Einigung auf schnellere Planung - Streit ĂŒber Migration
06.11.2023 - 22:21:06Einigung auf mehr Tempo bei der Planung von BaumaĂnahmen, aber Streit ĂŒber die Reduzierung der FlĂŒchtlingszahlen: Das sind die Zwischenergebnisse des wichtigsten Bund-LĂ€nder-Gipfels seit der Corona-Pandemie bis zum Abend. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die MinisterprĂ€sidenten der LĂ€nder verstĂ€ndigten sich zum Auftakt ihrer Beratungen darauf, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, damit WindrĂ€der, Stromtrassen, Bahnstrecken und Wohnungen schneller gebaut werden können.
Fortschritte gab es bei der kĂŒnftigen Finanzplanung fĂŒr das Deutschlandticket.
Riesen-Zoff gab es schon vorher bei dem Vorbereitungstreffen der LĂ€nder beim Thema Migration. Auslöser war ein neuer Forderungskatalog, den die von CDU und CSU regierten LĂ€nder zusammen mit dem GrĂŒnen-MinisterprĂ€sidenten Winfried Kretschmann vorlegten. Die SPD-LĂ€nder reagierten verĂ€rgert. Die Beratungen seien «nicht so wirklich erquicklich» gewesen, sagte Niedersachsens MinisterprĂ€sident Stephan Weil (SPD).
Dabei waren sich vorher eigentlich alle einig, dass sich Bund und LĂ€nder, Regierung und Opposition bei der EindĂ€mmung der irregulĂ€ren Migration irgendwie zusammenraufen mĂŒssen - auch um der AfD den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zum Auftakt ging das schief.
Ăberraschender VorstoĂ von Unions-LĂ€ndern und Kretschmann
Die von CDU, CSU und GrĂŒnen gefĂŒhrten BundeslĂ€nder machten sich ĂŒberraschend gemeinsam fĂŒr Asylverfahren auĂerhalb Europas stark und stellten sich damit hinter einen entsprechenden Vorschlag des nordrhein-westfĂ€lischen MinisterprĂ€sidenten Hendrik WĂŒst (CDU).
Weil machte deutlich, dass die SPD-gefĂŒhrten LĂ€nder sich dies nur fĂŒr Transitstaaten hĂ€tten vorstellen können, also fĂŒr LĂ€nder, die Migranten passieren. Diese Möglichkeit soll die Bundesregierung nach dem Willen der LĂ€nder nun prĂŒfen. Ein Modell Ruanda sei hingegen nicht vorstellbar gewesen, so Weil - eine Anspielung auf britische PlĂ€ne. Die Regierung in London will, dass irregulĂ€r nach GroĂbritannien eingereiste Menschen ungeachtet ihrer Herkunft und ohne PrĂŒfung ihres Asylantrags festgehalten und so bald wie möglich nach Ruanda abgeschoben werden, wo sie dann auch um Asyl ersuchen sollen. Eine RĂŒckkehr nach GroĂbritannien ist nicht vorgesehen.
Wegen des Streits ums Geld Verhandlungen bis in die Nacht erwartet
Einigkeit gab es unter den LĂ€ndern dagegen darĂŒber, dass sie fĂŒr die Unterbringung von FlĂŒchtlingen mehr Geld vom Bund haben wollen. «Wir LĂ€nder haben einen sehr klaren Vorschlag gemacht. Wir sind sehr einig in der Frage», sagte der Vorsitzende der MinisterprĂ€sidentenkonferenz, der hessische Regierungschef Boris Rhein (CDU).
Die LĂ€nder zahlten in diesem Jahr rund 18 Milliarden Euro und die Kommunen etwa fĂŒnf Milliarden Euro fĂŒr FlĂŒchtlinge. «Deswegen glauben wir, dass da eine Unwucht ist, die ĂŒberwunden werden muss. Und darĂŒber werden wir jetzt mit dem Bund diskutieren und zu BeschlĂŒssen kommen», betonte Rhein. Die Begrenzung der Zuwanderung sei eine originĂ€re Aufgabe des Bundes.
Wegen des Streits um das Geld wurde erwartet, dass die Verhandlungen bis tief in die Nacht gehen. Die LĂ€nder wollen 10 500 Euro pro FlĂŒchtling und pro Jahr. Der Bund will nur 5000 geben. Dazwischen muss man sich einigen.
Einig waren sich die LĂ€nder beim Ziel, die Migration zu begrenzen und das Asylrecht zu verschĂ€rfen. So soll der Familiennachzug zu so genannten subsidiĂ€r Schutzberechtigten - oft BĂŒrgerkriegsflĂŒchtlinge - «vorĂŒbergehend bis auf besondere HĂ€rtefĂ€lle begrenzt» werden. Der Koalitionsvertrag von SPD, GrĂŒnen und FDP sieht hier eigentlich eine Ausweitung vor.
Die Asylverfahren von Menschen aus LĂ€ndern, bei denen weniger als 5 Prozent hierzulande Schutz bekommen, sollen nach der Auffassung der LĂ€nder kĂŒnftig in drei Monaten abgeschlossen sein, ein mögliches Klageverfahren gegen einen Bescheid in weiteren drei Monaten. FĂŒr alle anderen soll eine Zielmarke von maximal sechs Monaten gelten. FĂŒr Leistungen an Asylbewerber soll eine Bezahlkarte kommen.
Die Innenministerkonferenz soll zudem prĂŒfen, wie insbesondere schwere StraftĂ€ter und Gewaltverbrecher besser abgeschoben werden können - und ob man ihnen kĂŒnftig leichter den Schutz in Deutschland entziehen könnte.
Beschleunigungspakt steht
DafĂŒr einigten Scholz und die MinisterprĂ€sidenten auf einen Beschleunigungspakt. Es gehe darum, «dass nicht noch ein Politiker sagt, alles soll schneller werden, sondern dass es tatsĂ€chlich passiert», sagte Scholz.
In den letzten Jahrzehnten hĂ€tten Bund und LĂ€nder «mit groĂer Liebe und Zuneigung» immer mehr Vorschriften erfunden. Diese sollten nun vereinfacht werden. Das Paket umfasse dazu an die 100 Einzelregelungen, unter anderem zu Autobahnen und Zugtrassen, zum Bau von Wohnungen, dem Ausbau von Dachgeschossen und das Aufstellen von Mobilfunkmasten. Weitere Vereinfachungen etwa im Gesundheitswesen und der Wasserstoffindustrie sollten folgen, kĂŒndigte Scholz an.
Der hessische Regierungschef Boris Rhein (CDU) betonte: «Ich freue mich sehr darĂŒber, dass wir einig sind als Bund und LĂ€nder, und das ist im Föderalismus eben wichtig.» Unter anderem beim Thema Bauen werde vieles erleichtert. Einmal erteilte Typengenehmigungen fĂŒr serielles Bauen sollten etwa bundesweit gelten. Um- und Ausbau von Wohnungen werde nicht mehr an Auto-StellplĂ€tzen scheitern. Ein Windrad könne ohne Genehmigung an der gleichen Stelle durch ein anderes ersetzt werden.
Weil: «Wir sind in Deutschland zu kompliziert»
Niedersachsens MinisterprĂ€sident Stephan Weil (SPD) betonte: «Wir sind in Deutschland zu kompliziert, deshalb dauert alles zu lange, und das macht es am Ende natĂŒrlich noch zusĂ€tzlich teurer.» Jetzt solle vieles einfacher und damit auch billiger werden. UmweltverbĂ€nde hatten die Bund-LĂ€nder-PlĂ€ne zuvor scharf kritisiert. Sie fĂŒrchten, es könne auf Kosten der Natur gehen, wenn Regelungen fĂŒr UmweltvertrĂ€glichkeitsprĂŒfungen und Artenschutz verĂ€ndert werden.
Weitere Schritte zur Sicherung des Deutschlandtickets
Bei der Finanzierung des Deutschlandtickets im Nahverkehr verstĂ€ndigten sich Bund und LĂ€nder auf weitere Schritte. In diesem Jahr nicht verbrauchte Mittel sollen demnach 2024 fĂŒr den Ausgleich finanzieller Nachteile aus dem Ticket eingesetzt werden können, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Teilnehmerkreisen von Bund und LĂ€ndern bei Beratungen am Montagabend in Berlin erfuhr. AuĂerdem sollen die Verkehrsminister beauftragt werden, ein Konzept zur DurchfĂŒhrung des Tickets ab 2024 vorzulegen. In den Blick rĂŒckt dabei auch der Preis von bisher 49 Euro im Monat, der von vornherein als «EinfĂŒhrungspreis» bezeichnet worden war.


