CDU-Krise: Merz berät nach drei Wahlniederlagen über Kurs
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 19:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSCDU berät über Folgen der Wahlniederlagen
- Die Führungsklausur findet in Berlin unter Leitung von Friedrich Merz und Franziska Hoppermann statt.
- Die CDU flog in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landtag und verlor in Sachsen-Anhalt sowie Berlin deutlich an Boden.
- Über die Ergebnisse wollen Merz und Hoppermann am Montagnachmittag informieren.
Die CDU-Spitze hat in Berlin ihre Beratungen über einen Ausweg aus der tiefen Krise der Partei aufgenommen.
Hoppermann erwartet keinen schnellen Durchbruch
Generalsekretärin Franziska Hoppermann sagte zum Auftakt, die Klausur sei keine «Wunderwaffe», sondern der Beginn eines Prozesses in Partei und Bundesregierung.
Die CDU müsse Vertrauen zurückgewinnen, die Modernisierung des Landes vorantreiben und die Lebenswirklichkeit der Menschen stärker berücksichtigen. Eine schnelle Lösung zeichne sich nach ihren Worten nicht ab.
Entlastung bei Energie und Lebenshaltung
Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder schlug vor, die Stromsteuer für alle zu senken. Die Maßnahme sei im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt, aber bisher nicht umgesetzt worden.
Auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt forderte, die Lebenshaltungskosten zu senken. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein nannte Lebenshaltungskosten, Sicherheit, Migration und Arbeitsplätze als zentrale Themen.
CDU verliert in mehreren Ländern
In Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU am 20. September erstmals an der Hürde für den Einzug in den Landtag. In Berlin wurde sie am selben Tag von der Linken von Platz eins verdrängt.
In Sachsen-Anhalt verlor die Partei zwei Wochen zuvor fast 20 Prozentpunkte. Bundesweit liegt die Union in mehreren Umfragen unter 20 Prozent, nachdem sie bei der Bundestagswahl Anfang 2025 noch 28,5 Prozent erreicht hatte.
Streit über Kurs und Abgrenzung
Die CDU will aus den Wahlergebnissen inhaltliche Konsequenzen ziehen. Dabei geht es um Reformen bei Rente, Pflege und Gesundheit sowie um die Frage, ob die Partei konservativer auftreten oder einen anderen Kurs einschlagen soll.
Offen ist zudem, wie die CDU ihre Abgrenzung zur AfD und zur Linken handhabt. Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und Berlin belasten zugleich die schwarz-rote Koalition.
Koalitionsstreit belastet die Führung
Die SPD verdächtigt CDU-Abgeordnete, bei der Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt mitgewirkt zu haben. Die Union warnt die SPD vor einer Zusammenarbeit mit der Linken in Berlin.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete mögliche Sondierungen von SPD, Grünen und Linken als Belastungsprobe für die Koalition. Ministerpräsident Schnieder warnte zugleich vor einer Fortsetzung der Personaldebatte um Merz.
Gauck als Gast bei der Klausur
Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck ist zum Abendessen mit der CDU-Spitze eingeladen. Er hatte Rücktrittsforderungen an Merz zuletzt zurückgewiesen.
Nach weiteren Sitzungen des Präsidiums und des größeren Vorstands wollen Merz und Hoppermann am Montagnachmittag auf einer Pressekonferenz über die Ergebnisse informieren.
Die Krise hat mehrere Ursachen
Die CDU muss ihre Wahlniederlagen mit einer bundespolitischen Vertrauenskrise verbinden. In Sachsen-Anhalt verlor sie deutlich, in Berlin blieb sie hinter der Linken zurück, in Mecklenburg-Vorpommern scheiterte sie erstmals an der Fünfprozenthürde. Damit wird die Klausur nicht nur zur Analyse regionaler Ergebnisse, sondern zur Debatte über den Kurs der Bundespartei.
Im Zentrum steht der Gegensatz zwischen langfristigen Reformen und kurzfristiger Entlastung. Themen wie Rente, Pflege und Gesundheit verlangen strukturelle Entscheidungen, während hohe Energie- und Lebenshaltungskosten den politischen Druck im Alltag erzeugen. Die Forderung nach einer niedrigeren Stromsteuer steht deshalb zugleich für ein konkretes Vorhaben und für die Frage, ob die Koalition Zusagen sichtbar umsetzt.
Merz muss Partei und Koalition stabilisieren
Für Friedrich Merz verschärft sich die Lage, weil Parteiführung und Regierungspolitik kaum getrennt betrachtet werden. Streit über Wahlversprechen, Reformen und den Umgang mit der AfD wirkt unmittelbar auf die Glaubwürdigkeit der CDU zurück. Zugleich kann eine Kurskorrektur neue Konflikte in der schwarz-roten Koalition auslösen.
Die entscheidende Aufgabe der Beratungen besteht daher darin, aus unterschiedlichen Forderungen einen erkennbaren politischen Schwerpunkt zu bilden. Ein glaubwürdiger Kurs müsste Alltagssorgen, innere Sicherheit und Migration mit belastbaren Reformen verbinden, ohne die innerparteiliche Abgrenzung zu extremistischen Parteien aufzugeben. Die angekündigte Pressekonferenz am Montag soll zeigen, ob die Führung dafür konkrete Schritte benennt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Seehofer sieht "Glaubwürdigkeitsverlust" bei Merz“ (11.10.2026)
Der Bericht hebe hervor, Horst Seehofer führe den Vertrauensverlust bei Friedrich Merz auf gebrochene Wahlversprechen zurück und fordere einen Kurswechsel sowie weniger Selbstbeschäftigung. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt auf die Kritik des früheren CSU-Chefs und auf die Belastung des Kanzlers vor Beginn der Beratungen.
n-tv: „"Ständig unerfüllte Versprechen": Seehofer geht mit Merz hart ins Gericht“ (11.10.2026)
Der Artikel schreibe, Seehofer sehe in unerfüllten Zusagen und einer als verletzend empfundenen Debatte über die Arbeitsmoral ein grundlegendes Vertrauensdefizit. Er bestätige damit den Druck auf Merz, setze den Akzent aber stärker auf die persönliche Glaubwürdigkeit des Kanzlers und die Forderung nach konkreter Entlastung.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass die CDU-Klausur unter erheblichem Druck stehe und Merz’ Glaubwürdigkeit eine zentrale Rolle spiele. Unterschiede lägen vor allem in der Gewichtung: Während der dpa-Text die innerparteiliche Suche nach einem Kurs bündele, konzentrierten sich die Beiträge stärker auf Seehofers Kritik und konkrete unerfüllte Zusagen.

