BND-Mitarbeiter, Spionage-Verdacht

BND-Mitarbeiter unter Spionage-Verdacht - Prozessbeginn

13.12.2023 - 17:26:18 | dpa.de

Der Fall hat das Zeug fĂŒr einen Spionage-Thriller: Konspirative Treffen, Fotos von Geheimunterlagen, Verschleierungsversuche im GefĂ€ngnis.

Die Bundesanwaltschaft hat einen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und einen mutmaßlichen Komplizen angeklagt. - Foto: Christophe Gateau/dpa
Die Bundesanwaltschaft hat einen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und einen mutmaßlichen Komplizen angeklagt. - Foto: Christophe Gateau/dpa

Kein Laptop, kein Handy, selbst Armbanduhr und eigene Stifte dĂŒrfen nicht in den Gerichtssaal. Weil es dort um Landesverrat und Staatsgeheimnisse geht, gelten fĂŒr den Prozess vor dem Berliner Kammergericht strengste Sicherheitsvorkehrungen.

Mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine soll ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) fĂŒr Moskau spioniert haben. Vor knapp einem Jahr schreckte die Nachricht Politik und Behörden kurz vor Weihnachten auf. Seit Mittwoch steht der seit 2007 zur Geheimhaltung verpflichtete BND-Mitarbeiter nun vor Gericht. Mitangeklagt ist ein in Russland geborener GeschĂ€ftsmann.

Landesverrat fĂŒr «Agentenlohn» begangen?

Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen Landesverrat im besonders schweren Fall vor. Der 53-jĂ€hrige Carsten L. und sein mutmaßlicher Komplize Arthur E. (32) sollen im Herbst 2022 geheime Informationen an den russischen Geheimdienst FSB verraten haben. DafĂŒr sollen sie laut Anklage einen «Agentenlohn» in Höhe von 450.000 Euro beziehungsweise 400.000 Euro bekommen haben. Die beiden Deutschen befinden sich in Untersuchungshaft im GefĂ€ngnis in Berlin-Moabit.

Im Gerichtssaal sitzen sie mit etwas Abstand nebeneinander in einer Glasbox hinter ihren AnwÀlten. Sichtbaren Kontakt gibt es nicht.

Verbotener Austausch in der Haft

In der Haftanstalt sollen sich die Angeklagten dagegen mit Hilfe eines Helfers schriftlich ausgetauscht haben. Der zustÀndige 6. Strafsenat sieht deswegen neben der Fluchtgefahr auch eine Verdunkelungsgefahr und hat den bestehenden Haftbefehl entsprechend erweitert, wie der Vorsitzende Richter Detlev Schmidt wÀhrend des Prozesses mitteilte.

WĂ€hrend Carsten L. bislang zu den VorwĂŒrfen schweigt, soll sich sein mutmaßlicher Komplize umfassend geĂ€ußert haben. Aus Sicht des Verteidigers des BND-Mitarbeiters, Johannes Eisenberg, handelt es sich um «stark schwankende Aussagen», der 32-JĂ€hrige sei eine «unzuverlĂ€ssige Person». «Es gibt keinerlei objektiven Beweis dafĂŒr, dass es den anklagegenstĂ€ndlichen Verrat gegeben hat», erklĂ€rte Eisenberg in einer am Mittwoch verbreiteten Mitteilung.

Bei dem verbotenen Schriftverkehr in der Haft soll L. den Mitangeklagten aufgefordert haben, alle Aussagen zurĂŒckzunehmen. Dann sei «die Sache schnell vom Tisch - sonst acht Jahre und plus», zitierte Richter Schmidt aus einem Brief, der am 25. November im GefĂ€ngnis gefunden wurde. Das Gericht geht davon aus, dass L. Urheber des SchriftstĂŒcks ist.

Interne Dokumente ausgedruckt und abfotografiert

Laut Anklage kennen sich der BND-Mitarbeiter und der GeschĂ€ftsmann, der unter anderem mit Edelsteinen handelte, seit Mai 2021. SpĂ€testens im September 2022 sollen der Soldat und sein mutmaßlicher Komplize sich zum Geheimnisverrat entschlossen haben. Der 53-JĂ€hrige soll nach den Ermittlungen im September und im Oktober 2022 neun interne BND-Dokumente an seinen ArbeitsplĂ€tzen in Berlin und Pullach bei MĂŒnchen ausgedruckt oder vom Dienstrechner abfotografiert und an den GeschĂ€ftsmann weitergegeben haben. Der soll dem BND-Mitarbeiter eine Beteiligung an einem Erzabbauprojekt in Aussicht gestellt haben.

Zwei Übergaben soll es gegeben haben. Eine an einem Sportplatz am Dienstort im bayerischen Pullach; eine weitere in Berlin, wo L. eine Wohnung hatte. Der GeschĂ€ftsmann soll als Mittelsmann fungiert und die Dokumente in Moskau dem russischen Geheimdienst FSB ausgehĂ€ndigt haben. Drei Mal soll er nach Moskau gereist sein.

Eine wesentliche Rolle soll bei dem Fall, der zu einem der spektakulÀrsten SpionagefÀlle der vergangenen Jahre gehört, auch ein russischer Unternehmer gespielt haben. Er soll den Kontakt zum FSB vermittelt haben. Laut Anklage buchte und finanzierte dieser auch die Flugreisen des GeschÀftsmannes. Gegen ihn wird laut Ermittler in einem gesonderten Verfahren ermittelt.

Ausschluss der Öffentlichkeit wegen Geheimhaltung

Weitere Details nannte Oberstaatsanwalt Lars Malskies jedoch zunĂ€chst bei der Verlesung der Anklage nicht. Nach knapp 20 Minuten unterbrach er seinen Vortrag und beantragte den Ausschluss der Öffentlichkeit, weil die Anklage Angaben beinhalte, die der besonderen Geheimhaltung bedĂŒrften.

Die Verteidigung kritisierte dies scharf. «Sie sollten mit der GeheimniskrĂ€merei aufhören», sagte Johannes Eisenberg, Anwalt des BND-Mitarbeiters. Damit die Öffentlichkeit den Fall bewerten könne, sei eine öffentliche Verhandlung erforderlich. Giuseppe Olivio, Verteidiger des mitangeklagten GeschĂ€ftsmannes, ergĂ€nzte: «Das, was hier geheim gehalten werden soll, ist fĂŒr andere Staaten schon ein offenes Geheimnis.»

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde im Anschluss darĂŒber verhandelt, wie in dieser Frage weiter verfahren wird. Dies sei sehr kontrovers erfolgt, erklĂ€rte Richter Schmidt hinterher. Es seien eine Reihe von Aspekten genannt worden, ĂŒber die der Senat in Ruhe nachdenken wolle und mĂŒsse.

Prozess unterbrochen fĂŒr Beratung

Das Gericht unterbrach darum nach knapp zweieinhalb Stunden den Prozess und will ihn an diesem Donnerstag fortsetzen. Bis dahin soll entschieden sein, ob es zunÀchst öffentlich weitergeht oder nicht.

Nach Angaben von Gerichtssprecherin Lisa Jani ist damit zu rechnen, dass dieses Thema wegen vieler als geheim eingestufter Informationen immer wieder eine Rolle spielen wird. Es sind zunĂ€chst 51 Verhandlungstage bis zum 17. Juli 2024 angesetzt. Es könne aber durchaus sein, dass der Prozess ĂŒber den Sommer hinausgehe, so Jani.

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