Berlin: Grüne werben vor Verhandlungen für Pragmatismus
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 18:32 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSBerliner Verhandler und Ressortfragen
- Sergey Lagodinsky leitet für die Grünen die Arbeitsgruppe Sicherheit und Innenpolitik.
- Philmon Ghirmai und Nina Stahr gehören zum Hauptverhandlungsteam der Grünen.
- Ralf Stegner wünscht der SPD ein Streben nach dem Innenressort.
Grüne setzen auf ergebnisoffene Gespräche
Vor den am Montag beginnenden Koalitionsverhandlungen zwischen Linke, SPD und Grünen in Berlin wirbt der Grünen-Europaparlamentarier und Grünen-Verhandler Sergey Lagodinsky für einen pragmatischen Kurs. Er sagte dem „Spiegel“ am Sonntag, die Gespräche müssten zielgerichtet, aber ergebnisoffen geführt werden.
Grüne wollen Mitglieder überzeugen
Lagodinsky erklärte, ein guter Koalitionsvertrag und ein überzeugendes Verhandlungsteam könnten die Mitglieder der Parteien für das Ergebnis gewinnen. SPD und Grüne wollen den Vertrag einem Mitgliedervotum unterziehen.
Der Grünen-Politiker leitet die Arbeitsgruppe Sicherheit und Innenpolitik, die möglicherweise erst im späteren Verlauf der Woche in die Gespräche einsteigt. Er fordert eine progressive Politik, die fair, effektiv und sicher ist und ideologische Auseinandersetzungen überwindet.
Ghirmai sieht große Verantwortung
Der Co-Vorsitzende der Berliner Grünen, Philmon Ghirmai, sagte, die Partei beginne die Gespräche mit voller Kraft und großer Verantwortung für Berlin. Er zeigte sich zuversichtlich, ein Ergebnis zu erreichen, das die Mitglieder aller drei Parteien und die Berliner Bevölkerung überzeugt.
Ghirmai wird dem linken Flügel der Berliner Grünen zugerechnet. Gemeinsam mit Nina Stahr, die dem sogenannten Realoflügel zugerechnet wird, gehört er zum Hauptverhandlungsteam.
SPD-Linke unterstützt Krach
Auch aus der SPD-Linken im Bund kam Unterstützung für die Gespräche. Der Berliner SPD-Co-Landesvorsitzende und Co-Fraktionschef Steffen Krach führt die Verhandlungen für seine Partei.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner wünschte Krach einen professionellen Start. Zugleich kritisierte er Bemerkungen aus den möglichen Koalitionspartnern als nicht hilfreich.
Stegner fordert klare Sicherheitslinie
Stegner hält personelle Festlegungen nach eigenen Angaben für schwierig, würde sich aber wünschen, dass die SPD das Innenressort anstrebt. Antisemitismus und Nähe zu Clankriminalität müssten in der praktischen Arbeit einer Regierung mit SPD-Beteiligung auf null Toleranz stoßen.
Nach seiner Einschätzung darf es dabei nicht bei Formulierungen in Sondierungspapieren bleiben. Die Koalitionsgespräche beginnen am Montag.
Die Berliner Koalitionsverhandlungen starten rund sechs Wochen nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus. Mit dem Beschluss der Linken für Gespräche mit SPD und Grünen ist die rechnerische Grundlage für ein rot-grün-rotes Bündnis geschaffen; SPD und Grüne hatten diesem Weg bereits zugestimmt.
Der von Sergey Lagodinsky geforderte Pragmatismus verweist auf die zentrale Herausforderung der Gespräche: Die drei Parteien müssen politische Schnittmengen finden, obwohl sie in Fragen der inneren Sicherheit, der Stadtentwicklung und des Umgangs mit staatlichen Ausgaben unterschiedliche Akzente setzen. Ein Mitgliedervotum bei SPD und Grünen erhöht zugleich den Druck, einen Vertrag vorzulegen, der nicht nur von den Verhandlern, sondern auch von den Parteibasen getragen wird.
Innenpolitik als Prüfstein
Besondere Bedeutung dürfte der Bereich Inneres erhalten. Ralf Stegners Forderung nach einem klaren Vorgehen gegen Antisemitismus und Clankriminalität macht deutlich, dass Sicherheitsfragen auch innerhalb der SPD eine wichtige Rolle spielen. Die Ressortverteilung könnte damit zu einem frühen Streitpunkt werden, während die Grünen ihre Arbeitsgruppe Sicherheit und Innenpolitik erst im späteren Verlauf der Woche in die Verhandlungen einbinden wollen.
Mehrheit und Regierungsfähigkeit
Für die Berlinerinnen und Berliner entscheidet sich mit dem Koalitionsvertrag, ob das Bündnis konkrete Antworten auf belastende Alltagsthemen wie Wohnungsnot, Verkehr, Verwaltung und Sicherheit formuliert. Der angekündigte ergebnisoffene Kurs lässt offen, wie weit die Parteien bei strittigen Projekten aufeinander zugehen. Entscheidend wird deshalb weniger die politische Farbgebung als die Fähigkeit sein, Prioritäten, Finanzierung und Zuständigkeiten verbindlich zu klären.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDF: „Berlin: Linken-Parteitag stimmt für Koalitionsverhandlungen“ (31.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den Parteitagsbeschluss der Berliner Linken und ordnet ihn als Voraussetzung für Gespräche mit SPD und Grünen ein. Im Mittelpunkt steht damit die formale Entscheidung der Linken, während die dts-Meldung die Verhandlungsstrategie und die innenpolitischen Erwartungen beleuchtet.
Tagesschau: „Berliner Linke stimmt für Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD“ (31.10.2026)
Auch dieser Bericht bestätigt den Startpunkt der Gespräche und hebt die Zustimmung der Linken hervor. Anders als die dts-Meldung konzentriert sich der Beitrag auf den Parteitagsbeschluss; offen bleibt in beiden Perspektiven, wie die drei Parteien die inhaltlichen Konflikte lösen.
Einigkeit besteht über den Beginn der Verhandlungen und die Beteiligung von Linken, SPD und Grünen. Unterschiede liegen vor allem im Schwerpunkt: Der Pressespiegel betont die Zustimmung der Linken, während die dts-Meldung den inneren Kurs der Gespräche und die Sicherheitsdebatte hervorhebt.
