Anwalt: ZschÀpe rÀumt Mitschuld an NSU-Morden deutlich ein
22.05.2023 - 20:03:43Die verurteilte Rechtsterroristin Beate ZschÀpe hat vor dem bayerischen NSU-Untersuchungsausschuss nach Angaben ihres Anwalts deutlicher als je zuvor eine Mitschuld an der Mordserie des «Nationalsozialistischen Untergrunds» eingerÀumt.
«Ihre Mitschuld an den Morden hat sie heute deutlich intensiver eingestanden als im Prozess», sagte Mathias Grasel nach ZschÀpes stundenlanger Befragung in der Justizvollzugsanstalt Chemnitz der Deutschen Presse-Agentur.
«Es bleibt zwar dabei: Eine aktive Mitwirkung gab es nicht, weder in der Vorbereitung noch in der DurchfĂŒhrung», betonte Grasel. «Aber sie sagte heute mehrfach ganz klar: HĂ€tte ich nach dem ersten Mord anders gehandelt und reagiert, wĂ€re alles andere nicht passiert.»
Der Ausschussvorsitzende Toni Schuberl (GrĂŒne) berichtete ebenfalls, ZschĂ€pes SchuldeingestĂ€ndnis habe eine «neue QualitĂ€t» gehabt. ZschĂ€pe habe gesagt, dass sie die Schuld ganz klar auch bei sich sehe, sagte Schuberl: «So, als hĂ€tte sie selbst abgedrĂŒckt». ZschĂ€pe habe gesagt, dass sie die Taten nicht gewollt habe - aber auch, dass sie nur durch sie möglich gewesen seien. Und dass sie die Verbrechen hĂ€tte verhindern können, nĂ€mlich wenn sie sich gestellt hĂ€tte, als sie vom ersten Mord erfuhr.
Grasel und auch Schuberl berichteten zudem aus ZschĂ€pes Aussage, sie habe von den AusspĂ€hungen potenzieller Opfer gewusst. Die Kriterien seien gewesen: «auslĂ€ndisch klingender Name, vorzugsweise tĂŒrkisch, und gute Fluchtmöglichkeit», sagte Grasel. An den AusspĂ€hungen selbst und an der Planung der Morde sei sie aber nicht beteiligt gewesen.
Zehn Morde in ganz Deutschland
Der «Nationalsozialistische Untergrund» (NSU) war eine Terrorzelle, bestehend aus ZschĂ€pe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die von 2000 an jahrelang unerkannt zehn Morde in ganz Deutschland verĂŒbte, fĂŒnf davon in Bayern. Ihre Opfer waren neun Gewerbetreibende tĂŒrkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin. Mundlos und Böhnhardt verĂŒbten zudem zwei BombenanschlĂ€ge in Köln mit Dutzenden Verletzten.
Die beiden töteten sich 2011, um ihrer Festnahme zu entgehen - erst damit war der NSU aufgeflogen. ZschĂ€pe, die einzige Ăberlebende des Trios, wurde 2018 nach mehr als fĂŒnf Jahren Prozessdauer zu lebenslanger Haft verurteilt - als MittĂ€terin, auch wenn es keinen Beweis gibt, dass sie selbst an einem Tatort war.
ZschĂ€pe wurde nun den ganzen Montag lang in einer nicht-öffentlichen Sitzung von den bayerischen Landtagsabgeordneten befragt. Es war das erste Mal, dass sie sich seit dem Ende des Prozesses Ă€uĂerte, und das erste Mal ĂŒberhaupt, dass ZschĂ€pe direkt auf Fragen antwortete. Im NSU-Prozess hatte sie sich nur in schriftlichen Einlassungen geĂ€uĂert und schriftlich auf Nachfragen geantwortet und sich lediglich zweimal selbst zu Wort gemeldet - unter anderem in ihren Schlussworten.
Grasel zitierte aus ZschĂ€pes Aussage vor den Ausschussmitgliedern: «Ich hĂ€tte verhindern können, dass aus dem ersten Mord eine Serie wird. Ich hĂ€tte die Möglichkeit gehabt und habe sie nicht genutzt.» ZschĂ€pe sagte laut Grasel: «Ich habe das Leben von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fĂ€lschlicherweise ĂŒber das Leben der Opfer gestellt.»
Im NSU-Prozess hatte ZschĂ€pe eingerĂ€umt, von den BankĂŒberfĂ€llen ihrer Freunde gewusst und die letzte Fluchtwohnung des Trios im sĂ€chsischen Zwickau in Brand gesteckt zu haben. Aber von den Morden und AnschlĂ€gen habe sie immer erst im Nachhinein erfahren. «Ich fĂŒhle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei BombenanschlĂ€ge nicht verhindern konnte», fĂŒgte sie damals hinzu. SpĂ€ter sagte sie in einer kurzen ErklĂ€rung, sie bedauere ihr «Fehlverhalten» und sie verurteile, was Mundlos und Böhnhardt den Opfern «angetan haben».
Das MĂŒnchner Oberlandesgericht folgte dagegen der Argumentation der Bundesanwaltschaft: ZschĂ€pe habe sehr wohl «alles gewusst, alles mitgetragen und auf ihre eigene Art mitgesteuert und mit bewirkt». Der Bundesgerichtshof (BGH) hat eine Revision ZschĂ€pes im August 2021 verworfen. Sie verbĂŒĂt ihre Haftstrafe seit 2019 in der JVA Chemnitz.
Fragen bleiben offen
Ziel des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag ist es unter anderem, mögliche Verbindungen des NSU in die Neonazi-Szene in Bayern aufzuklĂ€ren. Hier aber hoffte der Ausschuss vergeblich auf Antworten ZschĂ€pes. Schuberl berichtete, ZschĂ€pe habe bestritten, mehrfach in NĂŒrnberg gewesen zu sein. Grasel zitierte ZschĂ€pe so: «Mag sein, das Mundlos jemanden kannte.»
Der stellvertretenden Ausschussvorsitzende Holger Dremel (CSU) fasste ZschĂ€pes Aussage so zusammen: Es habe keine Helfershelfer in Bayern gegeben. An dieser Aussage ZschĂ€pes meldete unter anderem die SPD umgehend Zweifel an. Aber auch der ehemalige bayerische Innenminister GĂŒnther Beckstein (CSU) hatte zuletzt ausgesagt, er gehe fest von Helfern an den Tatorten aus.


