Chaotische ZustÀnde - Gesundheitssystem vor dem Kollaps?
17.01.2024 - 09:30:06Zauberlehrling Lauterbach wird die Geister nicht mehr los
Von Frank Rudolph
Treffen sich zwei Ărztinnen bei einer Mediziner-Demo: "Was wird 2024 fĂŒr ein Jahr im Gesundheitswesen", fragt die eine. "Na, so ein mittleres", erwidert ihre Kollegin. "Schlechter als 2023, aber besser als 2025." NatĂŒrlich ist das Sarkasmus pur im Angesicht der AbwĂ€rtsspirale, in die unser Gesundheitswesen hineinmanövriert wurde. "Humor ist, wenn man trotzdem lacht", meinte einst Otto Julius Bierbaum. Doch bei der Betrachtung der gesundheitspolitischen Misere in unserem Land könnte Patientinnen und Patienten ebenso wie BeschĂ€ftigten in Kliniken und Praxen das Lachen bald im Hals stecken bleiben.
Die Liste der MissstĂ€nde und ungelösten Problem ist mittlerweile so umfangreich, dass man fragen muss, ob Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) noch weiĂ, was er tut und wofĂŒr er die politische Verantwortung zu tragen hat. Vor lauter neuen Projekten - angekĂŒndigte ebenso wie in Angriff genommene und dann ins Stocken geratene - könnte man meinen, der Professor habe im Schaffensrausch den Ăberblick verloren: Von der Krankenhaus- und der Notfallreform ĂŒber das Gesundheitsversorgungesetz, die Digitalgesetze sowie die unselige Cannabis-Legalisierung und die staatliche Hitzeberatung bis zu den umstrittenen Gesundheitskiosken. Im Ăbereifer scheint dem selbsternannten Retter des deutschen Gesundheitswesens der Blick fĂŒr schwerwiegende akute Probleme abhanden gekommen zu sein.
Gravierender Medikamentenmangel - wurden Angaben geschönt?
Fangen wir bei A wie Apotheken an: "Der Medikamentenmangel in Deutschland ist offenbar dramatischer als angenommen", meldete das "Handelsblatt" am 11. Januar unter Berufung auf die Bundesvereinigung Deutscher ApothekerverbĂ€nde (ABDA). Die EngpĂ€sse wĂŒrden im Versorgungsalltag der Apotheken weit ĂŒber das hinausgehen, was offiziell gemeldet werde, warnte der Verband.
Das Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte listete bei rund 500 Medikamenten LieferengpĂ€sse auf. Den offiziellen Angaben zufolge sind das Ă€hnlich viele wie vor einem Jahr. Wer erwartet hatte, dass im Bundesgesundheitsministerium (BMG) Schlussfolgerungen aus diesen Lieferproblemen gezogen und rechtzeitig MaĂnahmen fĂŒr Versorgungssicherheit im Winter 2023/24 getroffen wurden, sieht sich enttĂ€uscht. Schlimmer noch: Die MĂ€ngelliste des Bundesinstituts ist wohl geschönt: "In Wirklichkeit sind es einige Tausend Medikamente, die nicht zu bekommen sind", sagte Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, laut "Handelsblatt".
Apotheken ohne Apotheker oder Apothekerinnen?
LĂ€ngst nicht allein die LieferengpĂ€sse machen den noch fast 18.000 Apotheken in Deutschland zu schaffen. Mindestens ebenso groĂe Sorgen bereiten die Folgen der von Lauterbach geplanten Apothekenreform. Sie ist kaum etwas anderes als ein weiteres als "Reform" verbrĂ€mtes Sparprogramm.
Dazu gehört unter anderem die abenteuerliche Vorstellung, dass Medikamente in Apotheken auch dann ausgegeben werden sollen, wenn eine sachkundige Beratung nicht mehr persönlich vor Ort, sondern lediglich durch eine digital zugeschaltete approbierte Fachkraft möglich ist. Es sei "gefÀhrlich und die Versorgung der Menschen wenig wertschÀtzend, wenn unsere Patientinnen und Patienten in Apotheken versorgt werden sollen, in denen keine Apothekerinnen und Apotheker mehr arbeiten", warnte ABDA-PrÀsidentin Gabriele Regina Overwiening in ihrer Videobotschaft zum Jahresstart 2024.
"Die Pflege entwickelt sich zur Kosten-Bombe"
Besorgniserregender als die Probleme der Apotheken stellt sich allerdings der Pflegenotstand dar. In weiten Teilen der Àlteren Bevölkerung geht die Angst um, in die Armut getrieben zu werden, wenn eines Tages der Umzug ins Pflegeheim nicht mehr abzuwenden sein sollte.
"Die Pflege entwickelt sich zur Kosten-Bombe", warnte die "Bild"-Zeitung. "Wer den Lebensabend erreicht hat, darf nicht von Finanzsorgen gequĂ€lt werden. PflegebedĂŒrftige mĂŒssen sich darauf verlassen können, dass sie umsorgt werden - und niemandem zusĂ€tzlich (finanziell) zur Last fallen."
Diese Erwartung ist nur allzu verstĂ€ndlich. Die Hoffnung, dass sie erfĂŒllt werden könnte, wurde genĂ€hrt, als die rot-grĂŒn-gelbe "Fortschrittskoalition" vor mehr als zwei Jahren ihren Koalitionsvertrag vorstellte. Einer Explosion der Pflegekosten wollte die Ampel erklĂ€rtermaĂen entgegenwirken. Getan hat sich leider wenig bis nichts. Dabei weisen Experten seit langem darauf hin, dass rechtzeitige Vorsorge vor Pflege-Armut unablĂ€ssig ist, unter anderem durch zusĂ€tzliche private Versicherungen. Doch fĂŒr den Sozialdemokraten Lauterbach ist alles kapitalistisches Teufelszeug, was nicht staatlich, sondern irgendwie "privat" ist. Nur dass der Staat nicht weiĂ, wo er das Geld herbekommen soll. Die Folgen eines nach wie vor fehlenden Konzepts fĂŒr eine ausreichende Pflege-Finanzierung sind schlimm. Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) lĂ€utete die Alarmglocken: Bis Mitte Dezember 2023 seien deutschlandweit beinahe 800 Insolvenzen und SchlieĂungen in der Altenpflege verzeichnet worden. Eine "GeneralĂŒberholung der VergĂŒtung von Pflegeleistungen" sei ĂŒberfĂ€llig.
"2023 mussten tĂ€glich zwei Pflegeeinrichtungen Insolvenz beantragen oder schlieĂen. Jede Insolvenz bedeutet eine tiefe Verunsicherung fĂŒr PflegebedĂŒrftige, sowohl in ambulanter Betreuung als auch in Pflegeheimen", erklĂ€rte AGVP-PrĂ€sident Thomas Greiner, wie das "Ărzteblatt" berichtete. Das seien "keine unkontrollierbaren Naturkatastrophen, sondern das gemeinsame Resultat der Pflegepolitik der letzten Jahre und der Verantwortungslosigkeit der Pflegekassen". Er fĂŒgte hinzu: "Wenn die altenpflegerische Versorgung fĂŒr die kommenden Jahrzehnte erhalten werden soll, muss die Politik aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen."
VerÀrgerte FachÀrzte - Mogelpackung bei der Entbudgetierung
Einen Lichtblick in der Krise des deutschen Gesundheitswesens schien es inzwischen immerhin fĂŒr die HausĂ€rztinnen und HausĂ€rzte zu geben. Nach wiederholten Praxis-Streiks und StraĂenprotesten versprach Lauterbach ihnen nun, dass die Deckelung der VergĂŒtung ihrer Leistungen fĂŒr gesetzlich Versicherte aufgehoben wird. In Aussicht gestellt hatte die Ampel das bereits im Koalitionsvertrag. Wie das genau aussehen, berechnet und umgesetzt wird, lieĂ Lauterbach allerdings offen. Damit bleibt er seiner Taktik treu, pompöse AnkĂŒndigungen zu machen und die KlĂ€rung der Details auf spĂ€ter zu verschieben.
Budgetierung bedeutet nichts anderes, als dass einer ganzen Berufsgruppe nur ein Teil der erbrachten Leistung bezahlt wird. Das ist - einfach gesagt - so, als wĂŒrde jemand beim BĂ€cker zehn Brötchen bestellen, aber nur acht bezahlen. Seit Jahren ist dieser Zustand, mit dem die Kosten der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) eingedĂ€mmt werden sollen, ein Streitpunkt zwischen Politik und Ărzteschaft. Nun soll damit fĂŒr die HausĂ€rzte Schluss sein, Ă€hnlich wie zuvor bei den Kinder- und JugendĂ€rzten.
Niedergelassene FachÀrzte wollen Proteste fortsetzen
So begrĂŒĂenswert das ist, von einer umfassenden Entbudgetierung kann lĂ€ngst keine Rede sein. Die Forderung, auch fĂŒr die niedergelassenen FachĂ€rzte die Deckelung zu streichen, lehnte der Minister ab. Die wĂŒrden schon genug verdienen und im Ăbrigen fehle das Geld dafĂŒr. FĂŒr die Streichung des Hausarzt-Deckels wĂŒrde es wohl noch geradeso reichen. Die kostet die Beitragszahlenden der GKV Experten zufolge die vergleichsweise geringe Summe von rund 100 Millionen Euro im Jahr. Eine Aufhebung fĂŒr alle Arztgruppen wĂŒrde den SchĂ€tzungen zufolge hingegen rund drei Milliarden Euro im Jahr kosten.
Kein Wunder, dass der Virchow-Bund Lauterbachs kalte Schulter fĂŒr die niedergelassenen FachĂ€rzte scharf kritisiert. Verbandschef Dirk Heinrich: "Wir beobachten, dass die Wut an der Basis weiter steigt. Daher ist fĂŒr uns klar, dass die Proteste weitergehen mĂŒssen."
Konkreten Fragen zur Finanzierung seines Versprechens an die HausĂ€rzte sei Lauterbach ausgewichen, kritisierte der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Tino Sorge (CDU). Er sprach von einem "Gipfel der AnkĂŒndigungen und Durchhalteparolen". Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte Sorge: "FĂŒr zehntausende Arztpraxen in Deutschland bleibt auĂer vagen Versprechungen wenig Handfestes."
Kranke KrankenhÀuser - die Insolvenzwelle rollt
Kein bisschen optimistischer klingt die aktuelle LageeinschĂ€tzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). "Zu Beginn des neuen Jahres stehen wir beinahe an derselben krankenhauspolitischen Stelle wie im Januar 2023", konstatierte die Interessenvertretung der deutschen Kliniken nach einem Jahr weitgehend unerfĂŒllter Forderungen an das BMG. "Die KrankenhĂ€user leiden unter der Inflation, so viele wie nie zuvor mussten bereits Insolvenz anmelden, zahlreiche Kliniken haben 2023 mit seinen wirtschaftlichen Zumutungen ĂŒberhaupt nicht ĂŒberlebt."
Nach groĂspurigen AnkĂŒndigungen aus dem Hause Lauterbach ĂŒberwiegen inzwischen auch bei den KrankenhĂ€usern ErnĂŒchterung und EnttĂ€uschung: "Nach wie vor schaut die Politik dem Krankenhaussterben zu. Der Inflationsausgleich, den die KrankenhĂ€user seit 2022 fordern, ist noch immer nicht in Aussicht", klagt die DKG.
FĂŒr Lauterbachs gröĂtes Vorhaben, eine umfassende Struktur- und Finanzierungsreform der KrankenhĂ€user, fehle immer noch ein konsensfĂ€higer konkreter Gesetzentwurf. Viel Zeit sei "durch die Auseinandersetzung des Bundesministers mit seinen LĂ€nderkolleginnen und -kollegen" verstrichen.
WĂ€hrend die Insolvenzwalze sich weiter dreht, stockt die Krankenhausreform, weil Lauterbach den durchaus berechtigten Forderungen der LĂ€nder nicht nachkommen will. Die Folge ist eine "kalte Strukturbereinigung". Der Minister nimmt sie anscheinend sehenden Auges in Kauf. Frei nach dem Motto: Je mehr es weh tut, desto eher werden die LĂ€nder einlenken.
Die LĂ€nder sollen schuld sein
Derweil bemĂŒht sich Lauterbach in den öffentlichen Debatten, den LĂ€ndern die Schuld zuzuschieben. Sie wĂŒrden sein sogenanntes Transparenzgesetz blockieren und damit die Krankenhausreform auf Eis legen. Das ist nicht einfach nur falsch, es ist auch geradezu heuchlerisch. Denn beim Transparenzgesetz geht es nur vordergrĂŒndig darum, Patienten und Patienten eine bessere Möglichkeit zu geben, die fĂŒr sei am besten geeignete Klinik zu finden.
Vielmehr handelt es sich um einen Versuch, die Kompetenzen und Entscheidungsbefugnisse der LĂ€nder bei der Krankenhausplanung zu beschneiden und durch zentralstaatliche Vorgaben zu ersetzen. Mit Hilfe des Transparenzgesetzes will Lauterbach den Krankenhausstandorten von Berlin aus Leistungsgruppen zuweisen lassen - und zwar zwei Jahre frĂŒher als die LĂ€nder im Rahmen ihrer Planungen auf der Basis der anvisierten Reform selbst tĂ€tig werden könnten. Dass sich mehrere LĂ€nder - nicht allein unionsgefĂŒhrte - dagegen wehren, ist keine "Blockadehaltung", sondern der Versuch einen Ideologie-getriebenen Umbau der Krankenhauslandschaft zu verhindern, der auf eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung hinauslaufen wĂŒrde.
DKG: Ringen um Transparenzgesetz nicht zulasten der KrankenhÀuser
Die Forderung der DKG: "Wenn der Bund gegenĂŒber den LĂ€ndern beim Transparenzgesetz nicht zu Kompromissen bereit ist und keine Einigung zustande kommt, darf das nicht zulasten der KrankenhĂ€user gehen. Wir brauchen jetzt schnelle Entscheidungen, die die Versorgungssicherheit fĂŒr die Patienten auch in den kommenden Monaten gewĂ€hrleisten ... Hier trĂ€gt die Politik eine groĂe Verantwortung."
Dass sie ihr gerecht wird, darf angesichts des insgesamt eher hektischen Agierens dieses Ministers bezweifelt werden. Vielmehr weitet sich das Chaos in der deutschen Gesundheitspolitik immer mehr aus. So mancher fragt sich, ob unser Gesundheitswesen vor dem Kollaps steht - beziehungsweise wie weit es davon noch entfernt sein mag.
KrankenhĂ€user und Pflegeeinrichtungen am Limit, die Insolvenzwelle rollt, die hausĂ€rztliche Versorgung kurz vor dem Zusammenbruch, die Versorgung in der FlĂ€che ist schon heute nicht mehr gewĂ€hrleistet, FachĂ€rzte vergeben immer weniger Termine, da sie ihre Leistungen zum Teil nicht bezahlt bekommen. Doch fĂŒr Lauterbach scheint es scheint kein dringenderes Anliegen zu geben, als sein umstrittenes - und weitgehend ĂŒberflĂŒssiges - Transparenzgesetz durchzuboxen.
Hat sich da ein ĂŒbereifriger Ideologe verrannt? Hat Lauterbach in ĂŒbersteigertem Ehrgeiz einfach zu viele Baustellen gleichzeitig aufgemacht? Derzeit "kumulieren sich alle Vorhaben", rĂ€umte Michael Weller ein, Leiter der Abteilung 2 "Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung" im BMG. "Uns lĂ€uft die Zeit davon", sagte er bei einem Symposium der Gesellschaft fĂŒr Recht und Politik im Gesundheitswesen (GPRG), wie das "Deutsche Ărzteblatt" berichtete. Ziel sei es, bis zum 24. April möglichst viele Gesetze im Bundeskabinett verabschieden zu lassen. Denn Gesetze, die bis dahin nicht vom Ampel-Kabinett abgesegnet wurden, könnten nicht mehr bis zum 1. Januar 2025 in Kraft treten.
Wo das Geld fĂŒr all die Vorhaben herkommen soll, steht freilich in den Sternen. SoliditĂ€t und VerlĂ€sslichkeit geht anders. Lauterbachs leichtsinniges Agieren erinnert an Goethes "Zauberlehrling". Auch der Minister könnte inzwischen gut und gern ausrufen "Herr, die Not ist groĂ! Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." Bei Goethe macht bekanntlich der Hexenmeister dem Spuk ein Ende. Doch der "Hexenmeister" der Ampelregierung, Bundeskanzler Olaf Scholz, lĂ€sst seinen "Zauberlehrling" und Parteifreund gewĂ€hren - trotz wiederholter Appelle und Proteste der Ărzteschaft und der KrankenhĂ€user, die von Scholz ein Eingreifen fordern. Wie wie lange noch?
Der Autor: Frank Rudolph (Jahrgang 1960) ist mit der Kalkulation und Abrechnung medizinischer Leistungen seit vielen Jahren vertraut. Als GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bundesverbandes Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG) kennt er die Folgen gesundheitspolitischer Weichenstellungen in Bund und LĂ€ndern fĂŒr die medizinische Versorgung der Bevölkerung - insbesondere hinsichtlich des VerhĂ€ltnisses von Kosten und Nutzen. Der in Essen geborene Betriebswirt ist Mitglied der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU. Von 2007 bis 2013 war Rudolph Mitglied der Bundeskommission Gesundheit. Seit 2007 ist er 1. stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitspolitischen Arbeitskreises der CDU NRW.
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