GDL-Streik angelaufen - Rufe nach Schlichtung
24.01.2024 - 12:11:51 | dpa.deMit ihrem vierten Arbeitskampf im laufenden Bahn-Tarifstreit legt die Gewerkschaft Deutscher LokomotivfĂŒhrer (GDL) erneut weite Teile des Bahnverkehrs in Deutschland lahm. Bis Montagabend soll der Ausstand dauern. Fast sechs Tage lang mĂŒssen sich FahrgĂ€ste und auch die Wirtschaft auf weitreichende EinschrĂ€nkungen im Fern-, Regional- und GĂŒterverkehr einstellen. Dass es der letzte Arbeitskampf im aktuellen Tarifkonflikt ist, gilt als unwahrscheinlich. Zu unversöhnlich ist derzeit der Ton zwischen der Bahn und der GDL, zu weit auseinander liegen ihre Positionen.
Streit um Arbeitszeit prÀgt den Konflikt
Knackpunkt der Verhandlungen ist die Forderung der GDL nach einer Absenkung der Arbeitszeit fĂŒr BeschĂ€ftigte im Schichtbetrieb. Vor allem LokfĂŒhrer und Zugbegleiter sind in der GDL organisiert. Ihre Wochenarbeitszeit soll von 38 auf 35 Stunden sinken, ohne, dass sie auf Geld verzichten mĂŒssen. In einem Schreiben an die Deutsche Bahn hat die Gewerkschaft die Forderungen weiter konkretisiert.
«Die VorschlĂ€ge orientieren sich an den TarifabschlĂŒssen, die wir in den vergangenen Wochen mit unseren Tarifpartnern erzielen konnten», heiĂt es in dem Schreiben, das die GDL am Mittwoch veröffentlicht hat. Die Arbeitszeitreduzierung soll demnach stufenweise umgesetzt werden, der letzte Schritt soll zum 1. Januar 2028 erfolgen.
Die Bahn lehnte die VorschlĂ€ge der GDL als Grundlage fĂŒr weitere Verhandlungen ab. Es handele sich lediglich um die «Wiederholung altbekannter Maximalforderungen», sagte eine Sprecherin am Mittwochmorgen. «Was die Deutsche Bahn AG macht, ist nichts anders als die wiederholende Ablehnung aller Forderungen», kritisierte GDL-Chef Claus Weselsky am Mittwoch im ZDF-«Morgenmagazin». Die Bahn bewege sich nur millimeterweise.
Auf die Frage, wann die Gewerkschaft wieder verhandeln werde, sagte der Gewerkschafter: «Sobald die Deutsche Bahn vom hohen Ross herunter kommt.» Dem Magazin «Stern» sagte der GDL-Chef zur LĂ€nge des Bahnstreiks: «Das ist verhĂ€ltnismĂ€Ăig, das ist zulĂ€ssig, das ist rechtmĂ€Ăig.» Zur Kritik an seiner Person sagte er: «Es ist nicht so, dass der Weselsky streikt. Zehntausende Eisenbahnerinnen und Eisenbahner streiken in diesen sechs Tagen.»
Verkehrsminister fordert Schlichtung
Schon nach der zweiten Verhandlungsrunde hatte die GDL die GesprĂ€che mit der Bahn fĂŒr gescheitert erklĂ€rt. Seit November wurde nicht mehr verhandelt. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) forderte die Gewerkschaft am Mittwoch auf, ĂŒber eine Schlichtung mit einem externen Vermittler zu einer Lösung zu kommen.
Er erwarte von der Gewerkschaft, dass sie Verantwortung ĂŒbernehme und an den Verhandlungstisch komme, sagte der FDP-Politiker am Mittwoch im Deutschlandfunk. «Und wenn das so festgefahren ist, dass man offensichtlich nicht mehr miteinander reden kann, dann brauchen wir dringend eine Mediation oder ein Schlichtungsverfahren.» Allerdings schĂ€tzt auch der Minister die Chancen fĂŒr eine Schlichtung derzeit als gering. Die GDL lehnt ein solches Verfahren weiterhin ab.
Im «heute journal» sagte Wissing nach Angaben des ZDF, «das sind AusmaĂe, die nicht mehr hinnehmbar sind». Das Streikrecht sei ein hohes Gut. Aber man habe auch die Pflicht, damit verantwortungsvoll umzugehen: «Normal ist, dass man einen Kompromiss aushandelt.» Die Emotionalisierung des Konflikts nannte Wissing «nicht akzeptabel».
Unzufriedenheit wÀchst
Unterdessen wĂ€chst die Unzufriedenheit nicht nur in der Wirtschaft und bei den FahrgĂ€sten. Auch der Interessenverband Allianz pro Schiene, in dem die GDL Mitglied ist, der aber auch von der Bahn unterstĂŒtzt wird, kritisierte das Vorgehen der Arbeitnehmerseite. «Die hĂ€ufigen und zunehmend lĂ€ngeren Streiks auf der Schiene sind QuerschĂŒsse fĂŒr die Verkehrswende», teilte VerbandsgeschĂ€ftsfĂŒhrer Dirk Flege am Mittwoch mit. «Sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Reisenden wird Vertrauen zerstört.» Er wĂŒnsche sich ein verbales AbrĂŒsten. Zudem sprach sich Flege ebenfalls fĂŒr Schlichtung aus.
Wirtschaft fĂŒrchtet groĂe SchĂ€den
Der Streik fĂŒhrt auch im GĂŒterverkehr zu erheblichen EinschrĂ€nkungen. «Auch der europĂ€ische GĂŒterverkehr ĂŒber die Alpen, Polen oder nach Skandinavien sowie die SeehĂ€fen in Holland oder Belgien sind betroffen», teilte die Bahn mit. Bereits vor dem Streik sei ein deutlicher MengenrĂŒckgang registriert worden, weil viele Kunden Transporte abbestellt hĂ€tten.
Unternehmen drohten harte EinschrĂ€nkungen bis hin zu einzelnen ProduktionsausfĂ€llen, Drosselungen und StillstĂ€nden in der Industrie, sagte Tanja Gönner, die HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie. «Bei einem sechstĂ€gigen Streik ist eine Schadenshöhe von insgesamt bis zu einer Milliarde Euro nicht unrealistisch.»
Notfahrplan sicher angelaufen
FĂŒr FahrgĂ€ste im Personenverkehr hat die Deutsche Bahn erneut einen Notfahrplan erstellt. Er sei am Mittwochmorgen stabil angelaufen, teilte die Bahn mit. Der Fahrplan soll ein stark reduziertes, dafĂŒr aber verlĂ€ssliches Angebot bereitstellen. FahrgĂ€ste können sich ĂŒber die Internetseite der Bahn oder die App «DB-Navigator» ĂŒber ihre Fahrt informieren. Zudem hat die Bahn eine Info-Rufnummer eingerichtet. FĂŒr gebuchte Fahrten wĂ€hrend des Streikzeitraums ist die Zugbindung aufgehoben. Kundinnen und Kunden können ihre Reisen somit auf einen spĂ€teren Zeitpunkt verschieben.
LĂ€ngster Streik
Der Ausstand auf der Schiene soll bis Montagabend um 18.00 Uhr andauern. Mit EinschrĂ€nkungen ist auch danach noch zu rechnen. Der vierte Arbeitskampf der GDL im laufenden Tarifstreit mit dem bundeseigenen Konzern sei «der lĂ€ngste in der Geschichte der Deutschen Bahn», sagte die Sprecherin. 136 Stunden soll er im Personenverkehr andauern, 144 Stunden im GĂŒterverkehr. Der Streik umfasst erstmals im aktuellen Konflikt auch ein komplettes Wochenende.
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