Ukraine braucht Hilfe
17.10.2024 - 15:31:33Die Kampfhandlungen haben Hunderttausende Minen und andere KampfmittelrĂŒckstĂ€nde in Wohngegenden und auf Feldern hinterlassen, die noch explodieren können. Bei einer zweitĂ€gigen Konferenz in der Schweiz geht es nun darum, wie die Minen "womöglich schneller, effektiver und billiger gerĂ€umt werden können", wie Peter Reuss, der Referatsleiter im AuswĂ€rtigen Amt unter anderem fĂŒr humanitĂ€res MinenrĂ€umen, sagte.
Die ukrainische Vizeregierungschefin Julia Swyrydenko sagte zum Konferenzauftakt in Lausanne, die Ukraine habe bereits 35.000 Quadratkilometer Land gerĂ€umt, teils mit selbst gebauten Maschinen. Nicht nur, damit Menschen in ihre Dörfer zurĂŒckkehren könnten, sondern auch, um Felder wieder herzustellen. Millionen Menschen weltweit seien auf ukrainischen Weizen angewiesen.
Was ist die Gefahr?
Landminen, Streumunition, nicht explodierte Granaten, Raketen oder abgestĂŒrzte Kampfdrohnen können beim versehentlichen BerĂŒhren oder Hantieren explodieren. Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar 2022 gab es in der Ukraine mehr als 1.000 Opfer durch Minen und nicht explodierte KampfmittelrĂŒckstĂ€nde, gut 300 von ihnen kamen ums Leben.
Ist das Minenproblem gröĂer als etwa in Syrien oder anderswo?
Die Vereinten Nationen sehen die Ukraine als das am stĂ€rksten verminte Land der Erde an. Potenziell gilt eine FlĂ€che doppelt so groĂ wie Bayern als Gefahrengebiet, plus verminte Meeresgebiete. Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP sagt zwar, dass womöglich nur auf zehn Prozent der FlĂ€che wirklich Munition liege, aber das ganze Areal muss abgesucht werden. "Diese Risiken beeinflussen das Leben von ĂŒber sechs Millionen Ukrainern negativ", sagt der Leiter der nationalen ukrainischen MinenrĂ€umbehörde, Ruslan Berehulja.
Was ist in der Ukraine anders als in anderen minenverseuchten LĂ€ndern?
Zum einen habe Russland die Minen so dicht gelegt, wie es in kaum einem anderen Land vorkomme, sagt Gary Toombs von der Organisation Handicap International, die Minenopfern und Menschen mit Behinderungen weltweit hilft. Zum anderen gebe es neue Technologien: etwa Minen, die durch VerĂ€nderung des Magnetfelds oder ErschĂŒtterungen im Boden aktiviert werden, was die RĂ€umung zusĂ€tzlich kompliziere.
"Es gibt Geschosse, die ĂŒber dem Boden Spulen von Spann- und StolperdrĂ€hten herausschleudern, die dann ein Spinnennetz bilden", sagt er. Wer hineinlĂ€uft, löst die Explosion aus. Andere SpanndrĂ€hte hingen mit einer Art Angelhaken im Baum, der sich beim Vorbeigehen in Kleidung verfĂ€ngt. Durch den Zug werde der ZĂŒnder ausgelöst.
Wie schrÀnkt dies das Leben der Menschen ein?
"Landwirte können ihre Felder nicht bestellen, beschĂ€digte Kraftwerke bleiben auĂer Betrieb und Zivilisten bleiben aus ihren HĂ€usern vertrieben", sagt Jaco Cilliers, Vertreter des UN-Entwicklungsprogramms in der Ukraine. So bleibt auch die Wirtschaft teils lahmgelegt. An der Front ist das MilitĂ€r fĂŒr MinenrĂ€umung zustĂ€ndig, bei groĂer Infrastruktur die MinenrĂ€umbehörde. In Dörfern und Feldern geht es um sogenannte humanitĂ€re MinenrĂ€umung.
Wie funktioniert die humanitÀre MinenrÀumung?
Vielfach mĂŒssen Felder nach einem ersten Einsatz von Maschinen Meter fĂŒr Meter mit Metalldetektoren abgesucht werden, sagt Markus Schindler. Der 36-JĂ€hrige aus Rosenheim arbeitet fĂŒr die FSD, eine schweizerische Stiftung fĂŒr MinenrĂ€umung.
An zwei verminten FuĂballplĂ€tzen in der Region Charkiw hĂ€tten MinenrĂ€umer mehrere Monate gearbeitet. Dort musste zur Sicherheit der Spieler jeder Munitionssplitter entfernt werden. Andernorts können zehnmal gröĂere Gebiete in wenigen Wochen gerĂ€umt werden.
Was muss darĂŒber hinaus getan werden?
Handicap International konzentriert sich auf RisikoaufklÀrung, "wie man sicher in einem Gebiet leben kann, bis die MinenrÀumer kommen", sagt Toombs. Schulungen gibt es in GemeindesÀlen, Bunkern, Schulen und anderswo.
Was ist schon gemacht worden?
Nach Angaben der ukrainischen Behörden sind im Land schon mehrere Tausend MinenrĂ€umer im Einsatz. Sie haben Hunderttausende Minen und explosive GegenstĂ€nde unschĂ€dlich gemacht. Minen wĂŒrden vernichtet, nicht zur Wiederverwendung aufbereitet, sagte Swyrydenko in Lausanne. Die Kosten, um das ganze Land weitgehend zu rĂ€umen, werden von der Regierung auf gut 30 Milliarden Euro geschĂ€tzt.

