aber jetzt nicht der Fall.»
Defizit von 3,5 Milliarden bis 7 Milliarden Euro erwartet
Hintergrund ist, dass den Kassen nach abgesicherten Finanzen 2023 fĂŒr 2024 erneut ein Defizit droht. Der GKV-Spitzenverband erwartet es bei 3,5 Milliarden bis 7 Milliarden Euro. Ohne Gegensteuern resultierte daraus rechnerisch ein Anstieg beim durchschnittlichen Zusatzbeitrag von 0,2 bis 0,4 Prozentpunkten. «Die Regierung hat es in der Hand, ob die BeitrĂ€ge steigen oder nicht», sagte Sprecher Florian Lanz. So finanziere die GKV mit 10 Milliarden Euro die Gesundheitsversorgung fĂŒr BĂŒrgergeldempfĂ€nger, obwohl dies eine staatliche Sozialleistung sei. «WĂŒrde diese Praxis enden, könnten wir ĂŒber stabile, vielleicht sogar sinkende KrankenkassenbeitrĂ€ge sprechen.»
FDP-Fraktionsvize Christoph Meyer sagte, in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit Menschen und Betrieben Mehrbelastungen aufzubĂŒrden, sei der falsche Weg. Der Gesundheitsminister mĂŒsse durch strukturelle Reformen bei den Krankenversicherungen und Leistungen sowie mit mehr Digitalisierung höhere BeitrĂ€ge vermeiden. «Das ist seine Aufgabe.»
Beitragsbemessungsgrenze in der Diskussion
GrĂŒnen-Fraktionsvize Maria Klein-Schmeink warnte, EinschrĂ€nkungen des Leistungskatalogs wĂ€ren «weiteres Gift fĂŒr den sozialen Frieden im Land». Zu befĂŒrworten sei eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze. So trĂŒgen Menschen mit finanziell starken Schultern stĂ€rker zur Finanzierung bei als Menschen mit nur geringen Einkommen. Bis zur Bemessungsgrenze sind Einkommen beitragspflichtig, alles darĂŒber ist beitragsfrei. Der Wert liegt derzeit bei 59.850 Euro im Jahr. FĂŒr eine höhere Bemessungsgrenze warb auch der Sozialverband VdK. Das wĂ€re gerechter, sagte PrĂ€sidentin Verena Bentele. Ein höherer Beitrag trĂ€fe in der Inflation vor allem Menschen mit kleinen Einkommen.
Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch kritisierte, die Koalition könne nicht lÀnger am Gesundheitssystem «flickschustern». Stabile BeitrÀge gebe es mit einer robusten gesetzlichen Krankenversicherung, in die alle Einkommen einzahlten - ohne Beitragsbemessungsgrenze, schrieb er bei Twitter. Unions-Gesundheitsexperte Tino Sorge (CDU) sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: «Neue Beitragsanhebungen sind nichts anderes als ein 'Weiter so' auf Kosten der Versicherten.»
Die Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde monierte: «Immer nur die Beitragszahlenden abzukassieren, grenzt an Arbeitsverweigerung.» Nötig seien Strukturreformen, sonst werde es fĂŒr BeschĂ€ftigte und Arbeitgeber bei gleichen Leistungen teurer. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erklĂ€rte, Lauterbach schlieĂe zu Recht LeistungskĂŒrzungen aus. Die Beitragsbemessungsgrenze dĂŒrfe fĂŒr eine verlĂ€ssliche Finanzierung nicht in Stein gemeiĂelt sein.
Eine extra Finanzspritze
FĂŒr dieses Jahr hatte der Bundestag wegen eines sonst erwarteten Defizits von 17 Milliarden Euro eine extra Finanzspritze beschlossen. Laut GKV-Spitzenverband wurden allein zehn Milliarden Euro davon aus Beitragsgeld aufgebracht - Reserven im Bereich der Kassen und einem Anstieg beim durchschnittlichen Zusatzbeitrag von 0,15 Punkten auf 1,51 Prozent. Zudem stockte der Bund seinen Zuschuss um 2 Milliarden Euro auf, Pharmabranche und Apotheken werden mit höheren AbschlĂ€gen herangezogen.
Die genaue Höhe des Zusatzbeitrags fĂŒr die 58 Millionen Mitglieder der Kassen und 15,9 Millionen beitragsfrei Mitversicherte legen die Kassen jeweils selbst fest, sie können vom Durchschnitt abweichen. Der gesamte Beitrag umfasst daneben den allgemeinen Satz von 14,6 Prozent des Lohns, den sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen.
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