EU und Serbien schmieden Lithium-Pakt
19.07.2024 - 13:33:53Die EuropĂ€ische Union und Serbien wollen gemeinsam eins der gröĂten Lithium-Vorkommen Europas im Wert von mehreren Milliarden Euro fĂŒr die Herstellung von Batterien vor allem fĂŒr Elektroautos abbauen.
In Anwesenheit von Bundeskanzler Olaf Scholz, Serbiens PrĂ€sident Aleksandar Vucic und EU-Kommissionsvize Maros Sefcovic wurde in Belgrad eine AbsichtserklĂ€rung unterzeichnet, die eine umweltvertrĂ€gliche Förderung des knappen und weltweit extrem begehrten Leichtmetalls im westserbischen Jadar-Tal ermöglichen soll. In Serbien gibt es massiven Widerstand von UmweltschĂŒtzern gegen das Projekt.
Scholz versicherte, dass es den "höchsten Standards" des Umweltschutzes entsprechen werde. "Wir werden das unterstĂŒtzen und wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass das auch tatsĂ€chlich so kommt." Sefcovic sprach von einem "historischen Tag" und wertete das Abkommen als Schritt Serbiens in Richtung EU. Am euphorischsten Ă€uĂerte sich Vucic nach der Unterzeichnungszeremonie: "FĂŒr uns wird dies einen Wendepunkt und einen Quantensprung in die Zukunft darstellen, etwas, das wir nicht fĂŒr möglich gehalten hĂ€tten."
China zog den KĂŒrzeren
FĂŒr beide Seiten geht es bei dem Rohstoff-Abkommen um viel. FĂŒr Serbien handelt es sich um die gröĂte auslĂ€ndische Direktinvestition seiner Geschichte. Ziel der Regierung in Belgrad ist es, eine Wertschöpfungskette fĂŒr ElektromobilitĂ€t vom Abbau des Rohstoffs bis zur Batteriefertigung aufzubauen. Das bedeutet Staatseinnahmen, ArbeitsplĂ€tze und Investitionen, die Vucic auf sechs Milliarden Euro schĂ€tzte. Unter anderem habe Scholz ihm versichert, dass in Serbien auch eine Batterie-Fabrik entstehen werde.
Deutschland und die EU wollen mit dem Projekt vor allem die AbhĂ€ngigkeit von China reduzieren. Die zweitgröĂte Volkswirtschaft der Welt kontrolliert einen groĂen Teil des Abbaus und der Verarbeitung von Lithium weltweit. Auch China hatte sich um die Ausbeutung der Vorkommen in Serbien bemĂŒht, im Mai war PrĂ€sident Xi Jinping sogar nach Belgrad gereist. Dass man sich trotzdem nun als EuropĂ€er durchgesetzt hat, wird von deutscher Seite als groĂer Erfolg gefeiert, der vielleicht auch Ausstrahlungskraft auf weitere Rohstoff-Projekte haben könnte.
Lithium fĂŒr mehr als eine Million E-Autos im Jahr
Das Abkommen hat eine lĂ€ngere Vorgeschichte. Bereits vor drei Jahren gab der australische Bergbaugigant Rio Tinto GB0007188757 bekannt, dafĂŒr eine Milliardeninvestition tĂ€tigen zu wollen. Nach SchĂ€tzung des Unternehmens kann das geplante Bergwerk jĂ€hrlich 58.000 Tonnen Lithium produzieren. Das wĂŒrde serbischen Medienberichten zufolge den Bedarf von 1,1 Millionen Elektro-Fahrzeugen decken, was etwa 17 Prozent der europĂ€ischen Produktion entspreche. Die Autohersteller Mercedes-Benz DE0007100000 und Stellantis NL00150001Q9 verhandeln mit Rio Tinto bereits ĂŒber eine Beteiligung.
UmweltschĂŒtzer sorgen sich um Trinkwasserversorgung
Das Projekt ist aber hochumstritten. UmweltschĂŒtzer kritisieren unter anderem, dass Lithium-Bergbau das Grundwasser mit Schwermetallen verunreinige und daher eine Gefahr fĂŒr die Trinkwasserversorgung der Anwohner darstelle. Ein Vertreter der Umweltorganisation Ăkologischer Aufstand, Aleksandar Jovanovic Cuta, nannte das Abkommen ein "Todesurteil zur Beendigung des Lebens" in der Abbauregion. "Das ist es, was Aleksandar Vucic tut." UmweltschĂŒtzer wollten wĂ€hrend der Zeremonie eigentlich vor dem PrĂ€sidentenpalast demonstrieren, der aber weitrĂ€umig abgesperrt wurde.
Serbische Opposition wirft Westen Anbiederung an Vucic vor
Es gibt auch rechtsstaatliche Bedenken gegen das Projekt. Die serbische Regierung hatte den Weg fĂŒr die Unterzeichnung erst vor wenigen Tagen freigemacht. Sie berief sich auf ein kurz vorher ergangenes Urteil des Verfassungsgerichts, das einen Stopp des Lithium-Projekts im Jahr 2022 rĂŒckgĂ€ngig machte. Die UnabhĂ€ngigkeit des Gerichts wird von den Kritikern des Projekts aber bezweifelt.
Die PlĂ€ne fĂŒr den Lithium-Abbau hatten in Serbien zwischenzeitlich zu Massenprotesten gefĂŒhrt. FĂŒr die serbische Opposition sind sie eins der wichtigsten Themen. Diese wirft dem Westen vor, sich wegen der Rohstoff-Partnerschaft Vucic anzubiedern. Dem serbischen PrĂ€sidenten werden Abbau der Demokratie und des Rechtsstaats sowie ein enger Draht zu Russland vorgeworfen.

