Al-Dschasiras Top-Reporter in Gaza getötet
11.08.2025 - 16:03:35(neu: Mehr Details.)
GAZA/TEL AVIV/DOHA (dpa-AFX) - Israels MilitĂ€r hat bei einem Luftangriff im Gazastreifen nach Angaben des arabischen TV-Senders Al-Dschasira den Korrespondenten des Senders sowie vier weitere Mitarbeiter getötet. Anas al-Scharif und seine Kollegen seien bei einem gezielten Angriff auf ein Zelt fĂŒr Journalisten in der Stadt Gaza im Norden des Gazastreifens ums Leben gekommen.
GroĂe Menschenmengen sĂ€umten am Tag danach den letzten Weg der fĂŒnf Getöteten zum Scheich-Radwan-Friedhof in der Stadt Gaza, berichtete Al-Dschasira unter Berufung auf verifizierte Clips in den sozialen Medien. Freunde, Kollegen und Verwandte umarmten und trösteten einander. Ein Mann reckte eine Schutzweste mit der Aufschrift "Press" in die Höhe, wĂ€hrend andere ihre TrĂ€nen wegwischten.
Journalisten stehen immer wieder im Fadenkreuz israelischer Angriffe im Gazastreifen. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) wurden seit Beginn des Gaza-Kriegs 186 Medienmitarbeiter bei solchen Angriffen getötet. Allein der arabische Sender Al-Dschasira beklagte schon vor dem letzten Angriff den Tod von fĂŒnf Korrespondenten, Kameraleuten und Technikern.
Israels MilitĂ€r bestĂ€tigte den Tod von al-Scharif. Der 28-JĂ€hrige habe sich als Al-Dschasira-Journalist ausgegeben, aber eine Terrorzelle der islamistischen Hamas angefĂŒhrt, behauptete das MilitĂ€r. Es berief sich auf Informationen der Geheimdienste und im Gazastreifen gefundene Dokumente, die die militĂ€rische Zugehörigkeit al-Scharifs zur Hamas belegen sollen. Al-Scharif sei verantwortlich fĂŒr die DurchfĂŒhrung von Raketenangriffen auf israelische Zivilisten und Soldaten gewesen. Zu den anderen vier Opfern des Angriffs Ă€uĂerte sich das MilitĂ€r nicht.
Wenig Transparenz bei Anschuldigungen
Die israelischen Angaben sind nicht ĂŒberprĂŒfbar. Die angeblichen Geheimdienstinformationen sind der Ăffentlichkeit nicht zugĂ€nglich, ihr Kontext nicht transparent. Auch in frĂŒheren FĂ€llen begrĂŒndete die Armee die Tötung palĂ€stinensischer Journalisten mit ihrer angeblichen Zugehörigkeit zur Hamas. "Israel hat eine langwĂ€hrende, dokumentierte Praxis, Journalisten als Terroristen zu beschuldigen, ohne glaubhafte Beweise vorzulegen", schrieb das Journalistenschutzkomitee CPJ in einer ErklĂ€rung, in der es die Tötung der fĂŒnf Al-Dschasira-Mitarbeiter scharf verurteilte.
Al-Scharif war von Israel offenbar schon lĂ€nger zum Abschuss freigegeben. Avichai Adraee, der israelische MilitĂ€rsprecher fĂŒr die Kommunikation in arabischer Sprache, hatte im Juli mehrere Videos auf sozialen Plattformen gepostet, in denen er den Fernsehreporter unter anderem als "Sprachrohr fĂŒr intellektuellen Terrorismus" beschimpfte. "Ich lebe mit dem GefĂŒhl, dass ich jederzeit bombardiert und zum MĂ€rtyrer gemacht werden kann", vertraute der so Bezeichnete damals dem CPJ an. Dieses forderte, dass ihn die internationale Gemeinschaft schĂŒtzen mĂŒsse.
DJV: "Jagd auf Medienschaffende nicht hinnehmbar"
Der Deutsche Journalistenverband (DJV) verurteilte den israelischen Angriff. Selbst falls al-Sharif ein Terrorist gewesen sein sollte, rechtfertige das nicht den Luftangriff auf ein Journalistenzelt, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster. Dass auf Grundlage von nicht ĂŒberprĂŒfbaren VorwĂŒrfen gezielt Jagd auf Medienschaffende gemacht werde, sei nicht hinnehmbar, fĂŒgte er hinzu.
Der Auslandspresseverband in Israel (FPA) zeigte sich empört ĂŒber die Tötung al-Sharifs und seiner Kollegen. "In den letzten 22 Monaten hat das israelische MilitĂ€r palĂ€stinensische Journalisten wiederholt als Militante abgestempelt, oft ohne nachprĂŒfbare Evidenz, und sie damit zu Angriffszielen gemacht", schrieb der Verband in einer Stellungnahme.
Die FPA kritisierte darĂŒber hinaus, dass auslĂ€ndischen Journalisten der Zutritt zum Gazastreifen seit Kriegsbeginn weitgehend verboten ist. Die Berichterstattung liegt deshalb allein in HĂ€nden lokaler Reporter und Reporterinnen, die damit ihr Leben riskieren. Israel wirft wiederum der Berichterstattung aus dem Gazastreifen Einseitigkeit und Manipulation durch die Hamas vor.
Al-Dschasiras Gesicht im Gazastreifen
Al-Scharif war einer der bekanntesten Reporter des arabischsprachigen Senders im Gazastreifen. Er berichtete seit Ausbruch des Gaza-Kriegs am 7. Oktober 2023 ĂŒber die Geschehnisse vor Ort. Besonders in der arabischen Welt galt der 28-JĂ€hrige als prominentes Gesicht der Berichterstattung aus Gaza.
Der in Katar ansÀssige Sender verurteilte den Angriff als einen weiteren "vorsÀtzlich geplanten Angriff auf die Pressefreiheit." Al-Scharif und seine Kollegen seien eine der letzten öffentlichen Stimmen aus Gaza gewesen.
Al-Dschasira ist einer der fĂŒhrenden Nachrichtensender in der arabischen Welt und erreicht dort ein Millionenpublikum. Israel blockiert immer wieder die Arbeit von Journalisten des Senders und hat auch bereits deren BĂŒro im Westjordanland geschlossen. Israel wirft Al-Dschasira unter anderem vor, "Sprachrohr" der Hamas und der proiranischen Hisbollah zu sein. Ein Vorwurf, den der Sender zurĂŒckweist. Reporter ohne Grenzen wirft stattdessen Israel vor, eine "Strategie des Medienblackouts" zu verfolgen.

