Deutschland, Polen

Tusk setzt Merz bei EntschÀdigung unter Druck

01.12.2025 - 17:24:12

Die russische Bedrohung hat Deutschland und Polen enger zusammenrĂŒcken lassen. Es bleibt aber ein Problem aus der Vergangenheit, bei dem ein Einvernehmen weiter nicht in Sicht ist.

  • Beim Thema Ukraine beschworen Polens MinisterprĂ€sident Donald Tusk und Kanzler Friedrich Merz Einigkeit.  - Foto: Kay Nietfeld/dpa

    Kay Nietfeld/dpa

  • Bei Verteidigung und Ukraine einig, bei der Kriegs-Vergangenheit nicht. - Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

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Beim Thema Ukraine beschworen Polens MinisterprÀsident Donald Tusk und Kanzler Friedrich Merz Einigkeit.  - Foto: Kay Nietfeld/dpaBei Verteidigung und Ukraine einig, bei der Kriegs-Vergangenheit nicht. - Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Polen drÀngt Deutschland zu einer schnellen EntschÀdigung der noch lebenden Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. «Beeilt euch, wenn ihr wirklich diese Geste machen wollt», sagte Polens MinisterprÀsident Donald Tusk nach den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen in Berlin bei einer Pressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).

Der polnische Regierungschef verwies darauf, dass die Zahl der noch lebenden Opfer des Nazi-Terrors in seinem Land stĂ€ndig zurĂŒckgehe. Als der damalige Kanzler Olaf Scholz im Juli 2024 diese UnterstĂŒtzung versprochen habe, hĂ€tte es nach Angaben der Stiftung fĂŒr deutsch-polnische Aussöhnung noch 60.000 lebende Opfer gegeben, mittlerweile seien es noch 50.000. Rechnet man das um, sind seitdem pro Tag mehr als 20 Opfer gestorben.

«Wenn wir hier nicht bald eine eindeutige und schnelle ErklĂ€rung bekommen, erwĂ€ge ich, im kommenden Jahr die Entscheidung zu treffen, dass Polen diese BedĂŒrfnisse aus eigenen Mitteln befriedigt.» Mehr wolle er dazu zunĂ€chst nicht sagen. 

Merz will «jetzt hier keine Summen nennen»

Merz wurde bei dem Thema nicht konkret. «Ich bitte um VerstĂ€ndnis, dass wir jetzt hier keine Summen nennen. Aber gehen Sie bitte davon aus, dass auch die ja von mir gefĂŒhrte Bundesregierung sich ihrer historischen Verantwortung gegenĂŒber unserem Nachbarn Polen sehr bewusst ist und dass wir GesprĂ€che auch weiter miteinander fĂŒhren», sagte er lediglich.

Der Umgang mit den dramatischen Folgen der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg ist ein Dauerthema in den Beziehungen beider LĂ€nder. Weiterhin stehen polnischen Reparationsforderungen in Billionenhöhe fĂŒr die damals angerichteten SchĂ€den im Raum, die zuletzt im September von Polens PrĂ€sidenten Karol Nawrocki bei seinem Antrittsbesuch in Berlin erhoben wurden. Sowohl Merz und als auch BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier hatte diese Forderungen erneut zurĂŒckgewiesen. 

Merz: «Die Vergangenheit hört nie auf»

Die Idee der sogenannten humanitÀren Geste an die Opfer kam bei den letzten Regierungskonsultationen in Warschau vor 16 Monaten auf, als die Ampel noch regierte. Ein konkreter Vorschlag wurde daraus aber nicht. 

Merz bekannte sich auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Tusk zwar mehrfach zur deutschen Verantwortung fĂŒr das die von Nazi-Deutschland angerichtete Leid und die Zerstörung in Polen. «Die Vergangenheit hört nie auf», sagte er, bekrĂ€ftigte aber auch: «Die Frage nach Reparationen ist aus deutscher Sicht juristisch und politisch seit vielen Jahren abschließend beantwortet.»

Tusk hielt entgegen, man kenne die deutsche Position, an einem formellen diplomatischen Akt aus den 1950er Jahren festzuhalten. Der Verzicht auf Reparationen 1953 durch die damalige kommunistische FĂŒhrung sei aber «keine Entscheidung im Sinne des polnischen Volkes gewesen, denn das polnische Volk hatte damals nichts zu sagen.» In Polen seien daher «alle ohne Ausnahme» der Meinung, dass das Land keine EntschĂ€digung fĂŒr die Verluste und Verbrechen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erhalten habe.

Kriegsvergangenheit Dauerthema in Beziehungen

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 war der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit insgesamt mindestens 55 Millionen Toten - andere SchĂ€tzungen kommen sogar auf bis zu 80 Millionen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Polen blieb ĂŒber mehrere Jahre von den Deutschen besetzt und hatte gemessen an der Gesamtbevölkerung so viele Tote zu beklagen wie kein anderes Land.

Der Umgang mit den dramatischen Folgen der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg ist ein Dauerthema in den Beziehungen beider LĂ€nder. Weiterhin stehen polnischen Reparationsforderungen in Billionenhöhe fĂŒr die damals angerichteten SchĂ€den im Raum, die zuletzt im September von Polens PrĂ€sidenten Karol Nawrocki bei seinem Antrittsbesuch in Berlin erhoben und von Merz und BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier zurĂŒckgewiesen wurden. 

Anders als der rechtskonservative PrĂ€sident Polens thematisiert die Mitte-Links-Regierung von MinisterprĂ€sident Tusk die Reparationsfrage nicht mehr offensiv - sie erwartet von der Bundesregierung aber zunĂ€chst einmal mindestens diese Geste der UnterstĂŒtzung fĂŒr die noch lebenden Opfer. 

Das Projekt einer festen GedenkstĂ€tte fĂŒr die polnischen Kriegsopfer in Berlin wollen beide Seiten aber vorantreiben. DafĂŒr sollen konkrete Ausschreibungsverfahren gestartet werden.

Vertiefte Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich 

Im Zentrum der Konsultationen stand eigentlich die Vertiefung der Beziehungen in den Bereichen Verteidigung, Wirtschaft und Infrastruktur. Tusk wertete die Ergebnisse des Treffens als «eine historische VerÀnderung». 

Er wĂŒrdigte vor allem die «umfassende polnisch-deutsche Zusammenarbeit in Bezug auf die Verteidigung der Ostgrenze Europas bezeichnen». Dazu soll zum 35. JubilĂ€um des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags im nĂ€chsten Jahr ein Abkommen mit konkreten Projekten unterzeichnet werden. 

Merz nannte Deutschland und Polen «unverzichtbare Nachbarn und Partner». Bei der Modernisierung der Infrastruktur geht es unter anderem um die Bahnlinie zwischen dem brandenburgischen AngermĂŒnde und der polnischen Grenzstadt Stettin sowie um die Straßenverbindung an der Grenze bei Frankfurt an der Oder.

Merz beschwört Zusammenhalt in Ukraine-Politik 

Merz beschwor auch die Einigkeit europĂ€ischer Partner bei den Ukraine-Verhandlungen und trat Spekulationen entgegen, Polen sei dabei außen vor. Anfang Mai war Merz zusammen mit Tusk, Macron und Starmer in Kiew, um die SolidaritĂ€t mit der Ukraine zu demonstrieren. 

Den aktuellen Verhandlungsprozess ĂŒber einen Friedensplan fĂŒhren nun aber Deutschland, Frankreich und Großbritannien ohne Polen, das lediglich konsultiert wird - obwohl Polen als Nachbarland der Ukraine und Russlands besonders von dem Krieg betroffen ist. In Polen hat das zuletzt fĂŒr EnttĂ€uschung gesorgt. «Derzeit sieht es so aus, als wĂ€ren wir bei den Verhandlungen ĂŒberflĂŒssig», schrieb die «Gazeta Wyborcza», eines der wichtigsten polnischen Medien, kurz vor den Konsultationen.

@ dpa.de