Russland nimmt am Weltkriegs-Gedenken in Torgau teil
24.04.2025 - 16:39:36Die Kontroverse um die Teilnahme russischer Vertreter an Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs spitzt sich weiter zu. Der russische Botschafter Sergej Netschajew will am Freitag im sĂ€chsischen Torgau an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Aufeinandertreffens US-amerikanischer und sowjetischer Soldaten an der Elbe teilnehmen.Â
Der Botschafter werde «der Einladung der Stadt Torgau Folge leisten», teilte ein Sprecher der russischen Botschaft in Berlin der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit. Nach Angaben der Stadt Torgau wurden die Auslandsvertretungen mehrerer LĂ€nder - darunter Russland - zwar nicht explizit eingeladen, aber ĂŒber die öffentliche Veranstaltung informiert.Â
Kretschmer nimmt Teilnahme Netschajews zur Kenntnis
Der parteilose BĂŒrgermeister Henrik Simon machte deutlich, dass der Botschafter nicht an einer Teilnahme gehindert werden wird. Die Bitte nach einem Rederecht habe man allerdings ausgeschlagen, «um keine Plattform zu geben», sagte er der dpa.Â
Der sĂ€chsische MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer (CDU), der bei der Gedenkfeier sprechen wird, nahm die Teilnahme des Botschafters lediglich zur Kenntnis und verwies darauf, dass es sich um eine Veranstaltung der Stadt Torgau handele.Â
AfD fordert Rederecht fĂŒr Netschajew
Das AuswĂ€rtige Amt hatte LĂ€ndern, Kommunen und GedenkstĂ€tten des Bundes empfohlen, keine russischen GĂ€ste zu solchen Gedenkveranstaltungen zuzulassen. BegrĂŒndet wurde das mit der BefĂŒrchtung, dass Russland diese Veranstaltungen «instrumentalisieren und mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine missbrĂ€uchlich in Verbindung bringen» könnte.
Die sĂ€chsische AfD-Fraktion kritisierte diese Empfehlung und forderte sogar ein Rederecht fĂŒr Netschajew. «Im Zweiten Weltkrieg hat die Rote Armee der Sowjetunion den gröĂten Blutzoll zahlen mĂŒssen», sagte ihr Vorsitzender Jörg Urban. «Wie das AuswĂ€rtige Amt davon abraten kann, russische Vertreter zu Weltkriegs-Gedenkveranstaltungen zuzulassen, ist mir völlig unverstĂ€ndlich.»
Kontroverse begann mit Gedenken auf den Seelower Höhen
Die Kontroverse hatte vergangene Woche mit der Teilnahme Netschajews an einer Gedenkveranstaltung auf den Seelower Höhen östlich von Berlin begonnen. Dort hatte vor 80 Jahren die gröĂte Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden stattgefunden, bei der 35.000 sowjetische, 16.000 deutsche und 2.000 polnische Soldaten getötet wurden. Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev hatte den Auftritt Netschajews bei dem Gedenken scharf kritisiert: «Wer mit ihm an der Gedenkfeier teilnimmt, lĂ€sst sich instrumentalisieren und relativiert Russlands heutige Kriegsverbrechen.»
Zu einer einheitlichen Linie von Bund, LĂ€ndern und Kommunen hat die Empfehlung des AuswĂ€rtigen Amts jedenfalls nicht gefĂŒhrt. So hat der Bundestag Netschajew zwar von der zentralen Gedenkfeier im Parlament am 8. Mai ausgeschlossen und auch die Stiftung Brandenburgische GedenkstĂ€tten lĂ€sst keine russischen Vertreter zu Gedenkveranstaltungen zum Weltkriegsende zu. In Seelow und nun in Torgau wurde aber anders entschieden.Â
Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Kretschmer betonte allerdings, dass das Gedenken «nicht losgelöst von der aktuellen militĂ€rischen Aggression Russlands begangenen werden kann». Die wichtigste Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg sei, weitere Kriege zu verhindern, sagte er der dpa. «Mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Russland dieses gemeinsame Fundament verlassen.»Â
Trump und Putin beschworen 2020 den «Geist der Elbe»
Am 25. April erinnert Torgau jedes Jahr an den sogenannten Elbe Day, an dem amerikanische und sowjetische Soldaten auf der zerstörten Elbe-BrĂŒcke aufeinandertrafen. Das Foto vom Handschlag von Torgau ging als Symbol fĂŒr das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft um die Welt.
Am 75. Jahrestag 2020 hatten der russische PrĂ€sident Wladimir Putin und US-PrĂ€sident Donald Trump, der damals in seiner ersten Amtszeit war, den Jahrestag noch in einer gemeinsamen ErklĂ€rung gewĂŒrdigt. «Der "Geist der Elbe" ist ein Beispiel dafĂŒr, wie unsere LĂ€nder Differenzen beiseiteschieben, Vertrauen aufbauen und fĂŒr eine gröĂere Sache zusammenarbeiten können», schrieben sie.
Absage der Gedenkfeier nach russischem Angriff 2022
Zwei Jahre spĂ€ter wurden die Gedenkfeiern in Torgau dann kurzfristig abgesagt. Der Grund war der russische Angriff auf die Ukraine zwei Monate zuvor. «Die aktuelle Lage und die tĂ€glichen Ereignisse lassen es geraten erscheinen, eine derartige Zusammenkunft in diesem Jahr nicht durchzufĂŒhren», teilte die Stadt Torgau damals mit.





