Terrorgefahr, Deutschland

Wie groß ist die islamistische Terrorgefahr in Deutschland?

09.08.2024 - 13:40:43

Dass Konzerte von US-Superstar Taylor Swift in Wien abgesagt wurden, hat allen die GefĂ€hrdung durch islamistischen Terror noch einmal drastisch vor Augen gefĂŒhrt. Sie ist auch in Deutschland hoch.

  • FĂŒr die Fans von Taylor Swift war die Absage der Konzerte in Wien eine große EnttĂ€uschung, denn einige von ihnen hatten dafĂŒr eine weite Anreise in Kauf genommen. - Foto: Heinz-Peter Bader/AP/dpa

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  • Der im Juni verbotene Salafisten-Verein Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft (DBG) in Braunschweig hatte ĂŒber seine Social-Media-KanĂ€le auch bundesweiten Einfluss. (Archivbild) - Foto: dpa

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  • Verfassungsschutz-PrĂ€sident Thomas Haldenwang warnt schon lĂ€nger davor, die islamistische Gefahr zu unterschĂ€tzen. (Archivbild) - Foto: Michael Kappeler/dpa

    Michael Kappeler/dpa

FĂŒr die Fans von Taylor Swift war die Absage der Konzerte in Wien eine große EnttĂ€uschung, denn einige von ihnen hatten dafĂŒr eine weite Anreise in Kauf genommen. - Foto: Heinz-Peter Bader/AP/dpaDer im Juni verbotene Salafisten-Verein Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft (DBG) in Braunschweig hatte ĂŒber seine Social-Media-KanĂ€le auch bundesweiten Einfluss. (Archivbild) - Foto: dpaVerfassungsschutz-PrĂ€sident Thomas Haldenwang warnt schon lĂ€nger davor, die islamistische Gefahr zu unterschĂ€tzen. (Archivbild) - Foto: Michael Kappeler/dpa

Junge Islamisten, die sich von radikalen Predigern im Netz zu TerroranschlĂ€gen inspirieren lassen, sind fĂŒr die Sicherheitsbehörden oft schwer zu entdecken. Das gilt in Österreich, wo nach einer konkreten Warnung drei Konzerte der PopsĂ€ngerin Taylor Swift abgesagt wurden, genauso wie in Deutschland. Oft sind auffĂ€llige Äußerungen in Chats, Bestellungen verdĂ€chtiger Materialien oder Online-Überweisungen an islamistische Gruppierungen die einzigen Hinweise.

Wie wird die GefÀhrdungslage in Deutschland eingeschÀtzt?

Relativ hoch. Das lĂ€sst sich unter anderem auch an dem Aufwand ablesen, den die Sicherheitsbehörden in diesem Sommer wĂ€hrend der Fußball-EM betrieben haben. «Das Risiko dschihadistischer AnschlĂ€ge ist so hoch wie seit langem nicht mehr», sagte der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, im Juni der Deutschen Presse-Agentur. Die Sicherheitsbehörden bearbeiten nach seinen Worten vermehrt entsprechende Hinweise.

Was bedeutet die «abstrakt hohe» GefÀhrdung, von der immer die Rede ist?

Das heißt, dass man weiß, dass es etliche Menschen in Deutschland gibt, denen man zutraut, aus fehlgeleiteter politisch-religiöser Überzeugung zu versuchen, einen Terroranschlag zu begehen. Es bedeutet nicht, dass man von PlĂ€nen wĂŒsste, bei denen Tatmittel und Anschlagsziel bereits bekannt sind. Wenn die Sicherheitsbehörden allerdings im konkreten Fall ein hohes Risiko sehen, greifen sie mittlerweile auch dann zu, wenn einzelne Elemente einer möglichen Tatplanung noch fehlen.

Zu den jĂŒngsten islamistischen Terrorattacken, die nicht verhindert werden konnten, zĂ€hlt die Bluttat eines 27-JĂ€hrigen, der im April 2023 in Duisburg einen 35-jĂ€hrigen Passanten mit einem Messer tötete. Neun Tage spĂ€ter stach er vier Besucher in einem Fitnessstudio nieder.

Ein religiöses Motiv soll auch eine Rolle gespielt haben bei der tödlichen Messerattacke in Mannheim, wo Ende Mai ein 25-jĂ€hriger Afghane fĂŒnf MĂ€nner mit einem Messer verletzt hatte. Einer von ihnen, der 29-jĂ€hrige Polizist Rouven Laur, starb zwei Tage spĂ€ter an seinen Verletzungen.

Der Verfassungsschutz hat auch etliche Moscheegemeinden im Blick, in denen Prediger gegen vermeintlich UnglĂ€ubige hetzen. Immer wieder kommt es hier zu VerbotsverfĂŒgungen. Das Land Niedersachsen hat beispielsweise im Juni den salafistischen Verein deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft (DMG) aus Braunschweig verboten.

Der Salafismus ist eine rĂŒckwĂ€rtsgewandte, extrem konservative Strömung des Islams. Seine AnhĂ€nger sehen sich als Verfechter eines unverfĂ€lschten Islams. Sie lehnen Reformen ab und wollen die Umgestaltung von Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach ihrem Regelwerk. Ziel ist die Errichtung eines islamistischen «Gottesstaates».

Was bringen Verbote?

«Wir dulden keine Vereine, in denen regelmĂ€ĂŸig vermeintlich UnglĂ€ubige, Frauen oder Juden sowie unsere Gesellschaftsordnung im Gesamten abgewertet werden und zu deren BekĂ€mpfung aufgerufen wird», begrĂŒndete Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) damals das Verbot der DMG. Um die Maßnahme durchzusetzen, wurden insgesamt acht Objekte in Braunschweig und Berlin durchsucht.

Allerdings gibt es gerade unter jungen TerrorverdĂ€chtigen immer wieder Menschen, die noch nie einen Fuß in eine Salafisten-Moschee gesetzt haben, sondern sich ausschließlich von sogenannten Tiktok-Predigern beeinflussen lassen.

Einige dieser Prediger, die teils an bestimmte Moscheen angebunden sind und ihr Publikum ĂŒberall im deutschsprachigen Raum finden, ist etwa der in Berlin ansĂ€ssige Ahmed A., bekannt als Abul Baraa. Seit dem DMG-Verbot, infolgedessen auch bei ihm durchsucht und zahlreiche seiner Videos im Internet gelöscht wurden, soll er sich nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur verbal etwas gemĂ€ĂŸigt haben. Der bekannte Salafisten-Prediger hat die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft.

Wie viel Überwachung ist erlaubt?

Besonders schwer zu entdecken sind junge Islamisten, die sich unter dem Einfluss von salafistischen Predigern und Terroristen, die ihre Inhalte ausschließlich im Internet und vor allem ĂŒber soziale Medien verbreiten, radikalisieren. Denn hierfĂŒr frĂŒhzeitig Anhaltspunkte zu finden, ist fĂŒr die Sicherheitsbehörden in der Regel schwieriger - auch weil die HĂŒrden fĂŒr die TelekommunikationsĂŒberwachung in Deutschland hoch sind.

Oft steht am Anfang deshalb der Hinweis eines US-Geheimdienstes, dem etwa SympathieĂ€ußerungen fĂŒr die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder das Terrornetzwerk Al-Kaida aufgefallen sind. Finden sich dann noch weitere Informationen, die auf eine Tatbereitschaft hindeuten, kann der VerdĂ€chtige festgenommen oder vorĂŒbergehend in Gewahrsam genommen werden.

Wie viele Islamisten gibt es in Deutschland?

Der Verfassungsschutz schÀtzte das islamistische Personenpotenzial im vergangenen Jahr auf 27.200 Personen, wobei nur ein Teil von ihnen als gewaltbereit gilt. Dazu, wie viele AnhÀnger von IS und Al-Kaida in Deutschland leben, macht der Nachrichtendienst keine Angaben.

Besonders große Sorgen machen den Behörden sehr junge TĂ€ter, bei denen der Prozess der Radikalisierung oft besonders schnell verlĂ€uft. Ein Beispiel dafĂŒr ist der Fall von zwei Jugendlichen, die im Herbst 2023 geplant haben sollen, mit einem Lastwagen einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt im nordrhein-westfĂ€lischen Leverkusen zu verĂŒben. Die beiden waren damals 15 und 17 Jahre alt.

Werden auslÀndische «GefÀhrder» und radikale Salafisten-Prediger abgeschoben?

Ja. Zwischen 2021 und Juni 2024 sind nach Angaben der Bundesregierung 35 sogenannte GefĂ€hrder aus Deutschland abgeschoben worden. «GefĂ€hrder» sind Menschen, denen die Polizei schwere politisch motivierte Straftaten bis hin zu TerroranschlĂ€gen zutraut. Allerdings besitzen einige «GefĂ€hrder» und auch viele der Salafisten, die in deutscher Sprache predigen, die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft. Einige von ihnen sind StaatsbĂŒrger von Staaten, in die Deutschland aktuell aus rechtlichen oder praktischen GrĂŒnden niemanden abschiebt. Dazu zĂ€hlen beispielsweise Syrien und Afghanistan.

Dass die Zahl der «GefĂ€hrder», die sich in Deutschland aufhalten, seit Jahren sinkt, hat aber nicht nur mit Abschiebungen zu tun, sondern auch damit, dass manche freiwillig ausreisen oder sich von der radikalen Ideologie abwenden. Im Juli 2021 gab es im Bundesgebiet noch 333 Islamisten, die so eingeschĂ€tzt wurden. Aktuell sind, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf das Bundeskriminalamt berichtet, 96 «GefĂ€hrder» in Deutschland inhaftiert, 208 befinden sich innerhalb des Bundesgebiets auf freiem Fuß. 

«Anlassbezogen kann es zu einer Ausstufung der als GefĂ€hrder gefĂŒhrten Personen kommen», sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Der in den vergangenen Monaten beobachtete RĂŒckgang der Zahl bekannter «GefĂ€hrder» sei jedoch «nur marginal und Ă€ndert insoweit nichts an der bekannten GefĂ€hrdungslage».

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