Brokstedt-Prozess um Messerattacke: «Bin unschuldig»
07.07.2023 - 12:41:05Es sind entsetzlich brutale Szenen, die sich am 25. Januar im Regionalzug nach Hamburg abspielen: StaatsanwÀltin Janina Seyfert schildert zu Beginn des Mordprozesses in Itzehoe detailliert, wie Ibrahim A. bei der Messerattacke im schleswig-holsteinischen Brokstedt vorgegangen sein soll.
Sie wirft dem angeklagten PalĂ€stinenser vor dem Landgericht Mord und versuchten Mord aus niederen BeweggrĂŒnden und in HeimtĂŒcke vor. Eine 17 Jahre alte Jugendliche und ihr zwei Jahre Ă€lterer Freund starben bei dem Angriff, vier weitere Menschen erlitten schwere und schwerste Verletzungen.
«Ich möchte nur soviel sagen, dass ich unschuldig bin»
Der 34 Jahre alte Angeklagte hörte aufmerksam zu und rÀumte dann ein, im Zug gewesen zu sein. Die Tat selbst aber bestritt er: «Ich möchte nur soviel sagen, dass ich unschuldig bin.» Auch wies der schmale Mann mit akkuratem Kurzhaarschnitt und lichtem Bart jede psychische Erkrankung von sich.
Nach Seyferts Ăberzeugung beging Ibrahim A. die Tat aus Frustration darĂŒber, dass er bei einem Termin in der AuslĂ€nderbehörde in Kiel erfolglos geblieben war. Er habe anschlieĂend in einem Supermarkt in der Landeshauptstadt ein 20 Zentimeter langes Messer gestohlen - bereits in der Absicht, damit Menschen anzugreifen.
Im Regionalzug nach Hamburg habe er dann zunĂ€chst auf eine 17 Jahre alte Jugendliche eingestochen. Sie starb nach 26 Messerstichen, bei denen unter anderem die Oberschenkelarterie durchtrennt wurde. AnschlieĂend soll der Angeklagte zwölf Mal auf den 19 Jahre alten Freund der jungen Frau eingestochen haben. Er erlitt unter anderem einen tödlichen Stich ins Herz.
Im weiteren Verlauf der Tat soll Ibrahim A. dann in verschiedenen Waggons des Zuges vier weitere FahrgĂ€ste angegriffen und mit einer Vielzahl von Stichen und Schnitten schwer verletzt haben. SchlieĂlich gelang es einem Mann, den TĂ€ter mit einer Aktentasche und einer Laptop-Tasche so zu schlagen, dass er das Messer verlor und umringt von Zeugen aufgab.
Die Tat sorgte bundesweit fĂŒr Entsetzen und Anteilnahme. Eine bei dem tödlichen Messerangriff verletzte Frau nahm sich spĂ€ter das Leben.
Wahnerkrankung des Angeklagten zentraler Punkt
Verteidiger Björn Seelbach sagte, er gebe keine ErklĂ€rung fĂŒr seinen Mandanten ab. Er wies aber darauf hin, er selbst - wie auch ein Psychiater, der Ibrahim A. begutachtet habe - seien der Ansicht, dass der Angeklagte besser in der Psychiatrie als in der Untersuchungshaft untergebracht wĂ€re. Es gehe um die Frage der richtigen Sanktion fĂŒr die Tat. «Medizinisch gesehen wĂ€re eine Einweisung in die Psychiatrie besser», sagte Seelbach.
Der zustÀndige Gutachter sei sich aber noch nicht sicher, ob auch zum Tatzeitpunkt ein akuter wahnhafter Schub bestanden habe. KÀme der Gutachter auch in dem Verfahren zu dem Schluss, wÀre Ibrahim A. möglicherweise schuldunfÀhig gewesen. StaatsanwÀltin Seyfert betonte aber am Rande des Verfahrens, sie gehe derzeit von der SchuldfÀhigkeit des Angeklagten aus.
Verteidiger Seelbach hatte noch vor dem Prozess gesagt, sein Mandant bestreite die Tat nicht. In der Untersuchungshaft fiel Ibrahim A. mehrfach wegen aggressiven Verhaltens auf und gilt als schwieriger Gefangener.
Ibrahim A. verglich sich mit Breitscheidplatz-AttentÀter Anis Amri
Der Mann war erst wenige Tage vor der tödlichen Messerattacke aus einer Untersuchungshaft entlassen worden, die er in Hamburg wegen einer anderen Straftat abgesessen hatte. WÀhrend dieser Zeit hatte er sich wegen psychischer AuffÀlligkeiten 16 Mal mit einem Psychiater getroffen.
Nach der Tat beschĂ€ftigten sich auch mehrere Landesparlamente mit dem Fall Ibrahim A. Es waren erhebliche MĂ€ngel beim Austausch von wichtigen Informationen zwischen Behörden in Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen deutlich geworden. Ibrahim A. hatte in den BundeslĂ€ndern gelebt und dort jeweils auch Straftaten begangen. Wenige Monate vor seiner Entlassung aus dem Hamburger GefĂ€ngnis soll sich der mutmaĂliche Mörder mit dem AttentĂ€ter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, verglichen haben.
FĂŒr den Prozess sind rund 40 Verhandlungstage bis kurz vor Weihnachten geplant. Acht NebenklĂ€ger treten in dem Verfahren auf, es wurden 127 Zeugen benannt. Die Beweisaufnahme soll beim nĂ€chsten Termin am 17. Juli beginnen.


