EM-Drama in Kopenhagen: DĂ€nen-Star Eriksen kollabiert
12.06.2021 - 22:52:42Nach einem der gröĂten Dramen der europĂ€ischen FuĂball-Geschichte beschrieb Trainer Kasper Hjulmand die AtmosphĂ€re in der dĂ€nischen Kabine in nur einem Satz: «Die Spieler sind komplett durch und emotional erschöpft.»
Mitten wÀhrend des EM-Auftaktspiels gegen Finnland kollabierte der beste dÀnische Spieler Christian Eriksen auf dem Rasen und blieb regungslos liegen. SanitÀter kÀmpften minutenlang um sein Leben, die Zuschauer im Stadion und an den Bildschirmen zitterten um ihn. Und seine Mitspieler standen schockiert und mit TrÀnen in den Augen direkt daneben.
Spiel wird fortgesetzt - Finnland gewinnt
Als klar war, dass der 29-JĂ€hrige wieder bei Bewusstsein ist und in ein Krankenhaus gebracht wurde, lieĂ die UEFA das Spiel nach mehr als anderthalbstĂŒndiger Unterbrechung fortsetzen. Dass die DĂ€nen am Ende noch mit 0:1 (0:0) verloren und der EM-DebĂŒtant Finnland mit seinem TorschĂŒtzen Joel Pohjanpalo (60.) sowie Lukas Hradecky (74.), der einen Elfmeter hielt, jetzt sogar zwei neue FuĂball-Helden hat, blieb an diesem Samstagabend aber nur eine Randnotiz. «Alle Gedanken sind jetzt bei Christian und seiner Familie», sagte Hjulmand. «Wir wurden heute daran erinnert, was das Wichtigste im Leben ist: Dass man Menschen um sich herum hat, die einem nah stehen. Ich könnte nicht stolzer auf meine Spieler sein. Was sie geleistet haben, war unglaublich.»
Der dĂ€nische Trainer wies zurĂŒck, dass beide Teams vom europĂ€ischen Verband zur Fortsetzung der Partie gedrĂ€ngt wurden. «Wir hatten zwei Optionen: Das Spiel fortzusetzen oder morgen um 12.00 Uhr zu spielen. Jeder wollte heute spielen», sagte der ehemalige Coach von Mainz 05. Auch Finnlands TorschĂŒtze Pohjanpalo bestĂ€tigte: «Das Wichtigste ist: Es geht Christian gut. Er wollte, dass wir weiterspielen. Das dĂ€nische Team und wir haben diesen Wunsch respektiert.»
Eriksen bei Bewusstsein ins Krankenhaus
Es waren schockierende Bilder auf dem Rasen. Es dauerte mehr als eine quĂ€lend lange Stunde, ehe der dĂ€nische Verband DBU mitteilte, dass der 29-JĂ€hrige bei Bewusstsein ist und ins Reichskrankenhaus gebracht wurde. «Wir haben Kontakt mit Christian gehabt, und die Spieler haben mit ihm gesprochen. Es geht ihm gut», sagte der Direktor des dĂ€nischen FuĂballverbandes DBU, Peter MĂžller, dem Rundfunksender DR und Nationaltrainer Hjulmand berichtete nach dem Spiel: «Wir haben es geschafft, Christian zurĂŒckzuholen. Er hat mit mir gesprochen, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde.»
Dass das Spiel beim Stand von 0:0 fortgesetzt wurde, sorgte vor allem in sozialen Netzwerken fĂŒr viel Kritik. Im Stadion herrschte aber gröĂtenteils Jubel, der vor allem eines ausdrĂŒckte: Erleichterung, dass Eriksen am Leben ist. WĂ€hrend des Wartens auf die Fortsetzung gab es eine beeindruckende Stimmung der Empathie und SolidaritĂ€t. Finnische Fans riefen: «Christian». DĂ€nische riefen zurĂŒck: «Eriksen!» Alle im Stadion applaudierten.
«Wir bringen es jetzt hinter uns»
Gerade die dĂ€nischen Spieler kamen teils mit TrĂ€nen in den Augen auf den Rasen zurĂŒck. Torwart Kasper Schmeichel nahm vor dem Wiederanpfiff jeden Mitspieler in den Arm. Zusammen mit allen Betreuern und Medizinern bildeten die DĂ€nen einen Kreis. «Die Spieler waren sich sicher, heute nicht mehr schlafen zu können. Es war besser, zu sagen: Wir bringen es jetzt hinter uns», sagte Hjulmand.
In den verbleibenden knapp 50 Minuten ging es ĂŒberraschend schnell, bis zumindest etwas fuĂballerische ScheinnormalitĂ€t wieder einkehrte. Die dĂ€nischen Spieler versuchten mit viel Engagement, das 0:1 noch aufzuholen. Pohjanpalo wollte nach seinem Siegtor in der 60. Minute zunĂ€chst jubeln, tat das dann aber doch nicht. «Wenn man ein Tor schieĂt, ist immer der erste Reflex, zu jubeln. Mir war aber schnell klar, dass das heute nicht angebracht ist», sagte Pohjanpalo.
Die UEFA kĂŒrte Eriksen nach dem Spiel als Geste zum «Man of the Match». «Momente wie diese relativieren alles im Leben. Ich wĂŒnsche Christian eine vollstĂ€ndige und schnelle Genesung und bete, dass seine Familie Kraft und Glauben hat», wurde Aleksander Ceferin als PrĂ€sident der EuropĂ€ischen FuĂball-Union auf Twitter zitiert.
Kollaps ohne Fremdeinwirkung
Die Aktion passierte in der 43. Minute ohne gegnerische Einwirkung. Bei einem Einwurf ging Eriksen dem Ball entgegen und sackte dann zu Boden. Die Spieler um ihn herum sahen direkt die Notlage und riefen medizinische Hilfe herbei. Danach begannen die dramatischen Minuten. Es war zu sehen, wie RettungskrĂ€fte eine Herzdruckmassage bei ihm durchfĂŒhrten. Die dĂ€nischen Spieler versammelten sich teils den TrĂ€nen nahe um ihren Mitspieler. SchlieĂlich wurde Eriksen auf einer Rettungstrage, unter Sichtschutz aus dem Innenraum des Stadions gefahren und ins Krankenhaus gebracht.
Es wurden schlimme Erinnerungen an das Halbfinale im Confederations Cup 2003 in Lyon wach, als der Kameruner Marc-Vivien Foé im Spiel gegen Kolumbien plötzlich zusammenbrach und auf Höhe der Mittellinie regungslos liegen blieb. Kurz darauf starb Foé. Die Todesursache war Herzversagen.
GroĂe Anteilnahme in der FuĂball-Welt
In den sozialen Medien drĂŒckten FuĂballstars weltweit ihre Anteilnahme aus. «Geschockt. Wir sind alle bei dir, Christian Eriksen. Sei bitte ok», schrieb etwa Weltmeister Mesut Ăzil und Marco Reus twitterte: «Werd schnell wieder gesund @ChrisEriksen8.» Reus' Dortmunder Teamkollege Jadon Sancho schrieb: «Meine Gebete gehen an DĂ€nemark». Auch die deutsche Nationalmannschaft wĂŒnschte aus ihrem EM-Quartier gute Besserung.
Die finnische Regierungschefin Sanna Marin, die kurz zuvor noch ein Foto von sich im Finnen-Trikot gepostet hatte, schrieb auf Twitter: «Unsere Gedanken sind jetzt bei Christian Eriksen.» Dazu stellte sie ein Herz und eine DÀnemark-Flagge. Auch BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich bei seinem DÀnemark-Besuch betroffen.
Der Mittelfeldspieler des italienischen Meisters Inter Mailand ist der Star des dĂ€nischen Teams. Gegen Finnland bestritt er bereits sein 109. LĂ€nderspiel, 36 Treffer stehen auf seinem Konto. Im Januar 2010 hatte Eriksen sein ProfidebĂŒt fĂŒr den niederlĂ€ndischen Rekordmeister Ajax Amsterdam gegeben, mit dem er 2011, 2012 und 2013 Meister wurde. Danach folgte sein Wechsel zum Premier-League-Spitzenclub Tottenham Hotspur, wo seine Karriere richtig Fahrt aufnahm. Seit Januar 2020 spielt er in der Serie A fĂŒr Inter. In DĂ€nemark wurde er mehrmals zum FuĂballer des Jahres gewĂ€hlt.

















