Cyberangriffe legen Kühlanlagen deutscher Supermärkte lahm
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 16:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSchäden in mehreren deutschen Bundesländern
- Die Polizei untersucht manipulierte Kühlanlagen in Wuppertal, Wetter, Niederbayern, im Münsterland und in der Westpfalz.
- In Lilienthal mussten Waren im Wert von über 360.000 Euro entsorgt werden.
- Die EU-Kommission aktivierte ein europäisches Netzwerk für Cyberkrisen und berief eine erste Expertenrunde ein.
Hacker manipulieren Kühlanlagen in deutschen Märkten
Nach einer Serie von Cyberangriffen auf Kühlanlagen in europäischen Supermärkten untersucht die Polizei mehrere Fälle in Deutschland. In mehreren Bundesländern sollen Kriminelle Kühltruhen aus der Ferne auf hohe Temperaturen eingestellt haben, sodass Lebensmittel verdarben und entsorgt werden mussten.
Waren im Wert von 360.000 Euro vernichtet
Betroffen waren nach Polizeiangaben Märkte in Wuppertal, Wetter bei Hagen, Niederbayern, im Münsterland und in der Westpfalz. In Lilienthal bei Bremen fiel in der Nacht auf Montag die Kühlkette aus; Bedientheken, Kühlhäuser und Tiefkühltruhen heizten sich nach Angaben des Inhabers auf 30 Grad auf.
Der Betreiber Daniel Breiding sagte, Waren im Wert von über 360.000 Euro hätten weggeworfen werden müssen. Im niederbayerischen Reisbach erreichten die Anlagen demnach sogar 50 Grad.
Angriff offenbar über Wartungsdienstleister
Auch ein von der Arbeiterwohlfahrt betriebener Supermarkt in Wetter-Volmarstein war betroffen. Dort sei der Angriff auf die Firma erfolgt, die die Kühlanlagen aus der Ferne wartet; große Mengen Lebensmittel seien verdorben.
In Wuppertal wurde der Angriff am Montagmorgen bemerkt, nachdem Hacker offensichtlich die Temperatur der Kühlanlagen hochgedreht hatten. Bei einem Markt in Raesfeld im Münsterland wird noch geprüft, ob ein Hackerangriff den Ausfall der Kühlung verursachte.
EU aktiviert Netzwerk für Cyberkrisen
Die EU-Kommission berief ein Krisentreffen ein. Daran nahmen unter anderem die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa, Europol und zuständige Kommissionsexperten teil; auch das europäische Netzwerk für Cyberkrisen wurde aktiviert.
EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem gezielten Versuch, die Lebensmittelversorgung zu stören und das Vertrauen der Verbraucher zu untergraben. Die Versorgungssicherheit sei derzeit nicht gefährdet. Wer hinter den Angriffen steckt, ist bislang unklar.
Angriffe in mehreren europäischen Ländern
Cyberkriminelle hatten in den vergangenen Tagen unter anderem in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden Kühlschränke und Tiefkühltruhen wärmer werden lassen. Nach Angaben eines belgischen Kühltechnik-Dienstleisters seien die Anlagen aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt worden.
Bereits Mitte Oktober hatte ein großangelegter Angriff Märkte mehrerer französischer Lebensmittelhandelsketten betroffen. Die Attacke richtete sich gegen einen Technik-Dienstleister; die Cyberkriminalitäts-Abteilung der Staatsanwaltschaft Paris übernahm die Ermittlungen.
Minister fordert mehr Vorsorge
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger sagte im Nachrichtensender „Welt TV“, die Vorfälle zeigten, dass Cybersicherheit an Bedeutung gewinne. Unternehmen und Verwaltungen müssten deshalb mehr Vorsorge tragen.
Die Angriffe treffen eine besonders verwundbare Schnittstelle moderner Lebensmittelmärkte: Kühlanlagen werden häufig aus der Ferne überwacht, gewartet und gesteuert. Genau diese Verbindung kann zum Einfallstor werden, wenn Zugänge, Fernwartungssoftware oder die Absicherung eines beteiligten Dienstleisters nicht ausreichend geschützt sind.
Der Vorfall in Lilienthal zeigt die wirtschaftliche Größenordnung bereits auf Betriebsebene. Verderben Waren, entstehen neben dem unmittelbaren Verlust zusätzliche Kosten für Entsorgung, Ersatzbeschaffung und die Wiederherstellung der Kühlkette. Für Verbraucher bedeutet ein einzelner betroffener Markt zunächst keine flächendeckende Versorgungsstörung; die EU-Kommission bewertet die Versorgungssicherheit weiterhin als nicht gefährdet.
Fernwartung als kritische Schnittstelle
Die internationale Häufung legt nahe, dass nicht nur einzelne Supermärkte, sondern auch gemeinsam genutzte Technik- oder Wartungsstrukturen betrachtet werden müssen. Ermittler müssen deshalb klären, ob die Fälle technisch zusammenhängen, welcher Zugang missbraucht wurde und ob weitere Anlagen gefährdet sind.
Für Betreiber rückt damit die Absicherung vernetzter Kühltechnik stärker in den Mittelpunkt. Dazu gehören getrennte Netzwerke, individuelle Zugänge, Mehrfaktor-Authentifizierung, Protokollierung von Änderungen und Notfallverfahren für den manuellen Betrieb. Die politische Bedeutung reicht über die betroffenen Märkte hinaus: Lebensmittelversorgung gehört zur kritischen Infrastruktur, auch wenn die aktuellen Vorfälle lokal begrenzte Schäden verursachen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Cyberangriffe auch auf Kühlanlagen von NRW-Supermärkten“ (03.11.2026)
Der Beitrag berichte über mutmaßlich manipulierte Kühlanlagen in Wuppertal, Wetter und im Münsterland. Damit bestätige er den regionalen Schwerpunkt der deutschen Fälle, während die Frage nach den Verantwortlichen offenbleibe.
Euronews: „EU warnt: Cyberangriff auf Kühlanlagen in neun Ländern zielt auf Lebensmittelkette“ (03.11.2026)
Euronews ordne den Vorgang als länderübergreifenden Angriff auf die Lebensmittelkette ein und hebe die Reaktion der EU hervor. Im Mittelpunkt stehe damit stärker die europäische Dimension als die konkreten Warenverluste einzelner deutscher Märkte.
Die Beiträge stimmten in der Einschätzung eines grenzüberschreitenden Vorgangs überein. Offen blieben vor allem die technische Verbindung der Fälle, das Angriffsziel und die Identität der Täter.
