Deutschland, Steuern

SteuerschĂ€tzung: Keine Entlastung fĂŒr Klingbeils Haushalte

Veröffentlicht am: 23.10.2025 um 11:12 Uhr | dpa.de

Das lief nicht, wie erhofft: Zwar nimmt der Gesamtstaat in den nĂ€chsten Jahren wohl etwas mehr Steuern ein. Doch der Bund – und damit Klingbeils Haushalt – profitiert davon nicht.

  • Die HaushaltslĂŒcke ist so groß wie nie. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa
    Die HaushaltslĂŒcke ist so groß wie nie. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa
  • Klingbeil Ă€ußerte sich bei Vorstellung der SteuerschĂ€tzung.  - Bild: Christoph Soeder/dpa
    Klingbeil Ă€ußerte sich bei Vorstellung der SteuerschĂ€tzung. - Bild: Christoph Soeder/dpa
Die HaushaltslĂŒcke ist so groß wie nie. (Symbolbild) - Bild: Monika Skolimowska/dpa Klingbeil Ă€ußerte sich bei Vorstellung der SteuerschĂ€tzung.  - Bild: Christoph Soeder/dpa

Der Staat kann in den nĂ€chsten Jahren mit etwas mehr Steuereinnahmen rechnen – die Haushaltssorgen von Finanzminister Lars Klingbeil sind deshalb aber lange nicht aus der Welt. Denn betrachtet man den Bund allein, kommt nach Prognose der SteuerschĂ€tzer bis 2029 nur exakt genauso viel rein, wie im Mai angenommen – der Vizekanzler kann also nicht mit zusĂ€tzlichem Geld planen. 

«Der Konsolidierungsdruck im Bundeshaushalt bleibt hoch», sagte Klingbeil. «Wir werden mit Blick auf die HaushaltslĂŒcken ab 2027 weiterhin einen strikten Konsolidierungskurs fahren: Alle Ministerien bleiben gefordert, Einsparungen vorzunehmen.» Am Ende mĂŒsse man aus Einsparungen und Reformen ein gerechtes Gesamtpaket schnĂŒren. 

Der SPD-Chef steht vor einer Mammutaufgabe: Er muss seinen Kabinettskollegen klarmachen, dass sie trotz einmaliger SchuldenspielrĂ€ume kein Geld fĂŒr Wunschprojekte haben. Denn in Klingbeils offizieller Planung fĂŒr die Jahre 2027 bis 2029 fehlen um die 170 Milliarden Euro. Es ist die grĂ¶ĂŸte HaushaltslĂŒcke, die es in der Geschichte der Bundesrepublik je gab – grĂ¶ĂŸer als zu Zeiten der Wiedervereinigung, der Finanz- oder der Coronakrise. Und das, obwohl Klingbeil in den nĂ€chsten Jahren in bestimmten Bereichen fast unbegrenzt Kredite aufnehmen darf. 

Was die SchÀtzer genau voraussagen

Die SteuerschĂ€tzer, das sind Experten der Bundesregierung, der fĂŒhrenden Wirtschaftsforschungsinstitute, des Statistischen Bundesamts, der Bundesbank, des SachverstĂ€ndigenrats sowie der LĂ€nder und Kommunen. Sie sagen zweimal im Jahr voraus, wie sich die Steuereinnahmen von Bund, LĂ€ndern und Kommunen entwickeln. 

FĂŒr das kommende Jahr erwarten sie fĂŒr den Gesamtstaat 10,6 Milliarden Euro mehr Einnahmen als noch im Mai. Bis einschließlich 2029 sollen 33,6 Milliarden mehr hereinkommen. Vor allem profitieren davon allerdings LĂ€nder und Kommunen. Der Bund kann fĂŒr das kommende Jahr zwar noch mit 4,9 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen rechnen. 

FĂŒr 2028 und 2029 ist dafĂŒr dann aber deutlich weniger vorhergesagt als bisher gedacht. «Der Bund trĂ€gt ganz ĂŒberwiegend die Kosten des Wachstumsboosters, mit dem wir die Wirtschaft ankurbeln. Deshalb profitiert der Bund wenig von zusĂ€tzlichen Steuereinnahmen», erlĂ€uterte Klingbeil. 

Warum die Prognose so ausfÀllt

Dass es insgesamt positiv aussieht, liegt vor allem an den Konjunkturerwartungen. Die Bundesregierung rechnet damit, dass die Wirtschaft nach jahrelanger Flaute wieder anzieht und ihre UnterstĂŒtzungsmaßnahmen wirken. Das sind zum Beispiel großzĂŒgigere Abschreibungsregeln fĂŒr Firmen, die in Deutschland investieren. Auch die geplanten Investitionen aus dem schuldenfinanzierten Milliarden-Sondervermögen sollen die Wirtschaft ankurbeln. Eine bessere Konjunktur bedeutet höhere Steuereinnahmen. Zugleich aber drĂŒckt die Senkung der Körperschaftsteuer fĂŒr Unternehmen ab 2028 die Einnahmen fĂŒr den Bund.

Was das fĂŒr Klingbeils nĂ€chsten Haushalt bedeutet

Mit diesen Zahlen muss der Finanzminister seine Etatplanung machen. Der Haushalt fĂŒr das kommende Jahr ist mehr oder weniger unter Dach und Fach: Aktuell beraten die AusschĂŒsse des Bundestags, Ende November soll er beschlossen werden. 

Übergroße LĂŒcken gab es hier von Anfang an nicht. Zugleich hatte das Finanzministerium aber auch die von den SteuerschĂ€tzern jetzt vorhergesagten Mehreinnahmen schon vorher eingepreist.

Eventuell könnte der Spielraum noch etwas grĂ¶ĂŸer werden, wenn Klingbeil Ausgabenreste von diesem Jahr ins nĂ€chste rĂŒber retten kann. Denn aus dem nur drei Monate geltenden Haushalt 2025 dĂŒrften einige Milliarden ĂŒbrigbleiben, weil die Ministerien es nicht schaffen, das Geld rechtzeitig auszugeben. 

Warum es weiter enormen Spardruck gibt

Der weiter enorme Spardruck liegt vor allem an den Problemhaushalten 2027 bis 2029. Denn Klingbeil hat zwar neue SchuldenspielrĂ€ume und plant in dieser Wahlperiode neue Kredite von mehr als 860 Milliarden Euro. Aber die neuen Möglichkeiten gelten nur fĂŒr die Verteidigung und zusĂ€tzliche Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz. Im ĂŒbrigen Kernhaushalt gilt weiter die Schuldenbremse. Das heißt: Die Ausgaben dĂŒrfen die Einnahmen nur wenig ĂŒberschreiten.

In Klingbeils Finanzplanung tun sie das aber deutlich: FĂŒr 2027 stand bisher eine LĂŒcke von rund 30 Milliarden Euro zu Buche. Hier bringt die SteuerschĂ€tzung jetzt eine Mini-Entlastung von einer Milliarde Euro. Laut Finanzministerium schrumpft die LĂŒcke sogar um 7 bis 8 Milliarden auf nunmehr 22 bis 23 Milliarden Euro zusammen. Der Unterschied kommt zustande, weil das Ministerium auch geplante, aber noch nicht endgĂŒltig beschlossene GesetzesĂ€nderungen berĂŒcksichtigen kann, die bei der SteuerschĂ€tzung außen vor bleiben mĂŒssen.

Die FinanzierungslĂŒcke sei damit aber nicht geschlossen, betont Klingbeil. «Niemand muss sich jetzt melden von den Kabinettskollegen und sagen, da ist ja jetzt ein bisschen Entspannung, ich hab hier noch die ein oder andere Idee, die mehr kostet. Das wird nicht funktionieren.»

FĂŒr den Rest der Legislaturperiode sieht es nach der SteuerschĂ€tzung weiter dĂŒster aus – die Einnahmen liegen unter den bisherigen Erwartungen. FĂŒr 2028 steht laut Ministerium nun eine LĂŒcke von annĂ€hernd 60 Milliarden Euro zu Buche, fĂŒr 2029 von deutlich mehr als 60 Milliarden. Dann dĂŒrfte der schuldenfinanzierte Sondertopf fĂŒr die Bundeswehr aufgebraucht sein und Schulden aus der Corona-Zeit mĂŒssen zurĂŒckgezahlt werden. 

Welche Ideen die Koalition hat

FĂŒr 2027 wollen die Chefs der Koalitionsparteien – neben Klingbeil also Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Markus Söder (CSU) – «um den Jahreswechsel» ein Sparpaket vorlegen. Aktuell werden Ideen gesammelt. Möglich sind KĂŒrzungen von Subventionen und Förderprogrammen, debattiert wird auch eine höhere Erbschaftsteuer, deren Einnahmen allerdings an die LĂ€nder fließen. 

Die oppositionellen GrĂŒnen fordern, dass Investitionen nun schnell fließen, Verfahren schneller und der Staat moderner werden. FDP-GeneralsekretĂ€rin Nicole BĂŒttner kritisierte, Schwarz-Rot fehle dafĂŒr der Reformwille beim BĂŒrgergeld, der Rente oder dem BĂŒrokratieabbau. 

Klingbeil sagte in der ARD-Sendung «Caren Miosga»: «Wir werden beim Sozialstaat was tun mĂŒssen, bei Pflege, bei Rente, bei Gesundheit.» Aber es werde nur dann funktionieren, wenn man sich traue, «bei denen, die viel Geld in diesem Land haben, auch da ranzugehen».

de | politik | 68293926 |