Bauern protestieren bundesweit
08.01.2024 - 12:22:23Die Proteste der Landwirte gegen SubventionskĂŒrzungen haben am Montag bundesweit zu groĂen Verkehrsbehinderungen gefĂŒhrt. Am Brandenburger Tor in Berlin nahmen rund 550 Demonstranten mit Ă€hnlich vielen Fahrzeugen am Protest teil, darunter zahlreiche Traktoren. In Erfurt zĂ€hlte die Polizei etwa 1600 Fahrzeuge. An vielen Orten gab es Traktorkolonnen sowie zeitweilige Blockaden von Autobahnauffahrten.
Im VW-Werk Emden wurde die Produktion gestoppt. Es sei fĂŒr die BeschĂ€ftigten nicht möglich gewesen, zur Arbeit zu kommen, sagte eine VW-Sprecherin. Die Bauern erhielten in einigen StĂ€dten UnterstĂŒtzung etwa von Lastwagenfahrern und Handwerkern. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnte vor einer Kaperung der Bauernproteste durch extreme KrĂ€fte.
«Es kursieren Aufrufe mit Umsturzfantasien. Extremistische Gruppen formieren sich, völkisch nationalistische Symbole werden offen gezeigt. Es wird sichtbar, dass in den letzten Jahren etwas ins Rutschen geraten ist, was den legitimen demokratischen Protest und die freie MeinungsĂ€uĂerung entgrenzt», sagte der GrĂŒnen-Politiker in einem auf sozialen Medien verbreiteten Video. Darin forderte er auch eine Debatte ĂŒber einen Wandel der Landwirtschaft.
In vielen Orten Deutschlands mĂŒssen sich Autofahrer, SchĂŒler und BusfahrgĂ€ste aufgrund der Proteste auf starke Behinderungen einstellen. Mehrere Kultusministerien der LĂ€nder kĂŒndigten an, dass SchĂŒler entschuldigt werden, sollten sie es wegen der Aktionen nicht zum Unterricht schaffen.
Aktionswoche lÀuft
Der Bauernverband hat zu einer Aktionswoche aufgerufen, um gegen die Streichung von Subventionen fĂŒr die Branche zu demonstrieren. Dabei geht es vor allem um die SteuervergĂŒnstigung von Agrardiesel. Dass die Bundesregierung einen Teil ihrer SparplĂ€ne zurĂŒckgenommen hat, reicht dem Verband nicht aus. Nach einer eskalierten Protestaktion gegen Wirtschaftsminister Habeck an der Nordsee rief der Bauernverband am Wochenende seine AnhĂ€nger aber auch zur MĂ€Ăigung auf und forderte, Aktionen vor Wohnungen von Politikern und persönliche Anfeindungen zu unterlassen.
Der Aufruf zum Protest fiel bei den Landwirten und einigen unterstĂŒtzenden Gruppen auf fruchtbaren Boden:
- In mehreren BundeslÀndern, darunter Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg, blockierten Landwirte mit ihren Traktoren Autobahnenauffahrten. In Niedersachsen stellten die Bauern die Fahrzeuge zeitweise auch auf die Autobahnen selbst.
- Mehrere StÀdte waren Ziel von Sternfahrten, darunter Mainz, Stralsund und Siegburg. In Kiel waren am Montag etwa 700 Fahrzeuge im Zusammenhang mit den Protesten unterwegs. In Wiesbaden waren es 1000.
- In Hamburg blieb dagegen ein befĂŒrchtetes groĂes Verkehrschaos aus.
Bauernverband sieht ZukunftsfÀhigkeit der Betriebe in Gefahr
Der Bauernverband forderte am Montag erneut, die geplanten KĂŒrzungen zurĂŒckzunehmen. «Die nehmen der Landwirtschaft die ZukunftsfĂ€higkeit. Vor allem gefĂ€hrden wir am Ende die gesicherte Versorgung mit heimischen, hochwertigen Lebensmitteln», sagte VerbandsprĂ€sident Joachim Rukwied im RBB-Inforadio.
Ein Wegfall der SteuerbegĂŒnstigung beim Agrardiesel bedeutet laut Bundesregierung im Schnitt Mehrkosten von etwa 3000 Euro im Jahr pro Betrieb. Die generelle Ertragslage der Landwirtschaft hatte sich nach Branchenangaben nach einer lĂ€ngeren Durststrecke zuletzt weiter verbessert. Im Ende Juni abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2022/23 stieg der durchschnittliche Gewinn der Betriebe auf das Rekordniveau von 115 400 Euro - ein Plus von 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon sind aber unter anderem noch Investitionen zu bezahlen.
Angesichts sinkender Preise etwa bei Getreide und Milch hatte der Bauernverband sich bereits vor Bekanntwerden der Ampel-PlĂ€ne pessimistisch zu den weiteren GeschĂ€ftsaussichten geĂ€uĂert. FĂŒr viel Frust unter Landwirten sorgen schon seit Jahren zusĂ€tzliche Auflagen fĂŒr die Produktion und eine ungewisse Finanzierung fĂŒr einen Umbau der Tierhaltung. Um fĂŒr mehr WertschĂ€tzung zu demonstrieren, hatte es auch Ende 2019 bundesweit Bauernproteste mit Traktoren gegeben.
Weil: Geplante KĂŒrzungen zurĂŒcknehmen
Auch Niedersachsens MinisterprĂ€sident Stephan Weil forderte, die KĂŒrzungen zurĂŒckzunehmen. Die Bundesregierung solle reinen Tisch machen und den Konflikt beenden, sagte der SPD-Regierungschef am im ZDF-«Morgenmagazin». Die Bundesregierung plant, die Steuersubventionen fĂŒr Agrardiesel stufenweise wegfallen zu lassen. Ein weiterer Vorschlag, die Steuerbefreiung fĂŒr landwirtschaftliche Maschinen zu kippen, ist vom Tisch. Sachsens MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer warf der Ampel-Koalition mangelnde Bereitschaft zum Dialog vor.
Bei Bundesinnenministerin Nancy Faeser stieĂen die geplanten Blockaden auf Kritik: «Wer andere Menschen, die eilig zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt mĂŒssen, im Alltag blockiert, der sorgt in allererster Linie fĂŒr Wut und UnverstĂ€ndnis», sagte die SPD-Politikerin der «Rheinischen Post». Legitimer Protest ende da, wo andere in ihren Rechten verletzt wĂŒrden.
Der Magdeburger Extremismusforscher Matthias Quent forderte von den protestierenden Bauern eine klare Abgrenzung von rechten MitlÀufern. Nationalistische, rechtsextremistische und verschwörungsideologische Akteure versuchten, die Bewegung politisch zu instrumentalisieren, sagte Quent im Deutschlandfunk. Ihnen gehe es nicht um Agrardiesel, sie «wollen Deutschland lahmlegen». Quent ist Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.











