Eisschnelllauf: Erfurter Athleten unterschreiben DESG-Vereinbarung unter Protest
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 20:40 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Erfurter Eisschnellläufer haben die Athletenvereinbarung der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) unter Protest unterschrieben.
Vertrauen in DESG-Präsidium beschädigt
Die Unterzeichnung bedeute weder Zustimmung zum Vorgehen der DESG in den vergangenen Monaten noch den Verzicht auf Einwände gegen einzelne Passagen der Vereinbarung, erklärten die Sportlerinnen und Sportler in einer gemeinsamen Stellungnahme. Das Vertrauen in das von Matthias Große geführte Präsidium bleibe erheblich beschädigt.
Als Grund für die Unterschrift nannten die Athletinnen und Athleten den aus ihrer Sicht erheblichen Druck, der über Monate ausgeübt worden sei und teilweise als psychische Gewalt wahrgenommen worden sei. Sie wollten weitere sportliche Nachteile abwenden, die ihnen in der vergangenen Woche erneut vom Verband vor Augen geführt worden seien.
Bundeskader sollen konzentriert werden
Hintergrund ist eine geplante Strukturreform im deutschen Eisschnelllauf. Die DESG will die Bundeskader auf die Standorte Inzell und Berlin konzentrieren. Die Bundesstützpunkte in Erfurt und Chemnitz sollen nach dem Beschluss des Präsidiums insbesondere im Nachwuchsbereich eine zentrale Rolle übernehmen.
Die Erfurter unterzeichneten nach eigenen Angaben in der begründeten Annahme, dass der Bundesstützpunkt weiterhin Athletinnen und Athleten vom Nachwuchs- bis in den Spitzenbereich betreuen könne. Der Deutsche Olympische Sportbund habe bestätigt, dass Erfurt dafür die erforderlichen Voraussetzungen erfülle.
Zusatzvereinbarung wurde nicht anerkannt
Die Athleten hatten ihre Unterschrift an Forderungen geknüpft, die in einer Zusatzvereinbarung, einem sogenannten Side Letter, festgehalten wurden. Die DESG-Führung erkannte diese Zusatzvereinbarung jedoch nicht an. Damit wurde die zunächst fristgerecht unterzeichnete Athletenvereinbarung unwirksam; der Verband setzte eine neue Frist bis zum 8. Oktober.
Sonnekalb erwägt Wechsel ins Ausland
Der 19 Jahre alte Erfurter Finn Sonnekalb hatte wegen des Streits mit einem Abgang ins Ausland gedroht. Er sagte, er habe Angebote aus den USA und den Niederlanden und Gespräche geführt. Einen Wechsel ins niederländische Heerenveen erwäge er demnach ebenso wie einen Wechsel in das deutsche Team nach Berlin.
Ein Wechsel nach Heerenveen wäre für ihn freiwillig, sagte Sonnekalb. Dort könne er mit den besten Sportlern der Welt trainieren. Er fühle sich dagegen unter Druck gesetzt und wolle seine Heimatstadt nicht wegen der Athletenvereinbarung verlassen.
Ein Streit über mehr als einen Trainingsort
Der Konflikt berührt die künftige Organisation des deutschen Eisschnelllaufs. Die DESG will die Bundeskader auf Berlin und Inzell konzentrieren, während Erfurt und Chemnitz vor allem im Nachwuchsbereich eine zentrale Funktion übernehmen sollen. Für die betroffenen Athletinnen und Athleten geht es damit nicht nur um Trainingsbedingungen, sondern auch um Kaderstatus, Förderung und die Möglichkeit, ihre sportliche Laufbahn am bisherigen Standort fortzusetzen.
Die Unterzeichnung unter Protest entschärft den Konflikt kurzfristig, beendet ihn aber nicht. Die Erfurter verbinden ihre Unterschrift mit der Annahme, dass der Bundesstützpunkt weiterhin Nachwuchs- und Spitzensport betreuen kann. Zugleich lehnt die DESG die zuvor verlangte Zusatzvereinbarung ab. Damit bleiben unterschiedliche Vorstellungen über die Reichweite und Zukunft des Standorts bestehen.
Folgen für Athleten und Verband
Die Auseinandersetzung fällt in eine entscheidende Phase vor der Saison 2026/27. Eine dauerhafte Konzentration der Bundeskader könnte Wege, Trainingsgruppen und Zuständigkeiten neu ordnen. Für junge Sportlerinnen und Sportler aus Thüringen würde dies die Frage verschärfen, ob sie für den Leistungssport den Wohn- und Trainingsort wechseln müssen.
Der Streit belastet zudem das Verhältnis zwischen Athleten, Verband und regionalen Sportstrukturen. Finn Sonnekalbs Erwägungen, im Ausland zu trainieren, zeigen, dass die Debatte bereits über organisatorische Fragen hinausreicht. Sollte keine gemeinsame Lösung gefunden werden, könnten weitere Athleten ihre sportliche Perspektive außerhalb des bisherigen Systems suchen.
