Abschiebungen, Messer - Solingen wirft Fragen auf
26.08.2024 - 11:39:23Die Bluttat von Solingen entfacht alte Debatten neu. Drei Menschen wurden bei einem Stadtfest mit einem Messer getötet. Acht weitere wurden verletzt, vier davon schwer. TatverdÀchtig ist ein 26 Jahre alter Syrer, der jetzt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft ist. HÀtten deutsche Behörden die Tat verhindern können? Was ist schiefgelaufen - und wer verantwortlich?
Wie konnte es zu dem Anschlag kommen?
GrundsĂ€tzlich ist es praktisch unmöglich, AnschlĂ€ge im öffentlichen Raum komplett zu verhindern - gerade wenn es um EinzeltĂ€ter geht, die AlltagsgegenstĂ€nde nutzen. Im konkreten Fall war der mutmaĂliche TĂ€ter den Sicherheitsbehörden nicht als islamistischer Extremist bekannt.Â
Allerdings hĂ€tte er lĂ€ngst abgeschoben werden sollen, und zwar nach Bulgarien, wo er in der EU zuerst registriert worden war. Nach Deutschland kam der Syrer nach Angaben aus Behördenkreisen Ende Dezember 2022. FĂŒr sein Asylverfahren war nach den europĂ€ischen Dublin-Regeln aber Bulgarien zustĂ€ndig. Dort habe man einer RĂŒckfĂŒhrung sehr schnell zugestimmt, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit.
Der Abschiebeversuch scheiterte jedoch, als Behördenmitarbeiter den Mann im Juni 2023 nicht in seiner Unterkunft in Paderborn antrafen. Normalerweise mĂŒssten in einem solchen Fall weitere Versuche folgen. Die AuslĂ€nderbehörde mĂŒsste versuchen festzustellen, ob jemand möglicherweise untergetaucht ist. Auch ein Haftbefehl könnte ausgestellt werden.
Wenn einmal offiziell festgestellt ist, dass jemand untergetaucht ist, kann die normalerweise sechsmonatige Frist fĂŒr eine Dublin-Ăberstellung - also eine Abschiebung in ein zustĂ€ndiges europĂ€isches Land - um zusĂ€tzliche zwölf Monate verlĂ€ngert werden. Dies geschah im Fall des Syrers aber nicht.
Nach EinschĂ€tzungen aus Behördenkreisen hat er die Frist fĂŒr seine Ăberstellung nach Bulgarien wohl gezielt verstreichen lassen. Die Sechs-Monats-Frist lief den Angaben zufolge am 20. August ab. Wenige Tage spĂ€ter habe der Mann ĂŒber seine AnwĂ€ltin Kontakt zum Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge aufgenommen. SpĂ€ter wechselte er von der FlĂŒchtlingsunterkunft in Paderborn nach Solingen.Â
Warum tun sich Behörden mit Abschiebungen so schwer?
Die Zahl der RĂŒckfĂŒhrungen aus Deutschland ist im vergangenen Jahr auf 21.206 gestiegen, nach 18.094 RĂŒckfĂŒhrungen im Vorjahr, wie aus dem in der vergangenen Woche vorgestellten Jahresbericht der Bundespolizei hervorgeht. Insgesamt 4.776 Menschen wurden 2023 an der Grenze zurĂŒckgeschoben. Geplant war aber deutlich mehr, und zwar insgesamt die ZurĂŒckschiebung oder RĂŒckfĂŒhrung von 52.976 Menschen. Von Januar bis Juli gab es laut Innenministerium 11.102 Abschiebungen - dabei waren laut Bundesamt fĂŒr Migration eigentlich 43.298 Menschen ohne Duldung ausreisepflichtig.Â
Dass Abschiebungen scheitern, kann viele GrĂŒnde haben, zum Beispiel Krankheit oder fehlende Papiere. Teils weigern sich HerkunftslĂ€nder auch, die Menschen zurĂŒckzunehmen. Oder die Polizei findet den Betroffenen zum geplanten Termin nicht. Der Bundestag hat zu Jahresbeginn GesetzesverschĂ€rfungen beschlossen, um einige dieser Probleme zu adressieren. So wurde die gesetzliche Höchstdauer des Ausreisegewahrsams von bislang 10 Tagen auf 28 Tage verlĂ€ngert. AuĂerdem dĂŒrfen Behördenvertreter kĂŒnftig in GemeinschaftsunterkĂŒnften auch andere RĂ€ume betreten als nur das Zimmer des Abzuschiebenden.Â
Allerdings fehlen auch AbschiebehaftplĂ€tze. Man habe im vergangenen Jahr in ĂŒber 300 FĂ€llen einen Haftbefehl erwirkt, um die ZurĂŒckschiebung oder Abschiebung zu sichern, sagte BundespolizeiprĂ€sident Dieter Romann in der vergangenen Woche. «Aber es waren alle 800 AbschiebehaftplĂ€tze voll.»
Nach Ansicht des Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sind Abschiebeverfahren zu kompliziert, es seien zu viele Behörden beteiligt. Die Kompetenzen liegen hier weitgehend bei Kommunen und LĂ€ndern, die Bundespolizei kommt dann bei der DurchfĂŒhrung ins Spiel. «Die Bundespolizei braucht endlich die gesetzlichen Kompetenzen, diese Abschiebungen auch in eigener ZustĂ€ndigkeit durchzufĂŒhren. Dazu zĂ€hlt auch die Beschaffung von Papieren im Ausland und der Betrieb eigener Abschiebehaftanstalten», sagte Wendt der Deutschen Presse-Agentur.Â
Welche VerschĂ€rfungen sind fĂŒr Messer im GesprĂ€ch?
Wenn es nach Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) geht, sollen Messer in der Ăffentlichkeit nur noch bis zu einer KlingenlĂ€nge von sechs Zentimetern statt bisher zwölf Zentimetern mitgefĂŒhrt werden dĂŒrfen. FĂŒr gefĂ€hrliche Springmesser soll es ein generelles Umgangsverbot geben.Â
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, bezweifelt, dass das TĂ€ter aufhĂ€lt, die einen Angriff vorsĂ€tzlich und geplant begehen. Man mĂŒsse das MitfĂŒhren von Messern generell verbieten, das kontrollieren und Strafen verhĂ€ngen. «Nur, wenn jederzeit mit Kontrollen und empfindlichen Strafen zu rechnen ist, kann ein Verbot Wirkung zeigen.» Derzeit fehlten der Polizei fĂŒr solche Kontrollen Personal und Befugnisse. Terror-Experte Peter Neumann gab zu bedenken, selbst wenn Messerangriffe verhindert wĂŒrden, «dann wĂŒrden eben AttentĂ€ter (âŠ) mit Autos oder Lastwagen in Menschenmengen fahren. Und Autos, glaube ich, kann man nicht einfach so verbieten.»
Kann Deutschland kontrollieren, wer ins Land kommt?
Nur bedingt. Zwar gibt es seit Mitte Oktober vergangenen Jahres Grenzkontrollen zu Polen, Tschechien und der Schweiz. Bereits seit September 2015 gibt es Kontrollen an der österreichischen Grenze. Die sind aber nur punktuell. Faeser und Bundespolizei-PrĂ€sident Romann loben sie als Erfolg und verweisen dabei unter anderem auf die Festnahme von Schleusern. Zudem wĂŒrden Menschen auch an der Grenze zurĂŒckgewiesen. Die Zahl unerlaubter Einreisen ist zuletzt gesunken.
Nur: Wer Asyl beantragen will, darf in der Regel auch ins Land. Und falls jemand doch zurĂŒckgeschickt wird, ist fraglich, ob er oder sie nicht einfach spĂ€ter oder an anderer Stelle einreist. Unions-Fraktionsvize Jens Spahn (CDU) sagte der «Rheinischen Post»: «Die deutschen Grenzen mĂŒssen fĂŒr irregulĂ€re Migration geschlossen werden.» Die Frage wĂ€re dann jedoch, wie genau.Â
FlĂ€chendeckende stationĂ€re Grenzkontrollen an allen Binnengrenzen hĂ€lt GdP-Chef Kopelke nicht fĂŒr möglich. «Weder Infrastruktur noch spezielle ĂbergĂ€nge wĂ€ren vorhanden», sagte er. Es gebe zum Beispiel nicht ausreichend KontrollgerĂ€te und Fahndungsfahrzeuge. AuĂerdem wĂŒrden die stationĂ€ren Kontrollen an der SĂŒd- und Ostgrenze von Schleusern leicht umfahren. «Die dazwischen stattfindende Schleierfahndung muss auf moderne FĂŒĂe gestellt werden», forderte er.Â
Faeser jedenfalls will an den Grenzkontrollen festhalten, bis deutlich weniger Menschen unerlaubt nach Europa einreisen. Deutschland nehme viel mehr Migranten auf als andere LĂ€nder, was unfair sei. «Ich bin nicht mehr bereit, dass wir diese Zahlenverteilung innerhalb Europas hinnehmen», sagte sie in der vergangenen Woche. In Berlin hofft man auch auf die Wirkung der jĂŒngst verschĂ€rften europĂ€ischen Asylregeln - die mĂŒssen aber auch erst einmal umgesetzt werden.Â


