MĂŒnchen, U-Haft

Fahrer von MĂŒnchen in U-Haft – Islamistische Gewalttat?

14.02.2025 - 18:57:45 | dpa.de

Ein Mann fĂ€hrt in MĂŒnchen mit einem Auto in eine Gruppe Demonstranten. Zahlreiche Menschen werden teils schwer verletzt. Zum Motiv der Tat haben die Ermittler erste Hinweise.

  • Mit seinem Auto ĂŒberfuhr der Mann mehrere Menschen. - Foto: Christoph Trost/dpa
    Mit seinem Auto ĂŒberfuhr der Mann mehrere Menschen. - Foto: Christoph Trost/dpa
  • Das Auto des TĂ€ters wurde abtransportiert. - Foto: Matthias Balk/dpa
    Das Auto des TĂ€ters wurde abtransportiert. - Foto: Matthias Balk/dpa
  • BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier (M) besuchte den Tatort. - Foto: Daniel Löb/dpa
    BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier (M) besuchte den Tatort. - Foto: Daniel Löb/dpa
  • Die Ermittler geben erste Erkenntnisse bekannt. - Foto: Jason Tschepljakow/dpa
    Die Ermittler geben erste Erkenntnisse bekannt. - Foto: Jason Tschepljakow/dpa
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Nach dem Anschlag auf eine Gruppe von Demonstranten in MĂŒnchen sitzt der Fahrer in Untersuchungshaft. Ein Ermittlungsrichter ordnete dies unter anderem wegen des dringenden Verdachts auf 39-fachen versuchten Mord an, wie die Generalstaatsanwaltschaft MĂŒnchen mitteilte. Die Ermittler gehen von HeimtĂŒcke, niedrigen BeweggrĂŒnden und gemeingefĂ€hrlichen Mitteln aus. Der Mann sitze inzwischen in einem GefĂ€ngnis.

Aufgrund der besonderen Bedeutung ĂŒbernahm die Bundesanwaltschaft am Abend die Ermittlungen in dem Fall. «Es besteht der Verdacht, dass die Tat religiös motiviert war und als Angriff auf die freiheitliche demokratische Grundordnung zu verstehen ist», teilte die oberste Anklagebehörde in Deutschland in Karlsruhe mit. «Damit ist sie geeignet, die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeintrĂ€chtigen.» 

Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen wĂŒrden aber vom Bayerischen Landeskriminalamt fortgefĂŒhrt.

Anhaltspunkte fĂŒr islamistisches Motiv

Der Afghane soll den Anschlag aus Sicht der MĂŒnchner Ermittler aus islamistischen BeweggrĂŒnden begangen haben. Als Anhaltspunkt dafĂŒr nannte die Leitende OberstaatsanwĂ€ltin der Zentralstelle zur BekĂ€mpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) der Generalstaatsanwaltschaft MĂŒnchen, Gabriele Tilmann, unter anderem die Aussage von Polizisten, der Fahrer habe nach der Tat «Allahu Akbar» gerufen. 

In seiner Vernehmung habe er «eingerÀumt, bewusst in die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Demonstrationszugs gefahren zu sein».

«Die BrutalitĂ€t dieser Tat wĂŒhlt uns auf, macht fassungslos!»

Der 24-JÀhrige war am Donnerstag mit seinem Auto in das Ende eines Demonstrationszugs gefahren. Laut Polizei wurden 36 Menschen teils schwer verletzt, ein Kind und eine weitere Person befanden sich am Freitag nach Klinik-Angaben in kritischem Zustand. 

Die Verletzten seien zwischen zwei und 60 Jahren alt, vier Opfer seien weiblich, der Großteil mĂ€nnlich. BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier besuchte den UnglĂŒcksort am Tag nach der Tat. «Die BrutalitĂ€t dieser Tat wĂŒhlt uns auf, macht fassungslos!», sagte er. 

Es gebe bisher keine Hinweise darauf, dass der 24-JĂ€hrige in ein Netzwerk eingebunden gewesen sei, sagte Tilmann. Die Ermittler hĂ€tten auch keine Spuren zu einer Verbindung zum Beispiel zur Terrororganisation Islamischer Staat, zu weiteren Beteiligten oder zu einer zunehmenden Radikalisierung des jungen Mannes in der jĂŒngeren Vergangenheit. 

Aussagen deuten auf religiöse Motivation hin

Die Ermittlungen stĂŒnden zwar noch am Anfang, sagte Tilmann. Sie traue sich aber, nach derzeitigem Stand von der Annahme eines islamistischen Hintergrunds zu sprechen. Seine Aussagen deuteten auf eine religiöse Motivation hin, sagte Tilmann. Weitere Details zu den Äußerungen wĂ€hrend der Vernehmung wollte sie nicht nennen. Unter anderem seien Chats auf dem Smartphone des Fahrers ausgewertet worden, die meisten in der afghanischen Amtssprache Dari.

Nach Angaben des MĂŒnchner PolizeivizeprĂ€sidenten Christian Huber hatte der 24-JĂ€hrige erst ein Polizeifahrzeug ĂŒberholt, dann «Gas gegeben und ist dann in das Ende der Versammlung gefahren». Dabei wurden auch Teilnehmer der von mehreren Polizeiwagen gesicherten Demonstration der Gewerkschaft Verdi vom Auto des TĂ€ters ĂŒberfahren. 

Bei der Festnahme des Mannes hatte die Polizei auch auf seinen Wagen geschossen. «Der TĂ€ter wurde dabei aber nicht getroffen und durch den Schuss auch nicht verletzt», hieß es. Den Beamten sei es gelungen, den TĂ€ter aus dem Auto zu ziehen, obwohl dieser noch versucht habe, erneut Gas zu geben. Das Auto gehörte laut Polizei dem Fahrer.

Der Afghane hatte sich nach Angaben der Ermittler zuletzt rechtmĂ€ĂŸig in Deutschland aufgehalten. Dass erste Angaben zu seinem Aufenthaltsstatus und möglichen Vorstrafen des Fahrers im Nachhinein korrigiert werden mussten, begrĂŒndete Huber mit Fehlkommunikation in der «Chaosphase» nach dem Vorfall selbst. Inzwischen sei klar, dass nicht wegen Ladendiebstahls oder Drogendelikten gegen ihn ermittelt worden sei, sondern dass er selbst derartige Delikte in seiner TĂ€tigkeit als Ladendetektiv zur Anzeige gebracht hatte. 

Über seine Fluchtgeschichte soll der 24-JĂ€hrige laut einem Gerichtsurteil jedoch gelogen haben. Im schriftlichen Urteil aus dem Oktober 2020 zur Klage des Mannes gegen die Ablehnung seines Asylantrags kommt das Verwaltungsgericht MĂŒnchen zu dem Schluss, «dass dieser die Geschichte nur erfunden hat», um ein Bleiberecht zu erhalten. 

Im April 2021 erließ die Stadt MĂŒnchen einen Duldungsbescheid und im Oktober 2021 eine Aufenthaltserlaubnis fĂŒr den 24-JĂ€hrigen. 

Ermittler sehen keine Anhaltspunkte fĂŒr psychische Erkrankung

Es gebe bei dem TÀter bislang keine Anhaltspunkte auf psychische Probleme, die Auswirkungen auf die Tat gehabt haben könnten, sagte Tilmann weiter. Deshalb werde auch nicht beantragt, den Mann vorlÀufig in der psychiatrischen Unterbringung aufzunehmen.

24-JĂ€hriger bisher nicht vorbestraft

Vorbestraft war der 24-JÀhrige nach Auskunft der Behörden bislang nicht. Es habe nur einmal in Bayern ein Verfahren wegen Arbeitsamtsbetrugs gegeben, sagte Tilmann. Er habe sich arbeitslos gemeldet, dann eine TÀtigkeit begonnen und sich nicht rechtzeitig wieder abgemeldet. Das Verfahren sei gegen eine Geldauflage eingestellt worden, weil es nur ein sehr kurzer Zeitraum gewesen sei. Dies sei das einzige Ermittlungsverfahren in Bayern gewesen, das es gab.

Zwei Menschen in kritischem Zustand

Das lebensgefÀhrlich verletzte zweijÀhrige MÀdchen befindet sich nach Angaben eines Sprechers des Klinikums der Ludwig-Maximilians-UniversitÀt (LMU) im Haunerschen Kinderspital und liegt dort in kritischem Zustand auf der Intensivstation. 

Auch am TUM Klinikum rechts der Isar behandeln die Ärztinnen und Ärzte weiter eine schwerst verletzte Person. «Ihr Zustand ist weiterhin als Ă€ußerst kritisch einzustufen», sagte eine Sprecherin des Klinikums.

Am LMU Klinikum wurden an den beiden Standtorten Großhadern und Innenstadt 14 Verletzte behandelt. Einige Patienten waren schwer verletzt, vier mussten den Angaben zufolge umgehend operiert werden.

Polizei verstÀrkt PrÀsenz wÀhrend Sicherheitskonferenz

Einen Bezug der Tat zur MĂŒnchner Sicherheitskonferenz sehen die Ermittler zwar nicht, der «KrĂ€fteeinsatz» werde wĂ€hrend der bis Sonntag stattfindenden, hochkarĂ€tig besetzten Konferenz aber «erhöht», sagte PolizeivizeprĂ€sident Huber. DafĂŒr gebe es auch weitere VerstĂ€rkung aus anderen BundeslĂ€ndern. 

Außerdem seien die Veranstalter von geplanten Demonstrationen angesprochen worden, ob sie umplanen und statt sich bewegender auf stationĂ€re Veranstaltungen umschwenken wollen. Diese seien polizeilich leichter zu sichern als DemonstrationszĂŒge, sagte Huber.

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