Berlin Wahl: Linke siegt deutlich – Rot-Grün-Rot und harte Enteignungsdebatte möglich
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 02:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus klar gewonnen und kann mit Spitzenkandidatin Elif Eralp in Gespräche zur Bildung eines neuen Senats gehen.
Linke vor CDU – mögliches Rot-Grün-Rot
Nach dem vorläufigen Ergebnis erreicht die Linke 25,7 Prozent der Stimmen und erzielt damit ihr bestes Resultat bei einer Abgeordnetenhauswahl. Eralp kündigte an, Regierende Bürgermeisterin werden zu wollen; sie wäre die erste Regierungschefin mit türkischen Wurzeln in Berlin. Die bisherige schwarz-rote Koalition ist abgewählt, die CDU fällt mit Spitzenkandidat Stefan Evers deutlich zurück und landet bei 18,8 Prozent.
Rechnerisch wäre eine Dreierkoalition aus Linken, Grünen und SPD möglich. Die Grünen senden Signale, dass sie eine rot-grün-rote Regierung für folgerichtig halten, während aus der SPD auch skeptische Stimmen kommen. Die Sozialdemokraten sehen nach ihrem schwachen Abschneiden keine Grundlage für eigene Bedingungen in Koalitionsverhandlungen.
Starke Zugewinne für AfD – Grüne und SPD als Königsmacher
Auf Platz drei liegt die AfD mit 16,3 Prozent und legt damit im Vergleich zur Wahl 2023 deutlich zu. Die Grünen kommen auf 14,3 Prozent, die SPD auf 12,1 Prozent und rutscht auf Rang fünf ab. Beide Parteien könnten zur entscheidenden Größe bei der Regierungsbildung werden.
Berlins Grünen-Co-Landesvorsitzende Nina Stahr sieht im Wahlausgang einen klaren Auftrag für eine progressive, rot-grün-rote Regierung. Der frühere Regierende Bürgermeister Michael Müller verweist dagegen auf die strukturellen Schwierigkeiten eines Dreierbündnisses und auf die Unerfahrenheit vieler neuer Linke-Abgeordneter.
Verhandlungen bis Weihnachten angepeilt
Der Linke-Fraktionsvorsitzende Tobias Schulze drängt auf zügige Gespräche und will eine neue Koalition möglichst bis Weihnachten vereinbart sehen. Er plädiert für einen schlankeren Koalitionsvertrag, in dem die wichtigsten Punkte für alle Partner festgehalten werden, statt eines sehr umfangreichen Papiers.
CDU-Spitzenkandidat Evers kündigt ebenfalls Gespräche mit anderen Parteien an, vermeidet aber ausdrücklich den Begriff „Sondierungsgespräche“. Alle Parteien hatten vor der Wahl eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Deren Spitzenkandidatin Kristin Brinker kündigt an, die Linke aus der Opposition heraus politisch stellen zu wollen.
Kleine Parteien und hohe Beteiligung
Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) scheitert mit 4,7 Prozent knapp an der Fünfprozenthürde und verpasst den Einzug ins Abgeordnetenhaus. Die FDP bleibt mit 2,5 Prozent erneut unter der Sperrklausel. Rund 2,5 Millionen Bürgerinnen und Bürger waren zur Wahl aufgerufen; die Beteiligung steigt deutlich und liegt bei 74,2 Prozent gegenüber 63 Prozent im Jahr 2023.
Wohnungsmangel und Enteignungsdebatte
Der Wahlkampf wurde stark vom Wohnungsmangel und hohen Mieten geprägt. Die Linke will große Wohnungsunternehmen vergesellschaften und einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen einführen. Eralp bekräftigt, dass unter einer linken Regierungsführung vergesellschaftet werden solle.
SPD-Spitzenkandidat Krach hält eine Enteignung großer Immobilienkonzerne für wenig realistisch und zeigt sich sicher, dass entsprechende Vorhaben am Ende nicht umgesetzt werden. Nach dem historisch schlechten Ergebnis seiner Partei sieht er keinen Regierungsauftrag für die SPD und verpasst zudem ein Direktmandat in seinem Wahlkreis.
Historische Zäsur in der Berliner Landespolitik
Der klare Wahlsieg der Linken mit Spitzenkandidatin Elif Eralp markiert einen tiefgreifenden Einschnitt in der Berliner Politik. Erstmals könnte eine Politikerin dieser Partei, zudem mit türkischen Wurzeln, an die Spitze des Senats rücken. Der Machtverlust der CDU nach kurzer Regierungszeit und die drastischen Einbußen von SPD und Grünen verschieben das Kräfteverhältnis im Abgeordnetenhaus deutlich zugunsten der linken und rechten Ränder, während die traditionellen Volksparteien an Bindekraft verlieren.
Koalitionsarithmetik und Konfliktlinien
Rechnerisch eröffnet das Ergebnis mehrere Dreierkonstellationen, politisch am ehesten eine rot-grün-rote Koalition unter Führung der Linken. Dass sowohl Grüne als auch SPD als potenzielle „Königsmacher“ auftreten, dürfte die Sondierungen komplex machen: Die Linke drängt auf zügige Verhandlungen, zugleich warnen erfahrene Sozialdemokraten vor strukturellen Problemen eines Dreierbündnisses mit einer stark aktivistisch geprägten Linken. Parallel setzt die deutlich erstarkte AfD die übrigen Parteien unter Druck, obwohl eine Zusammenarbeit ausgeschlossen ist und die demokratischen Lager zugleich Mehrheiten organisieren und Abgrenzung demonstrieren müssen.
Wohnungspolitik als Prüfstein für Rot-Grün-Rot
Die Wahl wurde maßgeblich von Wohnungsnot und hohen Mieten geprägt. Die Linke tritt mit weitreichenden Forderungen nach Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen und einem Mietendeckel für landeseigene Wohnungen an, während die SPD-Spitze erhebliche Zweifel an der Umsetzbarkeit solcher Enteignungen äußert. In möglichen Koalitionsverhandlungen dürfte genau diese Frage zum zentralen Konfliktpunkt werden. Für Berlinerinnen und Berliner entscheidet sich damit in den kommenden Monaten, ob die Landespolitik in der Wohnungskrise auf deutlich stärker regulierende Eingriffe setzt oder ob ein kompromissorientierter Kurs mit moderateren Maßnahmen gefunden wird.
