Nach Besetzung an Humboldt-Uni: AufrÀumen und aufarbeiten
24.05.2024 - 04:01:42Nach der RĂ€umung der von rund 150 propalĂ€stinensischen Aktivisten besetzten Teile der Humboldt-UniversitĂ€t in Berlin will die Polizei den Einsatz nun aufarbeiten. Auch die politische Debatte ĂŒber die Duldung der Besetzung durch die UniversitĂ€tsleitung dĂŒrfte weitergehen. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) nahm allgemein die Dozenten in die Pflicht und forderte sie auf, Studenten zu ermutigen, Argumente vorzutragen. Wie groĂ der Sachschaden in der Humboldt-UniversitĂ€t ist, muss noch ermittelt werden.  Â
PropalĂ€stinensische Aktivisten hatten RĂ€ume der Humboldt-UniversitĂ€t aus Protest gegen Israel und zur UnterstĂŒtzung der PalĂ€stinenser besetzt. Die Gruppe namens Student Coalition Berlin forderte von Berliner Hochschulen unter anderem, dass diese sich fĂŒr einen sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand im Gaza-Krieg einsetzen und Druck auf die deutsche Regierung ausĂŒben. Diese solle ein Waffenembargo gegen Israel verhĂ€ngen und alle militĂ€rischen, finanziellen und diplomatischen Hilfen an Israel beenden.Â
Die UniversitĂ€tsleitung duldete die Besetzung zunĂ€chst und setzte auf einen Dialog von Besetzern und Wissenschaftlern. Am Abend dann rĂ€umte die Polizei auf Anweisung des Senats das besetzte GebĂ€ude. Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) habe die Anweisung in Ăbereinstimmung mit dem Regierenden BĂŒrgermeister Kai Wegner (CDU) gegeben, sagte die UniversitĂ€ts-PrĂ€sidentin, Julia von Blumenthal. Wegner dankte der Polizei auf der Plattform X fĂŒr ihren Einsatz.Â
Ein Teil der Aktivisten verlieĂ die RĂ€ume freiwillig, ein weiterer Teil wurde von der Polizei hinausgefĂŒhrt. 150 propalĂ€stinensische Aktivisten seien aus dem GebĂ€ude gefĂŒhrt worden, hieĂ es von der Polizei, ĂŒber Verletzte sei nichts bekannt.Â
«Guten Schritt gemacht»
Von Blumenthal Ă€uĂerte angesichts der RĂ€umung ihr Bedauern darĂŒber, dass keine VerstĂ€ndigung erreicht worden sei. Den Versuch des Dialogs sah sie am Abend zumindest nicht als gescheitert an: «Ich bin nicht sicher, ob es gelungen wĂ€re, aber ich hatte den Eindruck, dass wir einen guten Schritt gemacht haben mit diesem Dialog», sagte sie. Ihr gehe es darum, das Leid aller Betroffenen zu sehen. Zu Beginn der RĂ€umung sagte sie, ihr sei es wichtig, in diesem Moment dabeizusein.
Sie wolle den Studierenden zeigen, dass sie auch ihre PrĂ€sidentin sei, auch wenn sie viele der politischen Forderungen nicht teile und die SachbeschĂ€digung im GebĂ€ude verurteile «und alles verurteile, was insbesondere bei unseren jĂŒdischen Studierenden, aber auch bei anderen Mitarbeitenden und Studierenden des Instituts fĂŒr Sozialwissenschaften als Bedrohung empfunden wurde».Â
Buschmann: Keine Billigung von Straftaten
Bundesjustizminister Buschmann sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe angesichts der Proteste: «Es darf keine Bedrohung, keine Beleidigung, keine Billigung von Straftaten stattfinden.» Gerade an UniversitĂ€ten sollte das stĂ€rkere Argument zĂ€hlen - und nicht das lautere Geschrei. FĂŒr das Leid in Gaza trage die islamistische Hamas die Verantwortung, und Deutschland habe eine besondere Verantwortung gegenĂŒber Israel.
SelbstverstĂ€ndlich könne sich auf die Meinungsfreiheit auch berufen, wer mit dieser Haltung nicht einverstanden sei. «Die Grenze ist dort erreicht, wo Gewalt ausgeĂŒbt oder zu ihr aufgestachelt wird, wo Persönlichkeitsrechte verletzt oder Kennzeichen terroristischer Organisationen verwendet werden», sagte der Minister.Â
Er empfinde manche Begleiterscheinungen der Proteste an den UniversitĂ€ten besonders schmerzhaft, fĂŒgte Buschmann hinzu. «Denn dort sollen junge Menschen Konflikte austragen â und zwar mit rational ĂŒberprĂŒfbaren Argumenten. Nicht, indem andere niedergebrĂŒllt oder mit der Faust bedroht werden.» Der Justizminister verteidigte PolizeieinsĂ€tze in diesem Zusammenhang.
«UniversitĂ€ten sind besondere Orte - aber sie stehen nicht auĂerhalb des Rechts. Demonstrationen auf dem Uni-Campus unterliegen den gleichen Regeln wie andere Demonstrationen auch», sagte er. «Deshalb ist es natĂŒrlich richtig, wenn die Polizei einschreitet, wenn es zu RechtsverstöĂen kommt.»
Deutliche Kritik an Duldung
Die CDU hatte die Duldung der Besetzung als mögliche Ermunterung fĂŒr weitere Straftaten kritisiert, die SPD-Fraktion hatte gefordert, «den strafbaren Handlungen und SachbeschĂ€digungen ein Ende» zu bereiten. Auch die Gewerkschaft der Polizei hatte mitgeteilt, UniversitĂ€ten als Orte des Austauschs und der Diskussion seien keine Legitimationsgrundlage, um menschenverachtende und antisemitische Parolen zu grölen.Â
Die Stimmung bei der RĂ€umung war aufgeheizt: Eine Aktivistin schrie auf dem Hof ihre Frustration heraus: «Meine Familie stirbt jeden Tag!» Aus einer Demonstration in unmittelbarer NĂ€he waren ĂŒber Stunden laute Rufe zu hören, etwa der Aufruf zur Gewalt oder die mittlerweile verbotene Parole «from the river to the sea, palestine shall be free», die Israel das Existenzrecht abspricht.Â
Nach dem Massaker der Hamas mit mehr als 1200 Toten am 7. Oktober in Israel sind im folgenden Gaza-Krieg laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 35.000 PalĂ€stinenser ums Leben gekommen, wobei die unabhĂ€ngig kaum zu ĂŒberprĂŒfende Zahl nicht zwischen Zivilisten und KĂ€mpfern unterscheidet.





