Freie WĂ€hler, CSU

Klingbeil: Söder hat den «Buckel gemacht vor dem Aiwanger»

04.09.2023 - 18:34:36 | dpa.de

Hat sich Hubert Aiwanger richtig verhalten bei seiner Aufarbeitung der Flugblatt-AffĂ€re? Hat Markus Söder richtig gehandelt? Über beide Fragen debattiert das Land. Erste Umfragen zeichnen ein erstes Bild.

Freie-WĂ€hler-Chef Hubert Aiwanger sieht sich selbst als Opfer. - Foto: Sven Hoppe/dpa
Freie-WĂ€hler-Chef Hubert Aiwanger sieht sich selbst als Opfer. - Foto: Sven Hoppe/dpa

Nach der Entscheidung von Bayerns MinisterprĂ€sident Markus Söder (CSU), an seinem Stellvertreter Hubert Aiwanger (Freie WĂ€hler) festzuhalten, bleiben die bundesweiten Reaktionen von jĂŒdischen Vertretern bis hin zum Bundeskanzler gespalten.

«In der Gesamtbetrachtung ist die Entscheidung des MinisterprĂ€sidenten fĂŒr mich nachvollziehbar», sagte der PrĂ€sident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, laut Mitteilung.

Kritik an Kommunikation Aiwangers

Der Umgang Aiwangers mit den VorwĂŒrfen um ein antisemitisches Flugblatt aus den 1980er Jahren bleibe aber irritierend. «Ich vermisse bisher bei Hubert Aiwanger eine wirkliche innere Auseinandersetzung mit den VorwĂŒrfen und seinem Verhalten zur Schulzeit.»

Charlotte Knobloch, PrĂ€sidentin der Israelitischen Kultusgemeinde MĂŒnchen und Oberbayern, lehnte nach eigenen Worten sogar eine Entschuldigung Aiwangers ab. Im Deutschlandfunk sagte sie, der Freie-WĂ€hler-Vorsitzende habe sich bei ihr gemeldet.

«Ich habe ihm meine Meinung zu ihm, zu seiner Person ganz klar erklĂ€rt. Ich habe die Entschuldigung nicht angenommen.» Es seien «entsetzliche Worte», die im Raum stĂŒnden. Knobloch sagte aber auch, dass sie die Entscheidung Söders, Aiwanger im Amt zu belassen, akzeptiere. Eine Entlassung hĂ€tte der bayerische Wirtschaftsminister ihrer EinschĂ€tzung nach im Wahlkampf fĂŒr sich ausgenutzt.

Söder hatte am Sonntag verkĂŒndet, Aiwanger trotz der Flugblatt-AffĂ€re nicht zu entlassen und die Koalition mit den Freien WĂ€hlern auch nach der Landtagswahl am 8. Oktober fortsetzen zu wollen. Er legte Aiwanger nahe, verlorenes Vertrauen zurĂŒckzugewinnen und etwa GesprĂ€che mit jĂŒdischen Gemeinden zu suchen.

Kanzler nĂŒchtern, SPD-Chef kritisch

Eher ausgleichend war die Reaktion von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Der Kanzler habe Söders Entscheidung «zur Kenntnis genommen», sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit auf Nachfrage bei der Regierungspressekonferenz in Berlin. «Markus Söder ist offensichtlich der Ansicht, dass die Angaben von Herrn Aiwanger ausreichen, und er möchte ungeachtet der erhobenen VorwĂŒrfe der letzten Tage und Wochen weiterhin mit ihm zusammenarbeiten.»

Wesentlich kritischer zeigte sich SPD-Chef Lars Klingbeil auf dem Volksfest Gillamoos im niederbayerischen Abensberg: «Der hat den Buckel gemacht vor dem Aiwanger», sagte Klingbeil mit Blick auf Söder.

Auf dem mehr als 700 Jahre alten Fest auf dem Gillamoos, das fĂŒr die politischen Reden am letzten Tag ĂŒberregional bekannt ist, meldete sich am heuigen Montag die Politik-Prominenz zu Wort. WĂ€hrend Söder und Aiwanger in ihren BeitrĂ€gen nicht mehr direkt auf die AffĂ€re eingingen, lobte CDU-Chef Friedrich Merz beim gemeinsamen Auftritt mit dem MinisterprĂ€sidenten dessen Krisenmanagement: «Sehr gut, genauso war's richtig, das so zu machen.»

Kritik auch von FDP und GrĂŒnen

FDP-GeneralsekretĂ€r Bijan Djir-Sarai nannte das Verhalten Aiwangers «nicht ĂŒberzeugend». «Es geht hier nicht um die Vergangenheit von Herrn Aiwanger, sondern es geht darum, wie er damit heute umgeht», sagte Djir-Sarai am Montag in Berlin.

Kritik kam auch von den GrĂŒnen: Der Parteivorsitzende Omid Nouripour forderte eine bessere AufklĂ€rung in der AffĂ€re. «Es geht darum, dass er sich lieber als Opfer inszeniert, als dass er Reue zeigt», sagte Nouripour mit Blick auf Aiwanger in Berlin.

Söder hatte am Sonntag erklĂ€rt, eine Entlassung wĂ€re nicht verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gewesen. Aiwanger hĂ€tte die VorwĂŒrfe aber frĂŒher, entschlossener und umfassender aufklĂ€ren mĂŒssen. Am Donnerstag beschĂ€ftigt sich ein Ausschuss im bayerischen Landtag in einer von GrĂŒnen, SPD und FDP beantragten Sondersitzung mit dem Thema.

Umfrage: Mehrheit findet Söder-Entscheidung richtig

58 Prozent der Deutschen finden einer Umfrage zufolge die Entscheidung von Söder, Aiwanger im Amt zu belassen, richtig. 34 Prozent sind der Meinung, Söder hĂ€tte Aiwanger entlassen sollen, wie eine Forsa-Umfrage fĂŒr den «Stern» ergab. 8 Prozent machten demnach keine Angaben. Die Daten wurden vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa fĂŒr die RTL-Gruppe Deutschland erhoben, wie es in einer Mitteilung hieß.

Besonders groß ist die Zustimmung der Umfrage nach bei den WĂ€hlern der CSU (92 Prozent), der AfD (86 Prozent), der CDU (77 Prozent) und der FDP (72 Prozent). Dagegen hĂ€tten die AnhĂ€nger von SPD (65 Prozent) und GrĂŒnen (71 Prozent) mehrheitlich eine Entlassung des Freie-WĂ€hler-Politikers fĂŒr richtig gehalten.

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