Meldestelle: VorfÀlle gegen Sinti und Roma verdoppelt
17.06.2024 - 13:09:16Diskriminierung bei Behörden, Beschimpfungen, gewalttĂ€tige Ăbergriffe: 1233 VorfĂ€lle und Straftaten gegen Sinti und Roma hat die Antiziganismusmeldestelle MIA im vergangenen Jahr erfasst â fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Die Meldestelle erklĂ€rt den starken Anstieg in ihrem Jahresbericht 2023 zwar auch damit, dass VorfĂ€lle hĂ€ufiger angezeigt werden. Der Zentralrat der Sinti und Roma sieht dennoch eine dramatische Entwicklung.Â
«Das bereitet uns groĂe Sorge vor dem Hintergrund der Geschichte», sagte der Zentralratsvorsitzende Romani Rose mit Blick auf die Ermordung von 500.000 Sinti und Roma wĂ€hrend der NS-Zeit. Die Politik mĂŒsse alle Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen. Vor allem gebe es eine «dramatische, bedrohliche, beĂ€ngstigende Zunahme von Antiziganismus mit Gewalt». Antiziganismus bezeichnet eine Form des Rassismus, die sich gegen die Minderheit der Sinti und Roma richtet.Â
Hakenkreuze an Grabstelle
MIA erfasste zehn FĂ€lle «extremer Gewalt». Hinzu kamen 40 Angriffe, 46 Bedrohungen und 27 SachbeschĂ€digungen. MIA-Vorstandschef Silas Kropf berichtete etwa, dass eine GrabstĂ€tte von Sinti und Roma mit Hakenkreuzen beschmiert worden sei. In Solingen habe es einen Fall von Brandstiftung gegeben. Antiziganistische Parolen etwa in FuĂballstadien und Propaganda rechter Parteien stachelten Gewalt gegen Sinti und Roma an, sagte Kropf.
Bei der Mehrzahl der gemeldeten FĂ€lle handelt es sich jedoch um Verunglimpfung, Ausgrenzung und Diskriminierung. So seien 600 FĂ€lle «verbaler Stereotypisierung» erfasst worden, also herabwĂŒrdigende ĂuĂerungen im Alltag. Kropf nannte als Beispiel den Satz einer Lehrerin zur Anmeldung einer Romni zum Abitur: «Warum gibst du dir so viel MĂŒhe, obwohl du sowieso nicht lange bleiben und wahrscheinlich in einem Monat heiraten wirst?»
Polizeihund beiĂt gefesselten Rom
Bei weiteren 502 gemeldeten VorfĂ€llen ging es um Diskriminierung, und davon wiederum ein Viertel bei Behörden wie Sozial- oder JugendĂ€mtern oder auch bei der Polizei. «In 83 der gemeldeten VorfĂ€lle waren PolizeikrĂ€fte in unterschiedlicher Weise beteiligt», sagte Kropf. Der MIA-Bericht nennt das Beispiel eines Vaters, der rechtsradikale Parolen auf dem Schulhof seines Sohnes anzeigen wollte. Auf der Polizeidienststelle sei er mit den Worten abgewiesen worden: «Soll ich mal bei dir schauen, was du gegebenenfalls alles auf dem Kerbholz hast?»Â
In drei FĂ€llen hĂ€tten Polizistinnen oder Polizisten extreme Gewalt ausgeĂŒbt, sagte Kropf. So hĂ€tten Beamte in einem Wohnheim fĂŒr GeflĂŒchtete ihren Polizeihund auf einen am Boden liegenden, bereits mit Handschellen gefesselten Mann losgelassen. Das Tier habe den Rom schwer verletzt.
In Deutschland leben SchĂ€tzungen zufolge bis zu 150.000 deutsche Sinti und Roma sowie etwa hunderttausend zugewanderte Roma. Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Bund (MIA) wurde 2022 gegrĂŒndet und unterhĂ€lt mehrere regionale Meldestellen. Sie wurde anfangs vom Bundesinnenministerium unterstĂŒtzt und wird nun vom Bundesfamilienministerium gefördert.


