Migrationstreffen, Dobrindt

Migrationstreffen: Warum Dobrindt auf die Zugspitze einlÀdt

18.07.2025 - 04:30:44

In der Richtung sind sich etliche EU-LÀnder einig: Es sollen weniger irregulÀre Migranten nach Europa kommen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sucht den Schulterschluss.

Gemeinsam mit fĂŒnf Amtskollegen aus anderen EU-LĂ€ndern will Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) fĂŒr einen hĂ€rteren Asylkurs in Europa eintreten. Ort des Schulterschlusses soll die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, sein. Worum es geht:

Schutz der EU-Außengrenzen

Die verschĂ€rften deutschen Grenzkontrollen lösen in einigen NachbarlĂ€ndern Irritationen aus. Einig ist man sich allerdings beim besseren Schutz der EU-Außengrenzen. Die wichtigsten Routen fĂŒr irregulĂ€re Migranten fĂŒhren ĂŒber das östliche und zentrale Mittelmeer sowie von Westafrika nach Europa. DafĂŒr sollte die EU-Grenzschutzagentur Frontex nach Dobrindts Vorstellungen «massiv ausgebaut» werden, wie er dem «Focus» sagte. Die EU-Kommission plant bereits eine deutliche StĂ€rkung von Frontex, um deren operative FĂ€higkeiten bei Grenzmanagement und RĂŒckfĂŒhrungen erheblich zu verbessern.

Abschiebungen in LĂ€nder ohne Bezug zum Betroffenen

Dobrindt wĂŒrde gern das sogenannte Verbindungselement abschaffen. Bislang sieht die im vergangenen Jahr verabschiedete EU-Asylreform vor, dass Asylbewerber nicht in Drittstaaten abgeschoben werden können, zu denen sie keinen konkreten Bezug haben.

Die Forderung nach einem Wegfall dieses Verbindungselements findet sich auch in einem Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der RĂŒckfĂŒhrungsrichtlinie. Den hatte EU-Migrationskommissar Magnus Brunner bereits im FrĂŒhjahr vorgelegt. 

Bislang dĂŒrfen Asylsuchende nur dann in einen Drittstaat abgeschoben werden, wenn sie dort eine enge persönliche Verbindung haben, etwa durch Familie oder einen lĂ€ngeren Aufenthalt. Dieses Element soll nach dem Kommissionsvorschlag deutlich eingeschrĂ€nkt werden. Ziel der Reform ist es, RĂŒckfĂŒhrungen von Personen ohne Schutzstatus zu forcieren.

Migranten in außereuropĂ€ische LĂ€nder schicken

Dobrindt will zwar Abschiebungen nach Afghanistan und Syrien wieder möglich machen beziehungsweise ausweiten. Doch so ein Vorgehen werde nicht mit jedem Land klappen, meinte der CSU-Politiker, es brauche DrittlĂ€nder, die bereit seien Migranten zu ĂŒbernehmen, die objektiv nicht in ihre HeimatlĂ€nder zurĂŒckgefĂŒhrt werden könnten, hatte er jĂŒngst der «Welt am Sonntag» gesagt. 

Im GesprĂ€ch mit der «Augsburger Allgemeinen» vor dem Gipfel schloss Dobrindt RĂŒckfĂŒhrungen nach Pakistan nicht aus, wenn abgelehnte Asylbewerber nicht in ihre Heimat Afghanistan zurĂŒckkehren könnten. «Auch wenn es um diesen konkreten Fall nicht geht – das Prinzip ist, Menschen in Nachbarregionen ihrer HerkunftslĂ€nder unterzubringen, in denen sich oft schon Angehörige dieser Bevölkerungsgruppen befinden», erklĂ€rte er.

Solche Drittstaatenlösungen sind aus Sicht Dobrindts ein zentraler Baustein, um kriminellen Schleuserbanden das Handwerk zu legen. Infrage kĂ€men dafĂŒr Staaten, «die als TransitlĂ€nder etabliert oder als fluchtnahe Staaten erkennbar sind», sagte er dem «Focus».

Auf EU-Ebene wird an solchen Strukturen bereits gearbeitet. Teil des Kommissionsvorschlags zur Reform der RĂŒckfĂŒhrungsrichtlinie sind auch sogenannte RĂŒckfĂŒhrungszentren. Dabei handelt es sich um Einrichtungen, in denen nationale Behörden gemeinsam mit EU-Agenturen wie Frontex RĂŒckfĂŒhrungen koordinieren und vorbereiten sollen.

Die RĂŒckfĂŒhrungsrichtlinie ist rechtlich nicht Teil des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems (GEAS), steht aber politisch in engem Zusammenhang mit dessen Reform. WĂ€hrend GEAS vor allem Asylverfahren und ZustĂ€ndigkeiten regelt, betrifft die RĂŒckfĂŒhrungsrichtlinie Personen ohne Bleiberecht. Der Vorschlag wird derzeit noch von den EU-Mitgliedstaaten und dem EuropĂ€ischen Parlament beraten. Eine Einigung steht noch aus.

AsylantrĂ€ge gehen insgesamt zurĂŒck

Die Zahl der AsylantrĂ€ge in der EuropĂ€ischen Union sowie in Norwegen und der Schweiz ist gesunken – insbesondere in Deutschland. Zwar suchen weiterhin viele Menschen Schutz in Europa, doch im Mai 2025 wurden laut der EU-Asylagentur mit Sitz auf Malta im Mai 2025 rund 63.700 AsylantrĂ€ge gestellt. Das sind deutlich weniger als im Vorjahresmonat mit etwa 85.600.

In Deutschland halbierte sich die Zahl nahezu, von rund 18.800 im Mai 2024 auf knapp 9.900 ein Jahr spĂ€ter. Auch in Spanien (RĂŒckgang von 16.300 auf 12.800 AntrĂ€ge) und Italien (von 15.500 auf 12.300) ging die Zahl deutlich zurĂŒck. In Frankreich verĂ€nderte sich das Niveau mit rund 12.500 AntrĂ€gen nur wenig - im Vorjahresmonat waren es noch 11.900.

Polen sieht sich in einer Notlage

Polen beansprucht eine Ausnahme von dem 2024 geschlossenen EU-Asylpakt, es stimmt der Umverteilung von Migranten nicht zu. BegrĂŒndet wird dies mit einer doppelten Notlage: Polen habe etwa zwei Millionen Menschen aus der Ukraine aufgenommen, zudem verteidige es sich an der Ostgrenze gegen einen durch Belarus gelenkten Zustrom von Migranten. 

Unmut herrscht dort ĂŒber die verschĂ€rften deutschen Grenzkontrollen, in konservativen Kreisen kursierte der Verdacht, Deutschland schiebe FlĂŒchtlinge nach Polen ab, die gar nicht von dort kommen. 

Österreich will konsequente Abschiebungen

Ein strikter Anti-Migrations-Kurs ist in Österreich seit vielen Jahren etabliert und in der Bevölkerung durchaus populĂ€r. Konkret fordert die Alpenrepublik einen starken Schutz der EU-Außengrenzen und konsequente Abschiebungen. Sie kontrolliert die Grenzen zu mehreren NachbarlĂ€ndern. Die aktuelle Zusammenarbeit mit Deutschland bei der ZurĂŒckweisung von Migranten durch die Bundesrepublik klappt nach Darstellung beider Seiten reibungslos.

Ansonsten setzt das Land auf europĂ€ische Lösungen und Änderungen bei der Definition sicherer Drittstaaten, in die leichter abgeschoben werden kann. Kanzler Christian Stocker (ÖVP) hat obendrein zuletzt mehrfach betont, dass die EuropĂ€ische Menschenrechtskonvention neu ausgelegt werden mĂŒsse.

Frankreich fĂŒr lĂ€ngere Abschiebehaft

Dem konservativen französischen Innenminister Bruno Retailleau ist wie Dobrindt an einem deutlich hĂ€rteren Kurs in der Migrationspolitik gelegen. Er will Migranten lĂ€nger in Abschiebehaft nehmen, den illegalen Aufenthalt im Land zu einer Straftat erklĂ€ren und notfalls auch in Drittstaaten abschieben, wenn das Herkunftsland einen aus Frankreich ausgewiesenen Migranten nicht zurĂŒcknehmen will. 

Die Behörden im Land hat er bereits mehrfach zu einem strikteren Kurs angewiesen. Er pocht auf eine restriktivere Vergabe von Visa sowie von Aufenthaltspapieren fĂŒr illegal Eingereiste, die Arbeit und Einkommen haben. Die Grenzkontrollen, die Frankreich seit bereits zehn Jahren im Kampf gegen Terrorismus wieder vornimmt, will er verschĂ€rfen. 

Tschechische Regierung fĂŒr mehr Grenzschutz

Die liberalkonservative Regierung in Tschechien fordert seit Jahren eine verschĂ€rfte Migrations- und Asylpolitik in Europa, vor allem einen besseren Schutz der Außengrenzen sowie eine stĂ€rkere Zusammenarbeit mit Drittstaaten. Sie will selbst das Asylrecht verschĂ€rfen. 

MinisterprÀsident Petr Fiala steht unter Druck von weiter rechts: Die zunehmend rechtspopulistisch agierende Oppositionspartei ANO des MilliardÀrs Andrej Babis liegt in Umfragen vor der Parlamentswahl Anfang Oktober vorn. Die Grenzkontrollen sind der Regierung in Prag ein Dorn im Auge, sie setzt hier aber auf Dialog mit Berlin. 

DĂ€nemark betrachtet Migration und Sicherheit zusammen

DĂ€nemark gilt in der EU seit lĂ€ngerem als Hardliner in Sachen Migrationspolitik. Ein Prestigeprojekt der Regierung der sozialdemokratischen MinisterprĂ€sidentin Mette Frederiksen, um Asylbewerber ins ostafrikanische Ruanda zu schicken, wurde Anfang 2023 vorĂŒbergehend auf Eis gelegt – vom Tisch ist es aber noch nicht. Vielmehr arbeitet Deutschlands nördlicher Nachbar seitdem daran, die Idee anderen EU-Staaten schmackhaft zu machen. 

Als aktuelles EU-Vorsitzland will DĂ€nemark vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine einen Hauptfokus auf die Sicherheit in Europa legen – ein Thema, das aus dĂ€nischer Sicht auch mit Migrationsfragen zusammenhĂ€ngt. AuslĂ€nder- und Integrationsminister Kaare Dybvad Bek ist sich nach Angaben der dĂ€nischen Nachrichtenagentur Ritzau vorab sicher, dass das Treffen der migrationskritischen LĂ€nder am Freitag einen «Wendepunkt in der europĂ€ischen FlĂŒchtlingspolitik» darstellen werde. 

Was Kritiker sagen

«Wie viel hĂ€rter soll es werden?», fragt Ruben Neugebauer von der FlĂŒchtlingsorganisation Leave No One Behind. «Schon jetzt ist das Leid an Europas Außengrenzen unermesslich, Tausende Menschen ertrinken, erfrieren oder ersticken auf der Suche nach Frieden und Freiheit.» Der innenpolitische Sprecher der GrĂŒnen-Fraktion, Marcel Emmerich, meint: «Die Streichung des Verbindungselements ist ein herzloser Angriff auf Schutzsuchende, Familien und Kinder, die in LĂ€nder ohne jede persönliche Bindung abgeschoben werden sollen.»

@ dpa.de