Bildungssystem am Limit: Zahl der Schulabbrecher steigt
17.06.2024 - 17:57:14Von der Kita bis zur Uni - das deutsche Bildungssystem «arbeitet am Anschlag»: Dieses alarmierende Fazit zog ein Team aus Bildungswissenschaftlern, Jugendforschern und Statistikern bei der Vorlage des alle zwei Jahre erscheinenden Nationalen Bildungsberichts. Der mehrere hundert Seiten umfassende Bericht beschreibt den Zustand des Bildungssystems und die Probleme, vor denen Bildungseinrichtungen stehen. Er soll Handlungsgrundlage fĂŒr die Bildungspolitik sein.
Das Bildungssystem wurde demnach in den vergangenen Jahren immer mehr ausgebaut, zum Beispiel im Bereich Kita. Es gab deutliche PersonalzuwÀchse und mehr Geld - doch mit den wachsenden Anforderungen hÀlt das nicht Schritt. Anhaltend viele junge Menschen verlassen die Schule ohne Abschluss. Die in Berlin prÀsentierten Ergebnisse im Einzelnen:
Schulabbrecher
2022 verlieĂen 52.300 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Der Anteil der Gleichaltrigen, die keinen Schulabschluss schafften, stieg demnach auf 6,9 Prozent. Im Vorjahr lag er nach Daten des Statistischen Bundesamtes bei 6,2 Prozent (47.500) und 2020 dem Bildungsbericht zufolge bei 5,9 Prozent. Die Zahl der eigentlichen Abbrecher dĂŒrfte noch höher liegen, da Jugendliche, die wĂ€hrend eines Schuljahrs die Schule verlassen, nicht mitgezĂ€hlt werden. Im Zeitverlauf wird deutlich, dass es sich um ein dauerhaftes Problem handelt: So lag der Anteil der Jugendlichen ohne Abschluss im Jahr 2006 bei 8 Prozent (mehr als 75.000 Betroffene) ging dann bis 2013 auf 5,7 Prozent zurĂŒck und steigt seitdem - mit Unterbrechung der Corona-Jahre - wieder an.
System wÀchst
Die Bildungsausgaben im Land sind in den vergangenen zehn Jahren um 46 Prozent auf 264 Milliarden Euro im Jahr 2022 gestiegen. Ein deutliches Plus. Im VerhĂ€ltnis zum Bruttoinlandsprodukt, sei der Anteil der Bildungsausgaben seit 2012 aber nur um 0,2 Prozentpunkte gestiegen, heiĂt es kritisch - zumal auch der finanzielle Bedarf steigt, denn die Zahl der Bildungseinrichtungen ist gewachsen, die Zahl der BeschĂ€ftigten und auch die der Bildungsteilnehmer. Knapp 18 Millionen Menschen waren 2022 in einer Bildungseinrichtung, gut eine Million mehr als vor zehn Jahren.
Personalmangel
Die zum Teil sehr angespannte Situation bei der Rekrutierung von Fachpersonal bleibe eine Herausforderung fĂŒr nahezu alle Bildungsbereiche, heiĂt es im Bericht. In den Schulen zeigt sich das den Autoren zufolge zum Beispiel daran, dass verstĂ€rkt auf Quereinsteiger gesetzt wird. Demnach hatten von 35.000 im vergangenen Jahr neu eingestellten LehrkrĂ€ften zwölf Prozent keine klassische Lehramtsausbildung. Der Bericht zĂ€hlte fĂŒr das Jahr 2022 insgesamt 2,7 Millionen Menschen, die in Kitas, Schulen und Hochschulen beschĂ€ftigt waren. Die Forscher gehen davon aus, dass die Bevölkerungszahl durch Zuwanderung weiter wĂ€chst, was «mittelfristig in sĂ€mtlichen Bildungsbereichen» zu einer erhöhten Nachfrage nach Bildung fĂŒhren werde - entsprechend wird auch mehr Personal gebraucht.
Kitas
Die Zahl der Kitas ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich gewachsen. 2023 gab es mehr als 56.000 Einrichtungen im Land, ein Höchststand - 10.000 Kitas mehr als noch 2006. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre stieg die Zahl der pĂ€dagogischen Kita-FachkrĂ€fte dem Bericht zufolge von 458.000 auf mehr als 700.000. Im Osten könne der Personalbedarf weitgehend gedeckt werden, im Westen knirsche es aber noch immer, hieĂ es. Trotz gestiegener Zahl an Kita-PlĂ€tzen, bestehe die LĂŒcke zwischen Angebot und Nachfrage weiter, da der Bedarf an BetreuungsplĂ€tzen Umfragen zufolge mitwachse.
Hochschulen
Die «Akademisierung stagniert», heiĂt es im Bericht. Der ĂŒber viele Jahrzehnte zu beobachtende Akademisierungsprozess - also dass immer mehr junge Menschen studieren - sei vorerst zum Stillstand gekommen. Die Nachfrage nach Hochschulbildung stagniere seit einiger Zeit. Es gebe sogar Anzeichen fĂŒr ein Nachlassen, obwohl die Nachfrage zum Beispiel nach Naturwissenschaftlern, Informatikern und Ingenieuren schon jetzt nicht mehr ganz gedeckt werden könne.
Soziale Herkunft
Bildungserfolg hÀngt in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab, soweit so bekannt. In ihrem Bericht verweisen die Forscher hier auch auf einzelne Aspekte im Zusammenhang mit Zuwanderung. Je Àlter Menschen sind, wenn sie nach Deutschland kommen, desto schlechter sind ihre Chancen auf Bildungserfolg. Rund die HÀlfte jener, die im Alter von 14 bis 18 Jahren nach Deutschland gezogen sind, hat weder einen Berufsabschluss noch die Hochschulreife. Bei jenen, die als Kleinkinder zugezogen sind, ist nur ein Viertel gering qualifiziert.
Mit Blick auf Unterschiede im Bildungserfolg und schlechte Mathe- und Deutschleistungen empfehlen die Bildungsforscher mehr BemĂŒhungen und eine stĂ€rkere Förderung schon im Vorschulalter, denn Unterschiede entstĂŒnden nicht erst in der Schule, wo sie spĂ€ter etwa bei Pisa oder anderen Vergleichstests festgestellt werden, sondern deutlich frĂŒher. Vor diesem Hintergrund wird in dem Bericht eine Uneinheitlichkeit in den LĂ€ndern bei Sprachstand-Tests im Vorschulalter kritisiert: WĂ€hrend in sieben LĂ€ndern alle Kinder vor der Einschulung mit unterschiedlichen Erhebungsverfahren getestet wĂŒrden, fĂŒhrten weitere sieben LĂ€nder solche Erhebungen nur bei bestimmten Gruppen durch, und in zwei LĂ€ndern werde keine landesweite Diagnostik vorgenommen.


