Deutschland: 2,4 Milliarden Euro fĂŒr zweifelhafte Untersuchungen
03.12.2024 - 13:12:34Nach einer Umfrage im Auftrag des Medizinischen Dienstes (MD) geben die Deutschen jĂ€hrlich rund 2,4 Milliarden Euro fĂŒr sogenannte IGeL-Angebote aus - dabei hĂ€tten diese oft keinen nachgewiesenen Nutzen, erlĂ€uterte der MD-Vorsitzende Stefan Gronemeyer in Berlin. Mitunter drohten sogar folgenschwere falsch-positive Ergebnisse, die den Betroffenen schaden könnten.
Bei den Individuellen Gesundheits-Leistungen (IGeL) handelt es sich um Ă€rztliche Untersuchungen, die nicht von den Krankenkassen ĂŒbernommen werden und deshalb aus eigener Tasche zu zahlen sind. Im Auftrag des Medizinischen Dienstes, dem Begutachtungsdienst der gesetzlichen Krankenkassen, hatte das Marktforschungsinstitut Forsa mehr als 2.000 Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 18 und 80 Jahren befragt, um einen Ăberblick ĂŒber die Nutzung der Angebote zu bekommen.
Schaden oder Nutzen?
Am hĂ€ufigsten genutzt werden demnach Ultraschall-Untersuchungen der Eierstöcke und der GebĂ€rmutter zur KrebsfrĂŒherkennung. Dabei sei der mögliche Schaden gröĂer als der Nutzen, sagte Gronemeyer. Nach seinen Worten drohen durch unklare Ergebnisse weitere Behandlungen bis hin zu einer unnötigen Entfernung der Eierstöcke. Gleichzeitig gebe es keinen Beweis, dass das Risiko einer Krebserkrankung durch diese Untersuchung verringert werde.
Zu den gefragtesten IGeL-Angeboten gehören auĂerdem Augeninnendruckmessungen gegen den grĂŒnen Star (Glaukom) sowie der PSA-Bluttest zur FrĂŒherkennung von Prostatakrebs - zwei Untersuchungen, bei denen nach EinschĂ€tzung der MD-Experten das Risiko von Fehlalarmen und unnötigen Behandlungen gröĂer sei als der medizinische Nutzen. Gleichzeitig gab in der Befragung nur jeder vierte Versicherte an, gut ĂŒber die angebotenen Leistungen informiert worden zu sein.
14-tÀgige Bedenkzeit gefordert
Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze, bezeichnete diese Zahl als "alarmierend". Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) will Ărzte dazu verpflichten, den Patienten im BeratungsgesprĂ€ch neutrale, standardisierte InformationsblĂ€tter auszuhĂ€ndigen. Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz fordert sogar eine verpflichtende 14-tĂ€gige Bedenkzeit: "Ăberrumpeln und Ăngste zu schĂŒren, sind Bestandteil dieses GeschĂ€ftsmodells."
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann, sieht einen Zusammenhang zwischen den Selbstzahler-Leistungen und den immer lĂ€ngeren Wartezeiten auf einen Arzttermin: "Wenn ein Facharzt seine Zeit mit Schönheitsbehandlungen oder fragwĂŒrdigen Vorsorgeuntersuchungen ohne wissenschaftlich belegbaren Nutzen verbringt, fehlen eben KapazitĂ€ten fĂŒr die vertragsĂ€rztliche Versorgung."

