Aktivisten, Steinmeier-Rede

Aktivisten unterbrechen Steinmeier-Rede in Leipzig

21.03.2024 - 19:57:16

FĂŒr einen Appell an die Gesellschaft kommt BundesprĂ€sident Steinmeier nach Leipzig. Die Rede wird mehrfach von propalĂ€stinensischen Demonstrierenden gestört.

Die Rede von BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier bei der Leipziger Buchmesse ist mehrfach von propalÀstinensischen Demonstranten unterbrochen worden. Die sieben Aktivisten forderten einen Waffenstillstand im Gaza-Krieg und warfen Israel einen Genozid (Völkermord) vor. Zudem wurden deutsche Waffenlieferungen lautstark kritisiert.

Am Vortag war bereits die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Eröffnung der Buchmesse mehrfach von Aktivisten unterbrochen worden.

«Keine einfachen Sichtweisen auf dieses Thema»

Steinmeier ging mehrfach auf die Unterbrechungen ein. «Sie haben Ihre Botschaft hinterlassen, wir sind nicht einer Meinung, aber wir haben Sie gehört», sagte Steinmeier. Die Protestierenden wurden jeweils von Sicherheitsleuten aus der Alten Börse gefĂŒhrt.

«Wir leben in einer Demokratie. Wir sind in der Lage, das auszuhalten», sagte Steinmeier zu den Störungen. «Das ist ein ernstes Thema, ĂŒber das wir in diesem Lande nicht nur wĂ€hrend der Buchmesse diskutieren.» Es gebe unterschiedliche Sichtweisen, aber: «Es gibt keine einfachen Sichtweisen auf dieses Thema. Und es lĂ€sst sich auch nicht am Rande und mit Unterschriftenlisten erledigen.»

Er hoffe sehr, «dass die jetzt aktuell auf Hochtouren laufenden GesprĂ€che um die Freilassung der Geiseln Erfolg haben» und zu einem Waffenstillstand fĂŒhren, so Steinmeier.

Steinmeier warnt vor «isolierten RĂŒckzugsorten»

In seiner anschließend ungestörten Rede rief Steinmeier die Menschen in Deutschland zu GesprĂ€chsbereitschaft miteinander auf und warnte vor Abschottung und Verharren in den eigenen Positionen. In einer Gesellschaft, die so vielfĂ€ltig wie die deutsche sei, werde es immer unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche ResonanzrĂ€ume geben, je nachdem, wo man lebe und aufgewachsen sei, sagte Steinmeier. «Nur eines darf nicht passieren: Dass diese unterschiedlichen Erfahrungswelten zu isolierten RĂŒckzugsorten werden, um die herum Mauern hochgezogen werden.»

Unsere Gesellschaft brauche «Neugier statt Selbstbespiegelung, Offenheit statt RĂŒckzug, Vertrauen statt Misstrauen, VorschlĂ€ge statt VorwĂŒrfe», sagte Steinmeier. «Denn politische Kraft haben wir nur als Gemeinschaft und nicht, wenn wir uns in erster Linie als Opfer von Unterschieden sehen.» Nötig seien Tatkraft fĂŒr die bevorstehenden großen Herausforderungen, Vertrauen in uns selbst und eine gemeinsame ErzĂ€hlung unserer Demokratie. «Wir sind ein starkes Land, das auch in der Vergangenheit Krisen gemeistert hat. Das wissen wir. Vertrauen wir in uns, dass uns das auch in Zukunft gelingt.»

«Jahr der Freude und der BewÀhrung»

Wenn die Deutschen in diesem Jahr auf 75 Jahre Grundgesetz und auf 35 Jahre Mauerfall zurĂŒckblickten, könnten sie auf vieles stolz sein. «Vieles in unserer Demokratie ist geglĂŒckt. Uns einfach gelassen zurĂŒcklehnen, das können wir trotzdem nicht in diesem doppelten JubilĂ€umsjahr», betonte Steinmeier. Denn unsere Demokratie werde von außen und im Inneren stĂ€rker als frĂŒher bedroht. «Deshalb ist dieses doppelte JubilĂ€umsjahr ein Jahr der Freude und der BewĂ€hrung.»

Steinmeier sagte, er sehe etwas mit Sorge, dass gerade viele Ostdeutsche das GefĂŒhl hĂ€tten, 75 Jahre Grundgesetz seien nicht ihr JubilĂ€um. Er wĂŒnsche sich, das doppelte JubilĂ€um von Grundgesetz und Mauerfall gemeinsam zu feiern.

«Im klaren Bewusstsein, dass erst 1989 das Freiheitsversprechen des Grundgesetzes fĂŒr alle Deutschen eingelöst worden ist. Und mit ebenso klarem Blick, dass wir zu jeder Zeit, gerade auch heute wieder, gefragt sind, die Versprechen des Grundgesetzes neu einzulösen.»

Der BundesprĂ€sident wĂŒrdigte die neue Generation von ostdeutschen Schriftstellerinnen und Autoren, die zur Zeit des Mauerfalls noch Kinder oder noch gar nicht geboren gewesen seien. Er nannte beispielhaft Anne Rabe, Manja PrĂ€kels, Lukas Rietzschel und Matthias JĂŒgler. «Hier aus dem Osten unseres Landes erklingt eine deutlich vernehmbare Stimme. Eine Stimme, die vielfĂ€ltig und in sich wiederum vielstimmig ist. Eine Stimme, die neu und anders erzĂ€hlt», sagte Steinmeier. «Und diese Stimme ist eine Bereicherung fĂŒr uns alle.»

@ dpa.de