Nord-Stream-Pipelines, Geopolitik

Die Nord-Stream-Pipelines – Geopolitik am Grund der Ostsee

21.08.2025 - 15:09:54 | dpa.de

Ein mutmaßlicher Beteiligter an den Explosionen der Nord-Stream-Gasleitungen ist festgenommen worden. Was macht die Pipelines so besonders – und so umstritten?

  • Durch die Explosionen im September 2022 wurden drei der vier StrĂ€nge der beiden Nord-Stream-Leitungen schwer beschĂ€digt. (Archivbild) - Foto: -/Danish Defence Command/dpa
    Durch die Explosionen im September 2022 wurden drei der vier StrÀnge der beiden Nord-Stream-Leitungen schwer beschÀdigt. (Archivbild) - Foto: -/Danish Defence Command/dpa
  • In Lubmin hĂ€tte das ĂŒber Nord Stream 2 gelieferte russische Gas ankommen sollen. Doch so weit kam es nicht. (Archivbild) - Foto: Stefan Sauer/dpa
    In Lubmin hĂ€tte das ĂŒber Nord Stream 2 gelieferte russische Gas ankommen sollen. Doch so weit kam es nicht. (Archivbild) - Foto: Stefan Sauer/dpa
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Nach den Explosionen an den Nord-Stream-Erdgasleitungen im September 2022 in der Ostsee hat die Bundesanwaltschaft in Italien einen tatverdĂ€chtigen Ukrainer festnehmen lassen. Die Karlsruher Behörde wirft Serhij K. unter anderem das gemeinschaftliche HerbeifĂŒhren einer Sprengstoffexplosion und verfassungsfeindliche Sabotage vor. Die stark beschĂ€digten Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 sind geopolitisch hochumstritten.

Warum wurden die Nord-Stream-Leitungen gebaut?

Um die deutsche Wirtschaft mit gĂŒnstigem Erdgas zu versorgen, wurde zunĂ€chst die 1.224 Kilometer lange Nord-Stream-1-Pipeline mit zwei parallel verlaufenden LeitungsstrĂ€ngen von Russland durch die Ostsee nach Deutschland gebaut. Ihre KapazitĂ€t: 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr.

Die StrĂ€nge wurden 2011/2012 in Betrieb genommen und erreichen das deutsche Festland in Lubmin bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Von dort starten Leitungen nach SĂŒden und Westen, die eigens fĂŒr die Weiterleitung des russischen Gases errichtet wurden.

Ab 2018 wurde eine zweite, parallel verlaufende Leitung gebaut – Nord Stream 2. Sie wurde Ende 2021 fertiggestellt, erhielt wegen des russischen Einmarschs in die Ukraine im Februar 2022 jedoch keine Betriebserlaubnis durch die deutschen Behörden.

Welche Rolle spielte Mecklenburg-Vorpommern?

LÀnder wie Polen, die Ukraine und die USA hatten vor dem Bau von Nord Stream 2 gewarnt, weil sich Deutschland zu sehr von russischen Energielieferungen abhÀngig mache. Die USA drohten am Bau beteiligten Unternehmen sogar mit Sanktionen.

Zum Schutz davor grĂŒndete das Land Mecklenburg-Vorpommern Anfang 2021 die «Stiftung fĂŒr Klima- und Umweltschutz MV». Unter ihrem Mantel wurde Nord Stream 2 fertiggestellt. Ein Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag ist mit dem Fall befasst. Als Zeuge ist unter anderem Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) geladen. Er war nach seinem Ausscheiden aus der Politik lange Jahre fĂŒr russische Energiekonzerne aktiv, unter anderem als PrĂ€sident des Verwaltungsrats der Nord Stream 2 AG.

Was passierte bei dem Sabotageakt im September 2022?

Am 26. September 2022 ereigneten sich an den beiden Gasleitungen Nord Stream 1 und Nord Stream 2 nahe der dĂ€nischen Insel Bornholm mehrere Explosionen. Drei der vier StrĂ€nge der beiden Leitungen wurden dabei schwer beschĂ€digt. Die mutmaßlichen TĂ€ter sollen ĂŒber MittelsmĂ€nner eine Segeljacht in Rostock gemietet und damit den Sprengstoff zu den Gasleitungen gebracht haben. Ermittler fanden an der «Andromeda» spĂ€ter Spuren von Unterwassersprengstoff.

Wer ist der jetzt festgenommene Ukrainer?

Der 49 Jahre alte Serhij K. soll nach Angaben der Bundesanwaltschaft zu der Gruppe gehören, die die SprengsĂ€tze platzierte – mutmaßlich sogar als einer der Koordinatoren. Der Polizei ging er nun in Italien ins Netz, in der NĂ€he des auch von Deutschen viel besuchten Badeortes Rimini an der Adria. Dort verbrachte er mit seiner Frau und zwei Kindern im Alter von sechs und neun Jahren seit einigen Tagen den Sommerurlaub.

Auf die Spur kamen ihm die Carabinieri aufgrund der Daten, die man in Italien bei der Anmeldung im Hotel oder in der Ferienwohnung abgeben muss. Dabei fiel auf, dass der Mann mit europĂ€ischem Haftbefehl gesucht wurde. Bei der Festnahme am frĂŒhen Morgen leistete er nach Angaben der Polizei keinen Widerstand.

K. sitzt nun im Rimini im GefĂ€ngnis. Er soll nach Deutschland ĂŒberstellt und dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe vorgefĂŒhrt werden, der ĂŒber die Untersuchungshaft entscheidet. Bis zur HaftvorfĂŒhrung könnte es aber noch einige Wochen dauern. Die italienischen Behörden wollen prĂŒfen, ob er auch in AnschlĂ€ge auf Schiffe der russischen «Schattenflotte» im Mittelmeer verwickelt war.

Wer sind die anderen VerdÀchtigen?

Zu den TĂ€tern und den Drahtziehern der Nord-Stream-Sabotage kursierten lange unterschiedliche Spekulationen. Schließlich geriet unter anderem der Ukrainer Wolodymyr Z. ins Visier der Ermittler, der Medienberichten zufolge Tauchlehrer sein soll. Er hielt sich nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Warschau zunĂ€chst in Polen auf, habe sich von dort aber in sein Heimatland abgesetzt. Auch er wird mit einem EuropĂ€ischen Haftbefehl gesucht. Zu weiteren Beteiligten liegen keine Informationen vor.

Wie steht es derzeit um die beiden Leitungen?

Die Pipelines gelten als schwer beschĂ€digt, aber reparierbar. Sie wurden bisher nicht endgĂŒltig aufgegeben. Im MĂ€rz gestattete DĂ€nemark der Nord Stream 2 AG, Erhaltungsmaßnahmen am Ort der Explosionen vorzunehmen.

Der Gas-Analyst Heiko Lohmann sieht allerdings keinen Druck, eine Nutzung von Nord Stream 2 voranzubringen. Die EU habe den USA im Zuge der Zollvereinbarung schließlich zugesichert, in den kommenden drei Jahren Energie fĂŒr 750 Milliarden Dollar aus den USA zu importieren. «Es ist unrealistisch, dass man so viel gebrauchen kann», so Lohmann. Nach seinem Wissen seien auch keine grĂ¶ĂŸeren Reparaturarbeiten im Gange.

Ein drohender Konkurs der im schweizerischen Steinhausen ansĂ€ssigen Nord Stream 2 AG wurde im April in letzter Minute abgewendet. Das heißt, das Unternehmen kann weiter nach Investoren suchen. In Medien wurde im FrĂŒhjahr ĂŒber den Einstieg von US-Investoren spekuliert. Genannt wurde etwa der wohlhabende US-GeschĂ€ftsmann und UnterstĂŒtzer von US-PrĂ€sident Donald Trump, Stephen P. Lynch.

Dazu Lohmann: «Die Sache mit den amerikanischen Investoren war im FrĂŒhjahr ein großer Hype, aber es ist nicht zu erkennen, dass seit April in diese Richtung irgendetwas vorangetrieben worden ist. Es hat sich nichts getan, das irgendeine Marktreaktion hervorgerufen hĂ€tte.»

Sind die Leitungen Verhandlungsmasse im Ukraine-Krieg?

Der Pipeline-Betrieb könnte Teil einer amerikanisch-russischen Vereinbarung zur Beilegung des Ukraine-Kriegs werden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte im MĂ€rz im staatlichen Fernsehen gesagt: Â«Ăœber Nord Stream wird gesprochen.»

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