Todesfahrt, Magdeburg

Todesfahrt von Magdeburg: VerdÀchtiger ist Islam-Gegner

21.12.2024 - 10:19:07

Einen Tag nach der tödlichen Attacke auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg sitzt der Schock tief. Erste Details zum TatverdÀchtigen werden bekannt. Doch vieles ist noch unklar.

  • Am Tag nach der Attacke blieb der Magdeburger Weihnachtsmarkt geschlossen.  - Foto: Sebastian Kahnert/dpa

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  • Am frĂŒhen Morgen durchsucht die Polizei in Zusammenhang mit der Attacke auf dem Weihnachtsmarkt ein Wohnhaus. - Foto: Sebastian Willnow/dpa

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  • Menschen legten am Ort der Attacke Blumen ab. - Foto: Jan Woitas/dpa

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  • Bislang ist unklar, wie der TĂ€ter trotz Betonklötzen auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte.  - Foto: Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa

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Am Tag nach der Attacke blieb der Magdeburger Weihnachtsmarkt geschlossen.  - Foto: Sebastian Kahnert/dpaAm frĂŒhen Morgen durchsucht die Polizei in Zusammenhang mit der Attacke auf dem Weihnachtsmarkt ein Wohnhaus. - Foto: Sebastian Willnow/dpaMenschen legten am Ort der Attacke Blumen ab. - Foto: Jan Woitas/dpaBislang ist unklar, wie der TĂ€ter trotz Betonklötzen auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte.  - Foto: Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa

Der mutmaßliche TĂ€ter hinter der Todesfahrt vom Magdeburger Weihnachtsmarkt ist als islamkritischer Aktivist bekannt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bezeichnet sich der 50-jĂ€hrige Arzt, der aus Saudi-Arabien stammt und seit 2006 in Deutschland lebt, selbst als Ex-Muslim. Er war nach der Todesfahrt festgenommen worden. Die Polizei kennt nach eigenen Angaben noch keine HintergrĂŒnde zur Tat - geht aber von einem EinzeltĂ€ter aus. Kanzler Olaf Scholz, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (beide SPD) und Bundesjustizminister Volker Wissing wollen heute nach Magdeburg kommen. 

Wirre VorwĂŒrfe im Netz

Der Mann wird verdĂ€chtigt, mit einem Auto am frĂŒhen Freitagabend auf einem Weihnachtsmarkt in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt in eine Menschengruppe gefahren zu sein. Nach Angaben von MinisterprĂ€sident Reiner Haseloff (CDU) starben mindestens zwei Menschen. Mehr als 60 Menschen wurden verletzt. Viele Fragen sind offen - allen voran nach den Motiven des festgenommenen TatverdĂ€chtigen. «Wir ziehen alles in Betracht», sagte eine Sprecherin der Polizei am Morgen.

In sozialen Medien und Interviews erhob der TatverdĂ€chtige zuletzt teils wirr formulierte VorwĂŒrfe gegen deutsche Behörden. Er hielt ihnen vor, nicht genĂŒgend gegen Islamismus zu unternehmen. Nachdem er vor Jahren mit seiner UnterstĂŒtzung fĂŒr saudische Frauen, die aus ihrem Heimatland fliehen, an die Öffentlichkeit gegangen war, schrieb er spĂ€ter auf seiner Website in englischer und arabischer Sprache: «Mein Rat: Bittet nicht um Asyl in Deutschland.»

Haseloff kĂŒndigte eine umfassende Aufarbeitung der Attacke an. Er sprach von einem «menschenverachtenden Anschlag». «Eine solche Tragödie an einem Ort, an dem Familien und Freunde voller Vorfreude auf das Fest gemeinsam schöne Stunden verbringen wollten, macht fassungslos.» Die Polizei Ă€ußerte sich zunĂ€chst zurĂŒckhaltend zu der Frage, ob sie die Tat als Anschlag wertet. Man sei noch in der KlĂ€rung, hieß es.

Scholz und Faeser in Magdeburg erwartet

Scholz, Faeser und Wissing wollen heute in die Landeshauptstadt nach Sachsen-Anhalt kommen. Am Abend soll es im Dom eine Gedenkfeier geben. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt ordnete bis Montag Trauerbeflaggung an allen DienstgebÀuden des Landes an. 

Am Morgen nach der Tat war der Weihnachtsmarkt komplett abgeriegelt, die Buden und der Baum waren aber noch erleuchtet. BlumenstrĂ€uße und Kerzen wurden vor der Johanniskirche abgelegt. Nur vereinzelt waren nach Angaben eines dpa-Reporters Passanten unterwegs.

Der TatverdĂ€chtige wurde nach Angaben aus der Nacht verhört. Weiterhin gehen die Ermittlungsbehörden von einem EinzeltĂ€ter aus. Hinweise, nach denen ein zweites, möglicherweise tatrelevantes Auto in der Innenstadt gesichtet wurde, hĂ€tten sich nicht bestĂ€tigt, teilte die Polizei auf X mit. Es wĂŒrden unter anderem Durchsuchungen durchgefĂŒhrt, sagte eine Sprecherin. Am Morgen sagte sie, es laufe eine Durchsuchung in Bernburg. 

400 Meter ĂŒber das GelĂ€nde

Der 50-JĂ€hrige war am Tatort von EinsatzkrĂ€ften gestellt und festgenommen worden. Der VerdĂ€chtige sei Arzt, lebe und arbeite in Bernburg, sagte Haseloff. Der TĂ€ter raste seinen Angaben nach mit einem Leihwagen in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt. Nach Angaben der «Bild» unter Berufung auf die Polizei erstreckte sich die Fahrt auf dem GelĂ€nde ĂŒber 400 Meter. 

Haseloff sagte am Abend, der Kanzler werde «mit uns die Lage bewerten» und Maßnahmen besprechen, die notwendig seien. Bundesinnenministerin Faeser hatte zuletzt wiederholt zu Wachsamkeit bei Weihnachtsmarktbesuchen aufgerufen. Konkrete GefĂ€hrdungshinweise gebe es nicht, hatte sie Ende November gesagt.

OberbĂŒrgermeisterin unter TrĂ€nen 

Bei der Tat - fast auf den Tag genau acht Jahre nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner GedĂ€chtniskirche - kamen laut Haseloff ein Erwachsener und ein Kleinkind ums Leben. Nach Angaben der Polizei gab es ĂŒber 60 Verletzte, darunter mehrere Schwerstverletzte. Haseloff sagte, weitere Tote könnten nicht ausgeschlossen werden. «Das ist eine Katastrophe fĂŒr die Stadt Magdeburg und fĂŒr das Land und auch generell fĂŒr Deutschland.» 

Man wolle bei der Gedenkfeier am Abend im Dom Betroffenen, Angehörigen und allen anderen BĂŒrgern eine Möglichkeit zum Trauern geben, sagte OberbĂŒrgermeisterin Simone Borris am Abend unter TrĂ€nen vor Journalisten. «Wir werden eine lange Zeit zum Trauern brauchen», sagte sie sichtlich fassungslos. «Wir werden das alles umfassend aufarbeiten.» 

Die AfD-Landtagsfraktion forderte eine Sondersitzung des Innenausschusses - auch zur AufklĂ€rung möglicher Verfehlungen oder VersĂ€umnisse. Es sei zu hinterfragen, ob das Sicherheitskonzept des Weihnachtsmarkts so aufgestellt worden sei, dass man die Tat hĂ€tte verhindern können, sagte der innenpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Matthias BĂŒttner. 

Scholz: Gedanken sind bei den Opfern

Bundeskanzler Scholz schrieb auf der Plattform X: «Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir stehen an ihrer Seite und an der Seite der Magdeburgerinnen und Magdeburger. Mein Dank gilt den engagierten RettungskrĂ€ften in diesen bangen Stunden.» Auch Vizekanzler Robert Habeck (GrĂŒne) zeigte sich entsetzt und sprach von einem feigen Anschlag. BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier dankte den RettungskrĂ€ften und schrieb: «Die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest wurde durch die Meldungen aus Magdeburg jĂ€h unterbrochen.» 

Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte kontaktierte nach eigenen Worten Bundeskanzler Scholz und drĂŒckte ihm sein MitgefĂŒhl aus. Die Vereinten Nationen bekundeten ebenfalls ihr Beileid. Man sei schockiert, sagte StĂ©phane Dujarric, Sprecher des UN-GeneralsekretĂ€rs. «Meine Gedanken sind heute bei den Opfern der brutalen und feigen Tat in Magdeburg», schrieb EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen auf der Plattform X. 

Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron schrieb auf X, Frankreich teile den Schmerz des deutschen Volks. Er sei zutiefst erschĂŒttert ĂŒber «den Horror», der den Weihnachtsmarkt heimgesucht habe. Die USA seien bereit, UnterstĂŒtzung zu leisten, hieß es vom Sprecher des US-Außenministeriums, Matthew Miller. Der designierte US-VizeprĂ€sident J.D. Vance zeigte sich bei X ebenfalls betroffen, sprach von einer «entsetzlichen Attacke».

Auch Saudi-Arabien verurteilte die tödliche Attacke. «Das Königreich bringt seine SolidaritĂ€t mit dem deutschen Volk und den Familien der Opfer zum Ausdruck», schrieb das Außenministerium in einer Mitteilung auf X. In der Stellungnahme erwĂ€hnte das Land den VerdĂ€chtigen, der aus Saudi-Arabien stammt, nicht.

Video soll Festnahme des VerdÀchtigen zeigen

Ein Handyvideo soll die Festnahme des VerdĂ€chtigen zeigen. In dem Clip ist zu sehen, wie ein Polizist seine Waffe auf den VerdĂ€chtigen richtet und ihm zuruft, sich hinzulegen: «Die HĂ€nde auf den RĂŒcken!» und «Bleib liegen!» Der Mann legt sich neben einem schwarzen - sichtbar beschĂ€digten - Auto auf den Boden und befolgt die Anweisungen. Schließlich kommt VerstĂ€rkung, mehrere Polizisten springen aus dem Einsatzwagen und umkreisen den liegenden VerdĂ€chtigen. 

Der AfD-Politiker Tobias Rausch wurde nach eigenen Angaben selbst Zeuge der Attacke auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. «Wenn man das miterlebt hat, das war erschreckend, wie die Panik ausgebrochen ist, wie die Leute umgefallen sind», schilderte Rausch seine EindrĂŒcke am Morgen danach vor Pressevertretern in Magdeburg. «Auf einmal hat man ein dumpfes GerĂ€usch gehört, da waren schon Schreie, Panik ist ausgebrochen.» Ein Motor habe laut aufgeheult, Scheinwerfer seien auf ihn und seine Begleitung zugekommen. «Meine Begleitung sagte geistesgegenwĂ€rtig, der fĂ€hrt auf uns zu, rennt weg.» 

Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein islamistischer Terrorist mit einem entfĂŒhrten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden 12 Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der AttentĂ€ter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. Die Berliner Polizei erhöht nun ihre PrĂ€senz auf den Berliner WeihnachtsmĂ€rkten nach der tödlichen Attacke auf den Magdeburger Markt. Das teilte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) mit.

@ dpa.de