Berlin statt Ramstein: Selenskyj bei Scholz und Steinmeier
11.10.2024 - 05:00:41Auf seiner Tour durch Europa besucht der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj nach London, Paris und Rom heute Berlin. Bei seinen GesprĂ€chen mit Bundeskanzler Olaf Scholz und BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier wird es um die weitere UnterstĂŒtzung der Ukraine mit Waffenlieferungen fĂŒr den Abwehrkampf gegen die russischen Invasoren gehen, aber auch um die BemĂŒhungen um eine Friedenslösung. Am Donnerstagabend traf Selenskyj in Rom MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni. FĂŒr Freitagmorgen ist noch eine Audienz bei Papst Franziskus im Vatikan geplant.
Eigentlich wollte Selenskyj am Samstag an einem Ukraine-Gipfel mit 50 verbĂŒndeten LĂ€ndern auf dem US-LuftwaffenstĂŒtzpunkt im rheinland-pfĂ€lzischen Ramstein teilnehmen. Nach der Absage von US-PrĂ€sident Joe Biden wegen des Hurrikans «Milton» wurde der Gipfel aber verschoben. Statt Biden kommt nun Selenskyj zu einem bilateralen Besuch nach Berlin.Â
Es ist der zweite Deutschland-Besuch des ukrainischen PrĂ€sidenten innerhalb von fĂŒnf Wochen und das dritte persönliche GesprĂ€ch mit Scholz in diesem Zeitraum. Anfang September hatte Selenskyj an einem Verteidigungsministertreffen der VerbĂŒndeten in Ramstein teilgenommen und Scholz in Frankfurt am Main getroffen. Nur drei Wochen spĂ€ter kamen die beiden dann noch einmal kurz vor der UN-Generalversammlung in New York zu einem GesprĂ€ch zusammen.
Selenskyj will bis Dezember VerÀnderungen in Richtung Frieden
Selenskyj wirbt auf seiner Europatour fĂŒr seinen sogenannten «Siegesplan», von dem bisher nicht viel bekannt ist. Es gehe darum, Bedingungen «fĂŒr ein gerechtes Ende des Krieges» zu schaffen, sagte er am Donnerstag in London. Zuvor hatte er bei einem Ukraine-SĂŒdosteuropa-Gipfel im kroatischen Dubrovnik deutlich gemacht, dass er die nĂ€chsten Monate fĂŒr entscheidend hĂ€lt. «Im Oktober, November und Dezember haben wir eine reale Chance, die Dinge in Richtung Frieden und dauerhafter StabilitĂ€t hin zu verĂ€ndern.» Die Situation auf dem Schlachtfeld erlaube es, den Krieg spĂ€testens 2025 zu beenden.Â
Unter einem gerechten Kriegsende versteht Selenskyj den RĂŒckzug russischer Truppen aus den besetzten Gebieten. Die ukrainische StaatsfĂŒhrung wies einen italienischen Medienbericht zurĂŒck, wonach Kiew zu einem Waffenstillstand entlang der derzeitigen Frontlinie bereit sei. «Eine Feuereinstellung ist kein Thema unserer Beratungen mit den VerbĂŒndeten, und wir sprechen nicht darĂŒber», sagte Selenskyj nach seinen GesprĂ€chen mit Frankreichs PrĂ€sidenten Emmanuel Macron in Paris. Auf russischer Seite gibt es ebenfalls keine Anzeichen dafĂŒr, im Krieg gegen die Ukraine zurĂŒckzuweichen.
Russische Truppen rĂŒcken in Ostukraine weiter vor
Russische Truppen setzen nach Kiewer MilitĂ€rangaben ihre Offensive im Osten der Ukraine mit groĂer Wucht fort. Am Donnerstag habe es 114 Angriffe gegeben, teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Allein 30 Angriffe wurden am Frontabschnitt bei Lyman gezĂ€hlt. Der Eisenbahnknotenpunkt liegt im Gebiet Donezk. Zu dem Frontabschnitt gehören aber auch die letzten Dörfer des Gebietes Luhansk, die Russland noch nicht besetzt hat. Weitere Schwerpunkte der Angriffe waren demnach die Abschnitte Pokrowsk und Kurachiwe. Die Zahlen des MilitĂ€rs sind nicht im Detail ĂŒberprĂŒfbar, lassen aber einen RĂŒckschluss auf die IntensitĂ€t der Gefechte zu.Â
59 Prozent wĂŒnschen sich Telefonat von Scholz und Putin
Deutschland ist der zweitwichtigste Waffenlieferant der Ukraine nach den USA. Der Kanzler wirbt in den vergangenen Wochen aber auch verstĂ€rkt fĂŒr einen Friedensprozess. Er hat immer wieder deutlich gemacht, dass er dafĂŒr nach fast zwei Jahren Funkstille auch grundsĂ€tzlich bereit ist, wieder mit dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin zu sprechen. Eine klare Mehrheit der Deutschen hĂ€lt das fĂŒr richtig. Nach einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur wĂŒnschen sich 59 Prozent ein Telefonat der beiden, in Ostdeutschland sind es sogar 68 Prozent.
Gespalten sind die Deutschen in der Frage, ob die Ukraine fĂŒr Frieden mit Russland auf einen Teil ihres Staatsgebiets verzichten sollte. 39 Prozent sagen, sie sollte keinen Zentimeter preisgeben. 22 Prozent meinen dagegen, die Ukraine sollte auf die bereits 2014 von Russland annektierte ukrainische Halbinsel Krim verzichten. Weitere 23 Prozent plĂ€dieren sogar dafĂŒr, dass Kiew neben der Krim auch Gebiete aufgeben sollte, die seit der Invasion im Februar 2022 von Russland besetzt wurden. Zusammen sind also 45 Prozent fĂŒr einen Gebietsverzicht.
Uneinigkeit bei Erlaubnis fĂŒr weitreichende Waffen
Uneinigkeit besteht auch in der Frage, ob die Ukraine die Erlaubnis erhalten sollte, mit weitreichenden westlichen Waffen bis tief in russisches Territorium zu schieĂen. 42 Prozent sind eher dafĂŒr und 43 Prozent eher dagegen.Â
Der ukrainische PrĂ€sident fordert von den westlichen VerbĂŒndeten schon seit langem eine solche Erlaubnis. Scholz sieht das skeptisch. Anders als die USA, GroĂbritannien und Frankreich hat Deutschland weitreichende Waffen erst gar nicht geliefert. Den Marschflugkörper «Taurus» mit einer Reichweite von 500 Kilometern will Scholz nicht bereitstellen, weil er befĂŒrchtet, dass Deutschland und die Nato dann in den Krieg hineingezogen werden könnten.Â
Forderungen nach «Taurus» verstummen nicht
Die Forderungen nach einer Lieferung weitreichender Waffen auch aus Deutschland verstummen aber nicht. Der GrĂŒnen-Europapolitiker Anton Hofreiter sagte der «Rheinischen Post» vor dem Treffen von Scholz und Selenskyj: «Wir mĂŒssen deutlich mehr Luftverteidigung, Munition und weitreichende Waffen an die Ukraine liefern. ReichweitenbeschrĂ€nkungen gelieferter Waffen tragen nicht zur Deeskalation bei, sondern ermöglichen weitere russische Angriffe.»
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europaparlament, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), kritisierte, dass Scholz anders als die USA, GroĂbritannien und Frankreich auf die Lieferung weitreichender Waffen verzichtet. «Die Ukraine ist im Begriff zu ertrinken, und nach wie vor werfen wir ihr nur Rettungsringe zu, um sie vor dem Ertrinken zu retten», sagte sie.Â
Auch der CDU-Verteidigungsexperte Johann Wadephul erneuerte seine Forderung, der Ukraine deutsche Marschflugkörper zur VerfĂŒgung zu stellen. «Die Lieferung von Taurus wĂ€re eine wichtige Hilfe. Das zeigen die erfolgreichen ukrainischen Angriffe auf russische Depots weit im Hinterland durch Marschflugkörper mit vergleichbarer Schlagkraft.»





