Bericht, Ungleiche

Bericht: Ungleiche Arzneimittelversorgung in EU wegen hoher Preise

13.06.2024 - 09:27:41

In Àrmeren und kleineren Staaten der EuropÀischen Union erhalten Patienten im öffentlichen Gesundheitswesen offenbar nicht die besten Arzneimittel gegen Krebs und andere schwere Krankheiten.

Der Grund sei, dass die öffentlichen Gesundheitssysteme die von den Pharmakonzernen geforderten hohen Preise hĂ€ufig nicht bezahlen können oder die Firmen die öffentliche Bezahlung gar nicht erst beantragen, berichten "SĂŒddeutsche Zeitung", NDR, WDR und das Journalistenteam "Investigate Europe" nach einer gemeinsamen Recherche. In der Folge hĂ€ngt die Lebenserwartung fĂŒr Tausende EU-BĂŒrger davon ab, in welchem Mitgliedsland sie leben. Nach einer Auswertung des unabhĂ€ngigen deutschen Instituts fĂŒr QualitĂ€t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kamen in den vergangenen fĂŒnf Jahren 32 neue Medikamente auf den Markt, die die Überlebenschancen fĂŒr Krebskranke nachweislich verbessern oder die besser wirken als bisherige Arzneien - zum Beispiel gegen die schwere Lungenkrankheit Mukoviszidose, aber auch gegen Arthritis oder Hautkrankheiten. Die Reporter haben in allen 27 EU-Staaten recherchiert, wie viele dieser neuen Medikamente im öffentlichen Gesundheitssystem nicht zur VerfĂŒgung stehen. Die Recherche zeigt anhand von konkreten Zahlen, dass der Zugang zwischen den EU-Staaten höchst ungleich ist.

Nur in Deutschland und Österreich bezahlen die Krankenkassen tatsĂ€chlich alle 32 Arzneimittel, denen das IQWiG einen bedeutenden Zusatznutzen bescheinigt hat. In Estland, Lettland und Litauen hingegen fehlen fĂŒr die Patienten im öffentlichen Gesundheitswesen etwa 30 Prozent der Mittel, in Zypern die HĂ€lfte, in Malta 59 Prozent. In Ungarn werden sogar drei Viertel der neuen Medikamente nicht von der staatlichen Gesundheitskasse erstattet, sondern nur auf individuellen Antrag. Auch in RumĂ€nien kann die staatliche Krankenkasse bisher gleich sechs lebensverlĂ€ngernde Krebsmedikamente mangels Geldes nicht erstatten. Tausende Patienten ziehen deshalb vor Gericht, um die Bezahlung zu erzwingen. Der Grund fĂŒr die ungleiche Versorgung ist, dass es den EU-Regierungen nicht gelingt, eine gemeinsame Gesundheitspolitik zu betreiben, schreiben die Autoren. Zwar erfolgt die Zulassung neuer Arzneien zentral ĂŒber die in Amsterdam ansĂ€ssige EuropĂ€ische Medizinagentur EMA - aber ob und zu welchen Kosten diese Medikamente dann in den einzelnen EU-LĂ€ndern vertrieben werden, das können die Pharmafirmen frei entscheiden. Die Bedingungen mĂŒssen nationale Behörden einzeln mit den Herstellern aushandeln. Dabei können die Pharmakonzerne die Preise fĂŒr ihre Produkte beliebig hoch ansetzen. Gleichzeitig zwingen sie die nationalen UnterhĂ€ndler, die dann tatsĂ€chlich ausgehandelten Preise geheim zu halten. So verhindern die Pharmamanager, dass sie die Rabatte, die sie großen LĂ€ndern wie etwa Frankreich gewĂ€hren, auch anderen Staaten anbieten mĂŒssen. In der Folge fordern die Hersteller von den kleineren und Ă€rmeren Staaten im Osten und SĂŒden der EU hĂ€ufig weit mehr, als sie in den großen und reicheren Staaten bekommen. Wenn manche EU-Staaten diese nicht bezahlen können oder wollen, bekommen die Patienten nicht die beste verfĂŒgbare Medizin. Der frĂŒhere zyprische Gesundheitsminister Giorgos Pamborides bezeichnet diese Geheimnistuerei als Missbrauch der Marktmacht der Industrie. Sie wĂŒrde einzelne LĂ€nder gegeneinander ausspielen, "indem sie uns in getrennte RĂ€ume sperrt". Er erinnert sich, dass Zypern in seiner Zeit als Gesundheitsminister "doppelt, dreifach oder sogar fĂŒnfmal so hohe Preise wie andere LĂ€nder zahlte".

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