Friedman kritisiert deutschen Umgang mit Rechtsextemismus
22.01.2025 - 07:00:00Wenn er heute höre "Wehret den AnfĂ€ngen", könne er nur antworten: "Welche AnfĂ€nge? Wir sind lĂ€ngst mittendrin. Weil wir kaum etwas nicht aus der Geschichte gelernt haben. Das ist sehr schmerzlich." Dass 80 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Januar 1945 die Erinnerung verblasse, liege nicht am Versterben der letzten Zeugen. "Die Relativierung begann schon, als alle noch lebten. Es gab immer die Klage: Jetzt reicht`s mit Auschwitz. Sie steigerte sich bis zum Begriff der `Auschwitzkeule`", sagte Friedman, dessen Eltern den Holocaust ĂŒberlebten, weil sie auf Schindlers Liste standen. "Der Holocaust-Gedenktag kam Ende des 20. Jahrhunderts sehr spĂ€t", beklagt Friedman. Seit 2005 ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar ein internationaler Gedenktag fĂŒr die Opfer des Nationalsozialismus. Das Schweigen ĂŒber die Schuld der Deutschen im Nationalsozialismus könnten nicht nur die Opfer durchbrechen, sagte Friedman. Als ihn Lehrer angerufen hĂ€tten, um ihnen Ăberlebende zu nennen fĂŒr den Unterricht, habe er einmal ins Telefon gerufen, dass es Millionen Ăberlebende gebe und man die eigenen Eltern fragen solle. "Das Leiden konnte man bei den Opfern lernen. Aber wie so etwas passiert, was wir mit `Wehret den AnfĂ€ngen` meinen, das konnte man nur von den TĂ€tern lernen. Davon gab es Millionen. Millionen, die mitgemacht haben, aktiv oder durch Unterlassen. Und spĂ€ter nichts davon erzĂ€hlt haben." Der Publizist forderte die PrĂŒfung eines AfD-Verbots. "Wenn die Beweise ausreichend sind, um verantwortungsbewusst die AfD zu verbieten, ist es die Pflicht der demokratischen Institutionen, das zu tun. So ist es im Grundgesetz verankert", sagte Friedman. Die Bundesrepublik sei heute strukturell demokratisch. "Trotzdem ist der Angriff, den wir gerade erleben von der Partei des Hasses, ein struktureller, weil zum ersten Mal eine antidemokratische Partei in die demokratischen Systeme eingedrungen ist, um sie auszuhöhlen." Friedman, einst Vize-Vorsitzender des Zentralrats der Juden, beklagte, dass Deutschland weiterhin auf dem rechten Auge blind sei. "Ein Land, dessen Regierung 2022 zum ersten Mal zugibt, dass der Rechtsextremismus die gröĂte Gefahr fĂŒr die Demokratie ist, leidet unter kollektiver VerdrĂ€ngung", sagte Friedman. "Die Annahme, es gebe kaum Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus, ist einer der Offenbarungseide der Bundesrepublik seit ihrer GrĂŒndung bis jetzt", so der Publizist. "Rostock, Hoyerswerda, Mölln, der NSU, Hans-Georg MaaĂen als VerfassungsschutzprĂ€sident - immer hieĂ es: EinzelfĂ€lle. Eine juristische Lösung Ă€ndert nichts an dieser gesellschaftlichen RealitĂ€t." 80 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 beklagte Friedman auĂerdem, dass "unsere Gesellschaft beim selbstgewissen Ausruhen die Muskelkraft verloren hat". Diejenigen, die die Demokratie zerstören wollten, trainierten hingegen jeden Tag. "Die Demokraten sind in der Mehrheit, aber es gibt viele gleichgĂŒltige, gelangweilte, untrainierte Demokraten", sagte Friedman. Er warnte Deutschland davor, sich angesichts der vielen Krisen und Kriege zurĂŒckzuziehen. "Der Satz `Krieg ist kein Mittel der Politik`, den wir gerne vor uns tragen, soll uns nur entlasten", so Friedman. "Wir haben uns in ein Schlaraffenland zurĂŒckgezogen."


