Krankenkassen-Ausgaben steigen â BeitrĂ€ge stabil?
05.09.2025 - 09:37:01Immer stĂ€rker steigende Ausgaben setzen die Politik bei den Krankenkassen-Finanzen weiter unter Druck. So stiegen die Leistungsausgaben der noch rund 90 Krankenkassen im ersten Halbjahr um 7,95 Prozent auf 166,1 Milliarden Euro, wie aus neuen Kennzahlen des GKV-Spitzenverbands hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. Heute will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ĂŒber die Finanzentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung im 1. Halbjahr 2025 informieren. Die schwarz-rote Koalition hatte zuletzt als Ziel ausgegeben, dass die BeitrĂ€ge fĂŒr die Versicherten nach Möglichkeit stabil bleiben sollten.
AuffĂ€llig ist der im ersten Halbjahr auf 2,8 Milliarden Euro gestiegene Ăberschuss der Krankenkassen. Nach Rekorddefiziten im Jahr 2024 war bis Ende MĂ€rz bereits ein Ăberschuss von 1,8 Milliarden Euro entstanden.
Kassen machen Gesetzgebung fĂŒr höhere Kosten verantwortlich
«Aber das sollte niemanden beruhigen», sagte der Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Oliver Blatt, der dpa. «Die Ausgabendynamik ist im ersten Halbjahr ungebrochen.» Der Ăberschuss sei dringend notwendig, um die gesetzliche Mindestreserve der Kassen wieder aufzufĂŒllen. In den vergangenen Jahren hatte es einen RĂŒcklagen-Abbau gegeben. «Gerade mit Blick auf die dynamische Ausgabenentwicklung ist aber noch offen, ob das gelingen kann», sagte Blatt.
Allein beim gröĂten Kostenblock, den Krankenhausbehandlungen, ĂŒbertraf das Plus mit 9,6 Prozent noch das des ersten Halbjahres 2024 (7,9 Prozent). 54,5 Milliarden Euro flossen nun zu den Kliniken. Die Ausgaben fĂŒr Ărzte stiegen um 7,8 Prozent auf 27,0 Milliarden, die fĂŒr Arzneimittel um 6 Prozent auf 28,9 Milliarden Euro. Blatt sagte: «So kann es nicht weitergehen, solche Steigerungsraten hĂ€lt kein Gesundheitssystem der Welt auf Dauer aus.»
Die Kassen machen vor allem die Gesetzgebung der vergangenen Jahre fĂŒr die Kostensteigerungen verantwortlich, wie ein Verbandssprecher erlĂ€uterte. Bestehende Honorardeckel wurden demnach beispielsweise fĂŒr immer mehr Ă€rztliche Leistungen abgeschafft â und bei Pharma Preisvorgaben gelockert.
Koalition will stabile BeitrĂ€ge fĂŒr Versicherte
FĂŒr die Versicherten sollen die höheren Kosten nach dem Willen der Koalition keine Auswirkungen haben: Schwarz-Rot will die BeitrĂ€ge nach deutlichen Steigerungen im kommenden Jahr möglichst stabil halten. CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn hatte dies bereits im August angekĂŒndigt. Im Koalitionsausschuss am Mittwochabend hat man das Ziel noch einmal bekrĂ€ftigt.
Die Beitragszahlenden sollen nicht weiter belastet, der dringend erhoffte Wirtschaftsaufschwung soll durch Beitragserhöhungen nicht zusÀtzlich gefÀhrdet werden.
So wollen die Kassen Beitragsanstieg vermeiden
Blatt lobte es als «gutes und wichtiges Signal», dass die Regierung die BeitrĂ€ge stabil halten wolle â und hat einen Vorschlag. GrundsĂ€tzlich mĂŒsse verhindert werden, dass die Krankenkassen mehr ausgeben mĂŒssen als sie einnehmen. Der Anstieg der Kosten mĂŒsse wieder auf «ein NormalmaĂ» zurĂŒckgefĂŒhrt werden.
Konkret warb Blatt fĂŒr den Vorschlag eines Ausgabenmoratoriums: «Preis- und HonorarzuwĂ€chse dĂŒrfen kĂŒnftig nicht mehr schneller steigen als die tatsĂ€chlichen Einnahmen der Krankenkassen.»
Die Absicht: «Mit so einem Ausgabenmoratorium könnten die BeitrĂ€ge zum Jahreswechsel insgesamt stabil bleiben.» Doch es wĂ€re nach Blatts Angaben weiter Luft fĂŒr den Ausgleich der Inflation und Tarifentwicklungen. Leistungen mĂŒssten nicht gestrichen werden.
Blatt: «Wir brauchen Reformen»
Bei den Krankenkassen wurden in den vergangenen Tagen BefĂŒrchtungen bekannt, dass der absehbare HalbjahresĂŒberschuss der Kassen den Reformdruck schmĂ€lern könnte.
Der Verband der Ersatzkassen etwa macht «ausgabentreibende Gesundheitsgesetzgebung der vergangenen Jahre» sowie ausstehende Strukturreformen fĂŒr die galoppierenden Kosten verantwortlich. Dies mĂŒsse angegangen werden.
Auch Kassenverbandschef Blatt sieht das geforderte Ausgabenmoratorium nur als SofortmaĂnahme, wie er sagte. «Wir brauchen unbedingt Reformen, deren gute Wirkung die Versicherten im Alltag spĂŒren, zum Beispiel durch schnellere Arzttermine», verlangte Blatt. QualitĂ€t mĂŒsse erhalten bleiben.
Langfristig will Blatt aber auch verhindern, dass die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen weiter auseinanderklafft, und «wieder zu stabilen Finanzen kommen».
Die Lage bei den BeitrÀgen
Etwa zu Jahresbeginn hatten die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler auf breiter Front tiefer in die Tasche greifen mĂŒssen. Der Zusatzbeitrag stieg im Schnitt auf 2,9Â Prozent. Ihn legt jede Kasse selbst fest. Daneben gilt der allgemeine Satz von 14,6 Prozent des Bruttolohns.
In den Etats 2025 und 2026 will der Bund die Kassenfinanzen ĂŒber den regulĂ€ren Jahreszuschuss hinaus mit Darlehen stabilisieren. Diese Darlehen «werden nötige Beitragssatzanhebungen abfedern, sie werden sie nicht verhindern», hatte Gesundheitsministerin Warken im Bundestag gesagt. Reformkommissionen sollen dann strukturelle Reformen fĂŒr die Kranken- und Pflegeversicherung vorschlagen.
Im Sommer hatte der Bundesrechnungshof in einem Bericht an den Haushaltsausschuss Alarm geschlagen: Auch kĂŒnftig wĂŒrden die Einnahmen der Krankenkassen durchgĂ€ngig unter den Ausgaben bleiben. Folge seien stetig steigende ZusatzbeitrĂ€ge.





