Untreue, Magdeburger

Untreue im Magdeburger Landtag? FraktionsrÀume durchsucht

01.07.2025 - 14:59:10

Die Fraktionen von CDU, SPD und AfD stehen in Sachsen-Anhalt im Verdacht, unzulĂ€ssige Zahlungen an Abgeordnete geleistet zu haben. Was hinter dem Polizeigroßeinsatz in Magdeburg steckt.

Mitten in der sitzungsfreien Sommerpause rĂŒcken Ermittler mit Polizeiwagen und zivilen Fahrzeugen am Landtag von Sachsen-Anhalt an. Wenig spĂ€ter treffen sie auch mit einem Lastwagen ein. Ihr Ziel: die FraktionsrĂ€ume von CDU, SPD und AfD. Drei der sechs Landtagsfraktionen in Magdeburg stehen im Verdacht, unzulĂ€ssige Zulagen an Abgeordnete gezahlt zu haben. Der Vorwurf: Untreue. 

«Wir durchsuchen die GeschĂ€fts- und FraktionsrĂ€ume der Parteien CDU, SPD und AfD, weil der Verdacht der Untreue besteht», sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Magdeburg auf Anfrage. Der Einsatz, der am Dienstagvormittag begann, wurde demnach gemeinsam mit dem Landeskriminalamt und auf Grundlage richterlicher Anordnungen durchgefĂŒhrt. Die Auswertung der sichergestellten Unterlagen werde einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte der Sprecher.

Verdacht: Zulagen trotz klarer Regeln

Hintergrund sind laut Staatsanwaltschaft mögliche gesetzeswidrige Zahlungen von Funktionszulagen durch Verantwortliche der Fraktionen. Nach einer Parlamentsreform von 2020 dĂŒrfen zusĂ€tzliche EntschĂ€digungen nur noch an bestimmte FunktionstrĂ€ger wie den LandtagsprĂ€sidenten, seine Stellvertreter, Fraktionsvorsitzende und parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer gezahlt werden. DarĂŒber hinausgehende Zulagen aus Fraktionsmitteln gelten seither als unzulĂ€ssig.

Die CDU-Fraktion hat in der Vergangenheit jedoch auch Zulagen an ihren stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, ihre stellvertretende Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrerin sowie an Arbeitsgruppenleiter gezahlt. Dabei geht es um mehrere Hundert Euro im Monat - zusĂ€tzlich zur regulĂ€ren EntschĂ€digung von aktuell 8.736,66 Euro. Der Landesrechnungshof hatte schon 2023 erklĂ€rt, derartige Zulagen an Stellvertreter seien «gar nicht vereinbar» mit dem Abgeordnetengesetz in Sachsen-Anhalt.

Anzeige durch Bund der Steuerzahler

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige des Bundes der Steuerzahler im November 2023. Laut der Organisation wies die CDU-Fraktion in ihrer Rechnungslegung fĂŒr 2021 Zahlungen in Höhe von 66.000 Euro aus, fĂŒr 2022 waren es 47.250 Euro - jeweils fĂŒr «besondere Funktionen in der Fraktion». FĂŒr die AfD-Fraktion seien 2021 rund 25.600 Euro dokumentiert, fĂŒr die SPD-Fraktion 7.500 Euro. «Alle ĂŒbrigen Fraktionen haben in der Rechnungslegung sowohl fĂŒr 2021 als auch fĂŒr 2022 keine zusĂ€tzlichen Zahlungen fĂŒr Funktionszulagen ausgewiesen», teilte der Verband mit. 

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hatte ein zunĂ€chst eingeleitetes Verfahren eingestellt, die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg hob diese Entscheidung jedoch teilweise auf und forderte eine erneute PrĂŒfung. Ob die Ermittlungen infolge der Durchsuchungen nun zu strafrechtlichen Konsequenzen fĂŒhren, ist offen.

Der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler Sachsen-Anhalt, Ralf Seibicke, begrĂŒĂŸt das Vorgehen der Ermittler. «Ich freue mich darĂŒber, dass eine grĂŒndliche Befassung stattfindet», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Untersuchung zeige, dass die Staatsanwaltschaft «offensichtlich sehr tief eingestiegen» sei. Neben dem politischen Vorwurf der Steuergeldverschwendung mĂŒsse jetzt auch aufgeklĂ€rt werden, ob strafrechtliche Relevanz bestehe. «Und dann muss man das Ergebnis auch abwarten», so Seibicke.

Wie reagieren die betroffenen Fraktionen?

Die SPD-Fraktion teilte auf Anfrage mit, man unterstĂŒtze die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und erteile alle erforderlichen AuskĂŒnfte. Die bis 2021 gezahlten Zulagen fĂŒr stellvertretende Fraktionsvorsitzende in Höhe von zuletzt 750 Euro monatlich seien mit der Neukonstituierung der Fraktion zum Beginn der achten Wahlperiode abgeschafft worden. «In der laufenden Wahlperiode gibt es fĂŒr den stellvertretenden Fraktionsvorsitz deshalb keine Zulage mehr», sagte ein Sprecher. Zwischen der Neuregelung 2020 und Ende der Wahlperiode 2021 seien zur pauschalen Abgeltung des erhöhten Aufwandes noch Zahlungen geleistet worden.

Die AfD-Fraktion teilte mit, sĂ€mtliche erbetenen Unterlagen seien bereitgestellt worden. «Wir haben uns nichts vorzuwerfen und weisen die VorwĂŒrfe der Untreue entschieden zurĂŒck», erklĂ€rte Co-Fraktionschef Oliver Kirchner. «Die Maßnahmen mit einem derart massiven Personalaufgebot halten wir fĂŒr unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig.» Ein Sprecher der CDU-Fraktion Ă€ußerte sich zunĂ€chst nicht zu den VorgĂ€ngen.

@ dpa.de