Rettung in Sicht? Wo Patienten in Not kĂŒnftig Hilfe finden
17.07.2024 - 16:00:35Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verspricht eine Runderneuerung der Notfallversorgung in Deutschland. FĂŒr die Patientinnen und Patienten wird sich wohl einiges Ă€ndern. Heute sind Warterei fĂŒr die Hilfesuchenden und Stress fĂŒrs Personal Alltag in Notaufnahmen. KĂŒnftig sollen die Notfallpatienten und -patientinnen besser durch den Gesundheitsdschungel gesteuert werden. Das Kabinett hat die Reform beschlossen, Anfang 2025 soll sie in Kraft treten. Was auf die Versicherten zukommt:
Wo soll man sich kĂŒnftig im Akutfall hinwenden?
Bei schweren NotfĂ€llen, etwa schweren UnfĂ€llen oder Herzinfarkt, soll man weiter die 112 wĂ€hlen. Wenn es doch kein schwerer Notfall ist, kann der Anrufer dort heruntergestuft werden. EingefĂŒhrt werden mit dem Gesetz - wenn es im Parlament beschlossen wird - zwei Neuerungen: In Akutleitstellen sollen Patientinnen und Patienten jenseits schwerer NotfĂ€lle eine ErsteinschĂ€tzung zum weiteren Vorgehen bekommen. Erreichbar sind sie bundesweit unter der Telefonnummer 116 117. Rund um die Uhr gibt es ĂŒber diese Nummer auch einen Notdienst mit einem Arzt oder einer Ărztin - telemedizinisch ĂŒber Video zugeschaltet oder per Hausbesuch. Bundesweit sollen zudem sogenannte integrierte Notfallzentren in der Regie von Kliniken aufgebaut werden. Hier kann man im Notfall hingehen. Die Zentren kombinieren die Notfallaufnahme des Krankenhauses mit einer Notdienstpraxis. An manchen Standorten soll es Notfallzentren fĂŒr Kinder und Jugendliche geben.
Man fĂŒrchtet, sofort behandelt werden zu mĂŒssen - was ist zu tun?
Das AnwĂ€hlen der 116 117 soll die Regel werden. Lange Warteschleifen sollen vermieden werden, in 75 Prozent der FĂ€lle soll es nur höchstens drei Minuten dauern. Patientinnen und Patienten können von den Ărzten am Telefon sofort auf die 112 umgeleitet werden, auch fĂŒr einen Krankenwagen. Sie können auch ins nĂ€chste Notfallzentrum geschickt werden. Wer dort ĂŒber die 116 117 landet, soll schneller drankommen. Die Telefon-Beratung soll nach der Erwartung der Regierung aber unnötige Rettungsstellen-Besuche verhindern. VerknĂŒpft werden die Akutleit- mit den Terminservicestellen: Arztbesuche können dann direkt am Telefon in die Wege geleitet werden.
Was ist das Besondere an den Notfallzentren?
Am Empfangstresen der integrierten Notfallzentren (INZ) soll es eine ErsteinschĂ€tzung geben: Wohin geht es fĂŒr die Hilfesuchenden als nĂ€chstes - in die Notaufnahme oder eine nahe Notdienstpraxis? Lauterbachs erklĂ€rtes Ziel: Patientinnen und Patienten sollen dort behandelt werden, wo es am besten und schnellsten geht. Die INZ sollen so im Land verteilt werden, dass mindestens eines stets gut erreichbar ist. Die angeschlossenen Notdienstpraxen sollen abends immer bis 21 Uhr offen haben - auch an Wochenenden und Feiertagen. Lauterbach will, dass in der Notfallversorgung «erfahrenes Ă€rztliches Personal» eingesetzt wird. Das Geld fĂŒr die Notfallzentren soll zur HĂ€lfte von den Krankenkassen und zur HĂ€lfte von den KassenĂ€rztlichen Vereinigungen kommen.
Was kann passieren, wenn der Fall als leicht eingestuft wird?
TatsĂ€chlich soll die Leitstelle ĂŒber Software verfĂŒgen, die klaren und schnellen EinschĂ€tzungen der NotfĂ€lle dienen sollen. Die Ărztin oder der Arzt können telefonisch oder per Video einen Praxis- oder Klinikbesuch als nicht nötig erachten. In so einem Fall soll aber auch ein elektronisches Rezept oder eine elektronische Krankschreibung ausgestellt werden können.
Warum die Reform?
Die Notfallambulanzen sind heute teils ĂŒberfĂŒllt. Jede und jeder Dritte in einer Notaufnahme wĂ€re nach EinschĂ€tzung Lauterbachs in einer Praxis besser aufgehoben. Oft komme Rettung auch zu spĂ€t, wĂŒrden schwere NotfĂ€lle zu spĂ€t richtig eingeschĂ€tzt. Die Schwere des Notfalls werde aber auch oft ĂŒberschĂ€tzt.
Was sagen die FunktionĂ€re der Ărzte und Krankenkassen?
Sie sind sich ausnahmsweise einmal einig. Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) lobt positive AnsĂ€tze, zweifelt aber an voller Umsetzbarkeit. Dazu sei zu wenig Personal da. Der HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rzteverband warnt deshalb sogar vor einem Scheitern der Reform. Die Vize-Chefin des Krankenkassen-Spitzenverbands, Stefanie Stoff-Ahnis, sagte: «Das Notfallgesetz enthĂ€lt viele richtige Ansatzpunkte, um die Versorgung unserer Versicherten zu verbessern.» Doch die KassenĂ€rztlichen Vereinigungen dĂŒrften nicht vor unlösbare Personalprobleme gestellt werden. Lauterbach argumentierte: «Wir konzentrieren ja die Notfallversorgung, sodass es keine redundanten Strukturen gibt. Und wir vermeiden NotfĂ€lle.» Auch neue finanzielle Anreize solle es geben. Konkret sieht er aber auch die Möglichkeit, FachĂ€rztinnen und -Ă€rzten in die Notfallversorgung umzuleiten.
Ist die Reform fertig, wenn das Gesetz beschlossen ist?
Nein. Kombinieren will Lauterbach das mit Neuerungen im Rettungsdienst. Hier sollen unter anderem bundesweit gleiche Standards eingefĂŒhrt werden. Doch manche zweifeln, dass das alles so kommt. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, spricht von hohen Erwartungen, die der Minister mit den Notfallzentren wecke. «Doch das Konzept gleicht einer Operation am offenen Herzen. Ob das passgenau gelingt, bleibt abzuwarten.» Die Schnittstellen zwischen den Akteuren des komplexen Systems mĂŒssten funktionieren. Dass das Gesundheitswesen wegen der einflussreichen Akteure lange als kaum reformierbar galt, wissen der Minister und sein Kritiker. Lauterbach will das Gesundheitssystem insgesamt runderneuern. «Daher haben wir schon 15 Gesetze in dieser Legislaturperiode gemacht, aber es stehen noch mindestens so viele Gesetze an.»











