Haldenwang, Dschihadistische

Haldenwang: Dschihadistische Gefahr auf hohem Niveau

11.06.2024 - 08:33:19

Die militĂ€rische Niederlage der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak 2017 und in Syrien 2019 war ein DĂ€mpfer fĂŒr die Szene. Doch seit einigen Monaten wĂ€chst die dschihadistische Gefahr wieder.

Die Bedrohung durch islamistische TerroranschlĂ€ge ist in Deutschland nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes aktuell deutlich höher als in den vergangenen Jahren - auch wegen des Gaza-Kriegs. «Das Risiko dschihadistischer AnschlĂ€ge ist so hoch wie seit langem nicht mehr», sagte der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Sicherheitsbehörden bearbeiten nach seinen Worten vermehrt entsprechende Hinweise. 

Der Chef des Inlandsgeheimdienstes nennt fĂŒr das gestiegene Anschlagsrisiko - auch durch selbst radikalisierte EinzeltĂ€ter - verschiedene GrĂŒnde. So habe die MachtĂŒbernahme der islamistischen Taliban in Afghanistan die dschihadistische Idee insgesamt befördert. Ein weiterer Faktor sei das Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK), gerade in Pakistan und Afghanistan. Weiter sagte Haldenwang, Koran-Verbrennungen in Skandinavien sowie der israelische MilitĂ€reinsatz gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen hĂ€tten ebenfalls dazu beigetragen, «dass sich Radikalisierungsspiralen in Gang setzen». 

Haldenwang sagte der dpa: «Die Situation in Nahost nach dem Terrorangriff der Hamas ist definitiv eine weitere Ursache fĂŒr die VerschĂ€rfung der Bedrohungslage durch den islamistischen Terrorismus.» Klar sei auch: «Deutschland steht stĂ€rker als andere europĂ€ische LĂ€nder im Fokus von Dschihadisten, weil unser Land neben den USA als einer der wichtigsten UnterstĂŒtzer Israels gilt.»

Ein 25-jĂ€hriger Afghane hatte Ende Mai fĂŒnf Teilnehmer einer Kundgebung der islamkritischen Bewegung Pax Europa sowie einen Polizisten in Mannheim mit einem Messer verletzt. Der 29 Jahre alte Beamte Rouven Laur erlag spĂ€ter seinen Verletzungen. Die Ermittler vermuten ein islamistisch-extremistisches Tatmotiv.

Fokus auch auf Rechtsextremismus und Spionage 

Seine Behörde habe die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus nie unterschĂ€tzt, sondern vielmehr wiederholt darauf hingewiesen, «dass die Sicherheitslage sehr angespannt ist», sagte der PrĂ€sident des Verfassungsschutzes. Die grĂ¶ĂŸte Gefahr fĂŒr die Sicherheit zu benennen, sei derzeit kaum möglich. «Wir haben es aktuell mit einem Dreiklang zu tun: Die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus, das vor allem durch den Rechtsextremismus auch mit den Themen Fremden- und Muslimfeindlichkeit aufgeheizte gesellschaftliche Klima und die Einfluss- und SpionageaktivitĂ€ten fremder Staaten.» Hinzu komme die Bedrohung durch den zunehmend gewaltorientierten Linksextremismus.

Als Reaktion auf Koran-Verbrennungen sollen zwei in Deutschland lebende MĂ€nner einen Anschlag mit Schusswaffen auf das schwedische Parlament geplant haben. Die beiden Afghanen wurden im MĂ€rz in ThĂŒringen festgenommen. Wie der Generalbundesanwalt damals mitteilte, sollen sie im Sommer 2023 entsprechende Anweisungen vom ISPK erhalten und konkrete Vorbereitungen getroffen haben. 

In Schweden waren im vergangenen Jahr immer wieder Exemplare des Korans öffentlich angezĂŒndet oder beschĂ€digt worden. Die Verantwortlichen verunglimpften dabei meist auf islamfeindlichen Versammlungen die fĂŒr Muslime heilige Schrift.

IS-Ableger aus Zentralasien hat ExpansionsgelĂŒste

Die ISPK-AnhĂ€ngerschaft stammt laut Verfassungsschutz ĂŒberwiegend aus Zentralasien. Dazu gehören etwa Afghanen, Usbeken und Tadschiken sowie Menschen mit Verbindungen in den Nordkaukasus. Viele von ihnen hĂ€tten Kampferfahrung, sagt Haldenwang. Man habe die gleichen GlaubensgrundsĂ€tze, folge den gleichen Predigern. Auch die russische Sprache, die alle beherrschten, könne eine verbindende Klammer sein. «Der ISPK strebt danach, seinen Einflussbereich ĂŒber die Ursprungsregion hinaus zu vergrĂ¶ĂŸern und auch nach Westeuropa auszudehnen», sagt der Chef des Inlandsgeheimdienstes. 

Festnahme am Flughafen

Am vergangenen Freitag war am Flughafen Köln/Bonn bei einem Ausreiseversuch ein Mann mit deutsch-marokkanisch-polnischer Staatsangehörigkeit gefasst worden. Er steht im Verdacht, im September 2023 ĂŒber eine KryptowĂ€hrungsbörse insgesamt fast 1700 US-Dollar auf ein Konto des ISPK ĂŒbermittelt zu haben. Er hatte sich vergeblich als Ordner und Sicherheitskraft fĂŒr mehrere Großveranstaltungen beworben, darunter auch sogenannte Nebenveranstaltungen zur Fußball-EM (14. Juni bis 14. Juli) außerhalb der Fußball-Stadien, also unter anderem fĂŒr Public-Viewings. Bei der PrĂŒfung des Antrags, die jeder Bewerber durchlĂ€uft, fiel er durch, weil ihn die Sicherheitsbehörden auf dem Schirm hatten. 

Der IS-Ableger hatte auf einem seiner KanĂ€le vor einigen Wochen ein Bild in Videospiel-Optik veröffentlicht, das einen Mann in einem Stadion mit einer automatischen Waffe zeigt. Aus Sicherheitskreisen hieß es im Mai, dies sei «Teil der fortgesetzten Propagandakampagne, die Unruhe schĂŒren und EinzeltĂ€ter triggern soll».

@ dpa.de