Deutschland, Gesellschaft

Weniger Kita-Kinder, aber mehr Personal

Veröffentlicht am: 31.10.2025 um 15:24 Uhr | dpa.de

Erstmals seit fast 20 Jahren werden weniger Kinder in Kitas betreut, wĂ€hrend die Personalzahl zunimmt. Doch die RealitĂ€t ist komplexer. Mancherorts droht ein Kita-Sterben – anderswo klagen Eltern.

  • Wegen sinkender Geburtenzahlen geht die Zahl der Kita-Kinder zurĂŒck. (Symbolbild) - Bild: Friso Gentsch/dpa
    Wegen sinkender Geburtenzahlen geht die Zahl der Kita-Kinder zurĂŒck. (Symbolbild) - Bild: Friso Gentsch/dpa
  • Besonders in östlichen BundeslĂ€ndern fehlen den Kitas Kinder. (Symbolbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa
    Besonders in östlichen BundeslĂ€ndern fehlen den Kitas Kinder. (Symbolbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa
Wegen sinkender Geburtenzahlen geht die Zahl der Kita-Kinder zurĂŒck. (Symbolbild) - Bild: Friso Gentsch/dpa Besonders in östlichen BundeslĂ€ndern fehlen den Kitas Kinder. (Symbolbild) - Bild: Jens BĂŒttner/dpa

Nach 78 Jahren Kinderbetreuung ist Schluss: Die Dresdner Kita «Villa Mittendrin» musste Ende August endgĂŒltig dichtmachen. «Der Bedarf an KindertagesbetreuungsplĂ€tzen an diesem Standort hat in den vergangenen Jahren rasant abgenommen», hatte die sĂ€chsische Landeshauptstadt bei Facebook mitgeteilt. Die historische Altbauvilla werde nicht mehr als Kita benötigt.

Zum ersten Mal seit fast 20 Jahren ist die Zahl der betreuten Kita-Kinder in Deutschland gesunken, wie aus neuen Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht: Am Stichtag 1. MĂ€rz 2025 waren mehr als vier Millionen Kinder in Kindertagesbetreuung und somit 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr. «Damit war die Gesamtzahl der betreuten Kinder erstmals seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2006 rĂŒcklĂ€ufig», teilten die Statistiker mit.

Auch die Zahl der Kinder unter drei Jahren, die in Kitas oder von Tageseltern betreut werden, sank zum Stichtag bundesweit auf insgesamt 801.300 Kinder. Das war ein RĂŒckgang um 5,6 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr, wie aus den Daten hervorgeht. Damit nahm die Zahl der unter DreijĂ€hrigen in Betreuung im zweiten Jahr in Folge ab. 

GegenlÀufige Entwicklung beim Kita-Personal

WĂ€hrend die Zahl der betreuten Kinder in Deutschland sinkt und die Zahl der Kitas relativ stabil ist, gab es aber mehr Personal als im Vorjahr. Die Statistiker zĂ€hlten zum Stichtag 795.700 Mitarbeiter in PĂ€dagogik oder Verwaltung, ein Anstieg von 2,2 Prozent. «Damit wuchs die Zahl der BeschĂ€ftigten in Kindertageseinrichtungen weiter, obwohl die Zahl der betreuten Kinder zurĂŒckging», hieß es. 

Im Gegensatz zum Kita-Personal sank die Zahl der TagesmĂŒtter und -vĂ€ter im fĂŒnften Jahr in Folge auf 37.400, ein RĂŒckgang von 5,9 Prozent. Von den insgesamt betreuten Kindern wurden 96,4 Prozent in einer Kindertageseinrichtung betreut und 3,6 Prozent von Tageseltern.

Ost-West-Unterschied bleibt

Rund 500 Kilometer von Dresden entfernt kĂ€mpft man mit ganz anderen Problemen: Um in Stuttgart an einen Kitaplatz fĂŒr ihre Kinder zu kommen, reichen immer mehr Eltern Klage beim Verwaltungsgericht in der baden-wĂŒrttembergischen Landeshauptstadt ein. In vielen Regionen im Westen sieht es Ă€hnlich aus, Hunderttausende KitaplĂ€tze fehlen laut Fachleuten.

Dass es zwischen Ost und West – aber auch regional – große Unterschiede beim Thema Kinderbetreuung gibt, bestĂ€tigen auch die Zahlen des Bundesamtes. Zum Stichtag wurde in westlichen BundeslĂ€ndern im Schnitt rund ein Drittel der unter DreijĂ€hrigen in einer Kita oder von Tageseltern betreut (Betreuungsquote 34,5 Prozent). In den östlichen BundeslĂ€ndern war es mehr als die HĂ€lfte der unter DreijĂ€hrigen (Betreuungsquote 54,9 Prozent). Bundesweit lag die Quote bei 37,8 Prozent. 

«In Deutschlands Kitas zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen Ost und West», sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doreen Siebernik, auf Anfrage. «WĂ€hrend im Westen FachkrĂ€fte fehlen, ist die Lage im Osten angespannt – erste Gruppenschließungen und Kita-Schließungen fĂŒhren zu Entlassungen und Einkommensverlusten.»

Warum sinkt die Zahl der betreuten Kinder?

«Der starke RĂŒckgang im Osten war zu erwarten, da seit dem Jahr 2016 die Kinderzahlen regelrecht eingebrochen sind und wir gleichzeitig bereits seit lĂ€ngerem eine gut ausgebaute Betreuungsinfrastruktur hatten», sagt Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). «Im Westen ist die Lage anders. Hier hatten wir im Jahr 2021 erst den Höchstwert bei den Kinderzahlen erreicht, sodass der RĂŒckgang spĂ€ter eingesetzt hat.»

Allerdings gebe es in Westdeutschland noch große LĂŒcken zwischen der eigentlich von den Eltern gewĂŒnschten und tatsĂ€chlich realisierten Betreuung unter DreijĂ€hriger, heißt es in einer im FrĂŒhjahr veröffentlichen IW-Analyse von Geis-Thöne. Die ElternwĂŒnsche nĂ€hmen außerdem noch weiter zu.

Wegen Abwanderungsbewegungen in lÀndliche Gebiete mit «familiengerechtem
Wohnraum» sieht die Studie im Westen am ehesten in den GroßstĂ€dten ein Ende der bisherigen Kitaplatz-Krise. In den östlichen BundeslĂ€ndern sei ein RĂŒckbau der KapazitĂ€ten in den Kitas dagegen nahezu unumgĂ€nglich. 

Sinkende Kinderzahlen als Chance?

Die GEW sieht in den sinkenden Kinderzahlen eine große Chance, lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige QualitĂ€tsverbesserungen endlich umzusetzen. «Jetzt braucht es ein bundesweites Kita-QualitĂ€tsgesetz, das gute Bedingungen fĂŒr Kinder, Familien und FachkrĂ€fte schafft», sagte GEW-Vorstand Siebernik. Auch die IW-Studie plĂ€diert dafĂŒr, Personal nicht abzubauen, sondern fĂŒr eine bessere Betreuungsrelation einzusetzen – also weniger Kinder pro Erzieher oder Erzieherin.

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