FrĂŒhere, RAF-Terroristin

FrĂŒhere RAF-Terroristin Klette schweigt - Waffen gefunden

28.02.2024 - 21:14:11

Ermittlern aus Niedersachsen ist ein spektakulÀrer Erfolg gelungen: Nach jahrzehntelanger Fahndung wurde eine untergetauchte Ex-Terroristin gefasst. Wird die 65-JÀhrige helfen, RAF-Taten aufzuklÀren?

  • Das Landeskriminalamt Niedersachsen in Hannover. - Foto: Moritz Frankenberg/dpa

    Moritz Frankenberg/dpa

  • Polizisten gehen in das Wohnhaus von Daniela Klette in Berlin-Kreuzberg. - Foto: Paul Zinken/dpa

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Das Landeskriminalamt Niedersachsen in Hannover. - Foto: Moritz Frankenberg/dpaPolizisten gehen in das Wohnhaus von Daniela Klette in Berlin-Kreuzberg. - Foto: Paul Zinken/dpa

Mehr als 30 Jahre lebte sie im Untergrund, jetzt soll die frĂŒhere RAF-Terroristin Daniela Klette die Fahnder auf die Spur ihrer Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg bringen.

Die in Berlin festgenommene 65-JĂ€hrige sitzt inzwischen in Untersuchungshaft in Niedersachsen. Staub (69) und Garweg (55) werden dagegen weiterhin mit Hochdruck gesucht. Beim zustĂ€ndigen Ermittlungsrichter am Amtsgericht Verden machte Klette zu den VorwĂŒrfen keine Angaben, wie eine Sprecherin des niedersĂ€chsischen Justizministeriums sagte.

Die Staatsanwaltschaft Verden wirft den drei ehemaligen Mitgliedern der linksterroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) versuchten Mord und eine Serie schwerer RaubĂŒberfĂ€lle in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zwischen 1999 und 2016 vor. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Beschuldigten die Taten begangen haben, um an Geld fĂŒr ihr Leben im Untergrund zu kommen.

Klette lebte unter falscher IdentitÀt in Berlin

Wie dicht die Fahnder inzwischen Staub und Garweg auf den Fersen sind, ist unklar. Aus «ermittlungs- und einsatztaktischen GrĂŒnden» gab das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen zunĂ€chst keine weiteren Details bekannt. Am Dienstag hatte LKA-PrĂ€sident Friedo de Vries stolz die Festnahme von Daniela Klette auf einer Pressekonferenz in Hannover verkĂŒndet. Die 65-JĂ€hrige lebte unter falscher IdentitĂ€t in einem siebengeschossigen Mietshaus in der Sebastianstraße in Berlin-Kreuzberg, wo Zielfahnder des LKA sie widerstandslos festnahmen. 

Nachbarn zufolge soll die Frau sich Claudia genannt, Mathematik-Nachhilfe gegeben haben und ansonsten freundlich gewesen sein. Auf einer Facebook-Seite unter ihrem Decknamen sowie auf anderen Seiten im Internet finden sich viele Fotos, die eine Frau mit ihrem Aussehen in Gruppen zeigen, die die afrobrasilianische Tanz- und Kampfsportart Capoeira betreiben. 

Ein «Hinweis aus der Bevölkerung» im November habe die Polizei auf die Spur von Klette gebracht, sagten die Ermittler. Dazu sei Vertraulichkeit vereinbart worden. Seit November habe die Polizei ermittelt und dann auch die Wohnung in Berlin und Klette selber im Blick gehabt. 

Polizei rÀumt Mietshaus

Im Haus fand die Polizei inzwischen Waffen, wie eine Sprecherin des Landeskriminalamtes Niedersachsen bestĂ€tigte. Zuvor hatte die Berliner Zeitung «Tagesspiegel» ĂŒber gefundene Schusswaffen berichtet. Am Nachmittag rĂ€umte die Polizei das Haus wegen einer möglichen Gefahr. Alle Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Der Gehweg wurde gesperrt. SpĂ€ter trug ein Polizist vom KampfmittelrĂ€umdienst einen Gegenstand aus dem Haus. «Es sieht aus wie eine Mörsergranate, ist aber keine, kommt dem aber ganz nah», sagte ein Polizist.

Am Abend hat die Berliner Polizei bestĂ€tigt, dass im Wohnhaus der frĂŒheren mutmaßlichen RAF-Terroristin Daniela Klette in Kreuzberg eine Granate gefunden wurde. «Von unseren Kriminaltechnikern wurde bisher eine Granate aus dem GebĂ€ude in der Sebastianstraße in #Kreuzberg gebracht und an einem anderen Ort unschĂ€dlich gemacht», teilte die Polizei bei X (frĂŒher Twitter) mit. «Weitere GegenstĂ€nde werden aktuell untersucht.» 

Schon nach der Festnahme Klette hatte die Polizei unter anderem Magazine einer Waffe und Patronen gefunden. Die Waffen wurden anfangs noch nicht entdeckt. «Aktuell laufen die Auswertungen beim LKA und der Staatsanwaltschaft Verden», sagte eine Sprecherin des niedersÀchsischen Innenministeriums.

Aufregung gab es am Ende der Pressekonferenz in Hannover, als der LKA-PrĂ€sident von einer weiteren Festnahme in Berlin berichtete. Es handele sich um einen Mann im «gesuchten Alterssegment». Allerdings landeten die Fahnder diesmal keinen Treffer. Der vorlĂ€ufig festgenommene Mann ist wieder auf freiem Fuß.  «Zweifelsfrei handelt es sich nicht um einen der beiden noch flĂŒchtigen StraftĂ€ter», hieß es vom LKA.

Klette wird Sprengstoffanschlag vorgeworfen

Zu den weiteren Ermittlungen gegen Daniela Klette und dem Verfahrensgang wollte sich die Staatsanwaltschaft Verden nicht Ă€ußern.  Auch ein von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe vor Jahren erwirkter Haftbefehl gegen Klette ist weiterhin in Kraft, wie eine Behördensprecherin sagte. Gegen Klette werde dabei wegen HerbeifĂŒhrens einer Sprengstoffexplosion und versuchten Mordes bei Taten Anfang der 90er-Jahre ermittelt.

Konkret wird ihr zur Last gelegt, gemeinsam mit den noch gesuchten RAF-Terroristen Staub und Garweg im MĂ€rz 1993 einen Sprengstoffanschlag auf die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt (JVA) Weiterstadt in Hessen verĂŒbt zu haben. Durch die Explosion war an dem GebĂ€ude ein Schaden von rund 123 Millionen D-Mark entstanden. 

Klette soll darĂŒber hinaus mit weiteren RAF-Mitgliedern versucht haben, im Februar 1990 einen Sprengstoffanschlag auf ein GebĂ€ude der Deutschen Bank im hessischen Eschborn zu verĂŒben. Der Sprengstoff detonierte nicht, da die ZĂŒndung versagte. Außerdem hatte Klette Erkenntnissen der Ermittler zufolge im Februar 1991 mit RAF-Mitgliedern mindestens 250 SchĂŒsse auf die US-Botschaft in Bonn-Bad Godesberg abgegeben.

Die niedersĂ€chsischen Behörden Ă€ußerten sich zunĂ€chst nicht zu der Frage, in welche Justizanstalt Klette gebracht wurde.  Eine Sprecherin des Justizministeriums fĂŒhrte SicherheitserwĂ€gungen an. Sie wollte sich auch nicht dazu Ă€ußern, ob Klette etwa in Einzelhaft sitze. Sie habe auch keine Erkenntnisse, ob Klette zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe gebracht werden sollte. Nach Medienberichten sitzt die 65-JĂ€hrige im FrauengefĂ€ngnis Vechta in Untersuchungshaft. 

Die dritte RAF-Generation

Das Trio Klette, Staub und Garweg wird der sogenannten dritten RAF-Generation zugeordnete. Über diese sagte der Journalist und RAF-Experte Stefan Aust im ZDF-«heute-journal», die zweite Generation habe versucht, die erste aus dem GefĂ€ngnis zu befreien. «Als das nicht funktioniert hat, gab es dann die dritte Generation, und die haben eines getan, nĂ€mlich schlichtweg Morde begangen. Sie haben Leute einfach erschossen oder haben ihnen Fallen gestellt.»

Der frĂŒhere Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger ist ĂŒberzeugt davon, dass die frĂŒheren RAF-Terroristen ein Netzwerk von Helfern gehabt haben mĂŒssen. «Wir haben das bei allen RAF-Generationen erlebt, dass es jede Menge UnterstĂŒtzer gab, die etwa Unterschlupf angeboten haben», sagte Pflieger der Deutschen Presse-Agentur. Er war in den 1980er Jahren an mehreren RAF-Ermittlungen und Anklageschriften beteiligt. «Manche Dinge wie Arztbesuche und andere Dinge des tĂ€glichen Lebens sind nur schwer zu erledigen ohne eine solche Hilfe. Es gab sicher Hilfe.» 

Ex-Generalstaatsanwalt Pflieger rechnet nicht damit, dass Klette die Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen wird, um Namen zu nennen. «Die Tradition der RAF zeigt, dass die Leute zu 99 Prozent versucht haben, das Schweigegebot einzuhalten», sagte der Terrorexperte. «Ich habe die Sorge, dass sich Frau Klette daran hĂ€lt.» Dennoch sollte der Staat die festgeschriebene Kronzeugenregelung weiter offensiv anbieten, damit die frĂŒheren Terroristen ihre Geheimnisse offenbaren. «Es muss uns wichtig sein, die bislang offenen Fragen zu den Attentaten und Opfern zu beantworten», sagte Pflieger. «Wenn wir kein ZugestĂ€ndnis machen, werden wir die historische Wahrheit vielleicht nie erfahren.»

@ dpa.de