Experte: Migranten nicht per se anfĂ€llig fĂŒr Radikalisierung
29.08.2024 - 04:05:36Eine Radikalisierung lĂ€sst sich laut einem Extremismus-Experten des Bundesamts fĂŒr Migration (Bamf) nicht alleine an der sozialen oder kulturellen Herkunft von Menschen festmachen. «Es ist ein klassisches gesamtgesellschaftliches PhĂ€nomen», sagte der Leiter der Beratungsstelle Extremismus im Bamf, Florian Endres, der Deutschen Presse-Agentur. Aus der Forschung und der Erfahrung der Beratungsstelle wisse man, dass es bei radikalisierten Menschen immer sogenannte Fenster gebe - «die aufgehen aufgrund von persönlichen UmstĂ€nden, von Lebenskrisen, Sinnkrisen, beruflichen Problemen, familiĂ€ren Problemen, die diese Personen nicht alleine meistern können». Dieses PhĂ€nomen trete sowohl in muslimischen als auch in nicht-muslimischen Familien auf.
Endres Ă€uĂerte sich nach dem mutmaĂlich islamistischen Anschlag in Solingen, wollte sich aber nicht auf den Einzelfall beziehen. In Solingen hatte am Freitag ein 26-jĂ€hriger Syrer drei Menschen mit einem Messer getötet und acht weitere verletzt.
Was begĂŒnstigt eine Radikalisierung?Â
Lebenskrisen hĂ€tten zwar die allermeisten Menschen irgendwann mal, aber nicht alle seien in solchen Zeiten in der Lage sich vor extremistischem Gedankengut zu schĂŒtzen. «Sie sind also ansprechbar fĂŒr Strukturen, die ihnen eine vermeintlich relativ leichte ErklĂ€rung fĂŒr diese Lage geben und natĂŒrlich auch einen Ausweg aufzeigen.»
Als zusĂ€tzlicher Faktor spielen laut Endres auch psychische AuffĂ€lligkeiten in den vergangenen Jahren eine zunehmende Rolle bei der Radikalisierung. «Bei GeflĂŒchteten kann es beispielweise zu Traumata kommen, die auf der Flucht entstanden sind», sagte der Experte. Es gebe aber auch FĂ€lle von Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und bei denen etwa eine Psychose oder Depression im Zusammenhang mit der Radikalisierung stĂŒnde.
Wie beginnt der Weg zum Extremismus?Â
Anfangs zeige sich der Radikalisierungsprozess in einer neu definierten eigenen Rolle. «Sie sehen sich als die "Elite" des Islams», erklÀrte Endres. «Nur sie interpretieren den Islam so, wie es der Prophet und die direkten Nachfahren vorsehen. Letztendlich geht es darum, sich aufzuwerten.»
Zu Beginn kann diese neue Rolle auch mit positiven Entwicklungen einhergehen. Weniger Probleme mit Alkohol, Partys oder der Polizei gehören laut Endres dazu. «Im weiteren Verlauf der Radikalisierung kommt es dann vermehrt zu Konflikten mit dem sozialen Umfeld.» FĂŒr Familie und Freunde seien ungewöhnliche Kontakte in Moscheen oder in sozialen Netzwerken oft die ersten Warnzeichen.
Menschen zurĂŒckgewinnen
Die Beratungsstelle Extremismus im Bamf besteht seit 2012 und bietet fĂŒr solche FĂ€lle eine Hotline an. Hier können Menschen anrufen, wenn sie bei einer Person in ihrem Umfeld eine Radikalisierung befĂŒrchten. In manchen FĂ€llen versuchen die Berater selbst einzuschreiten.Â
«Es stehen GesprĂ€chen mit der Familie an, mit der Schule, mit dem Arbeitgeber, mit den Verwandten, mit Freunden, wie auch immer. Die Beratungsstellen analysieren dann, wie wir an die Person rankommen.» Die speziell geschulten Ausstiegsbegleiter versuchen zusammen mit dem sozialen Umfeld in kritischeren FĂ€llen schnell Lösungen zu finden. «Das gelingt landauf, landab sehr gut», sagte Endres.Â


