E-Patientenakte soll bald breiter starten
09.04.2025 - 06:30:38 | dpa.deIn einigen Regionen ist die elektronische Patientenakte (ePA) bereits Alltag in Arztpraxen. Nach und nach soll sie ĂŒberall in Deutschland kommen. Zu Beginn des zweiten Quartals, das jetzt im April angefangen hat, soll es nach PlĂ€nen des Bundesgesundheitsministeriums damit losgehen. Einen genauen Termin gibt es noch nicht. Was kommt auf Patientinnen und Patienten zu? Und welche Erfahrungen hat ein Hausarzt in NĂŒrnberg damit gesammelt?Â
Wie lÀuft die bundesweite Ausdehnung?
Seit 15. Januar haben 70 Millionen der gut 74 Millionen gesetzlich Versicherten in ganz Deutschland eine ePA von ihrer Krankenkasse angelegt bekommen. Das Zusammenspiel mit Praxen und Kliniken wird aber zunĂ€chst nur in drei Regionen getestet. «Der deutschlandweite Roll-Out steht unmittelbar bevor», sagt der geschĂ€ftsfĂŒhrende Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Er gehe davon aus, «dass wir in den kommenden Wochen in eine Hochlaufphase auĂerhalb der Modellregionen eintreten können». Dann komme eine nĂ€chste, breiter aufgesetzte Stufe der Testung - fĂŒr Ărztinnen und Ărzte zunĂ€chst freiwillig.
Dabei gelte fĂŒr das bundesweite Ausrollen: «Sicherheit geht immer vor.» Und: «Wir werden die nĂ€chste Stufe immer erst einfĂŒhren, wenn wir die Stufe davor grĂŒndlich getestet haben.» Als wĂ€hlbares Angebot, um das man sich aktiv kĂŒmmern musste, waren E-Akten bereits 2021 eingefĂŒhrt worden, sie wurden aber kaum verwendet. Daher kehrte die Ampel-Koalition das Prinzip mit einem Gesetz um: Jetzt bekommen alle eine E-Akte, auĂer man widerspricht aktiv.
Welche Informationen werden in der ePA gespeichert?
Die elektronische Patientenakte soll Versicherte ein Leben lang begleiten. In dem digitalen Speicher sollen etwa Arztbriefe, Befunde, Laborwerte und verordnete Medikamente gesammelt werden. Zugriff bekommen Praxen, Kliniken und Apotheken, wenn die Versicherten ihre Krankenkassenkarte in deren LesegerĂ€t stecken. Dieser ist regulĂ€r auf 90 Tage beschrĂ€nkt.Â
Ăber die Smartphone-App ihrer Krankenkasse können die Versicherten Zugriffsrechte widerrufen oder selbst festlegen, welche Mediziner wie lange Einsicht bekommen sollen. Auf diese Weise können sie auch selbst Dokumente in die E-Akte hochladen, zum Beispiel selbst gefĂŒhrte Blutdruck-TagebĂŒcher oder wichtige Diagnosen aus der Vergangenheit.Â
Wie funktioniert die ePA in der Praxis?
300 Praxen, Apotheken und Kliniken in den drei Modellregionen Hamburg und Umland, Franken und Teilen Nordrhein-Westfalens testen die ePA bereits im Alltag. Darunter ist auch die Praxis des NĂŒrnberger Hausarztes Nicolas Kahl. «Es funktioniert noch nicht alles, aber es lĂ€uft stabil», sagt er.Â
Die Akte ist anfangs leer und wird bei der Behandlung mit Dokumenten befĂŒllt. Aktuell können Kahl und sein Praxis-Team PDF-Dateien etwa von EKG oder Lungenfunktionstests in die ePA hochladen. AuĂerdem werden alle E-Rezepte, die er ausstellt, automatisch dort gespeichert.Â
Seit dem Start der Pilotphase sind die Zugriffe auf die E-Akten nach Angaben der mehrheitlich bundeseigenen Digitalagentur Gematik krĂ€ftig gestiegen - auf mehr als 276.000 in der vergangenen Woche. Medikationslisten wurden fast 69.000 Mal aufgerufen. Laut Ministerium flieĂen tĂ€glich 3,5 Millionen E-Rezepte routinemĂ€Ăig in E-Akten ein.
Welche Kritik gibt es?
Die KassenĂ€rztlichen Vereinigungen (KV) in den Modellregionen halten es noch fĂŒr zu frĂŒh fĂŒr einen bundesweiten Start. «Ein GroĂteil der Praxen verfĂŒgt zwar ĂŒber das entsprechende ePA-Modul, allerdings melden die Praxisteams weiterhin technische Probleme und Herausforderungen bei der Integration in die PraxisablĂ€ufe zurĂŒck», heiĂt es von der KV Westfalen-Lippe. Zum Teil könne nicht auf E-Akten zugegriffen werden, oder es gebe lange Ladezeiten. Auch die KV in Bayern sieht keine Fortschritte bei der Problemlösung. Die Akzeptanz von Ărzten und Versicherten könnte leiden, sollte die ePA zu frĂŒh starten.
Welche Vorteile bietet die ePA?
Fachleute sind ĂŒberzeugt, dass die elektronische Patientenakte die Behandlung verbessern kann. Dadurch könne er die Befunde von anderen Ărzten sehen und mĂŒsse diesen nicht mehr hinterherrennen, sagt Hausarzt Nicolas Kahl. Das spare Zeit und verhindere Doppel-Behandlungen. «Es hilft uns, wenn wir einen Patienten nicht gut kennen und dieser keine Auskunft ĂŒber seine Medikamente geben kann.» Das könne zum Beispiel helfen, gefĂ€hrliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten zu verhindern.Â
«Es wird sich perspektivisch lohnen», ist sich Kahl sicher. Allerdings werde das Monate, wenn nicht Jahre, dauern. Denn es kommen nur Befunde und Medikamente in die E-Akten, die nach deren Start gestellt beziehungsweise verschrieben wurden. Wenn Patienten Ă€ltere Diagnosen oder Verordnungen hinterlegen wollen, mĂŒssen sie diese selbst hochladen. Maximal zehn Dokumente seien jĂ€hrlich möglich, sagt Kahl.Â
Wie ist die Akzeptanz?
Bei der AOK haben nach Angaben des Bundesverbands rund 4 Prozent der 27,49 Millionen Versicherten der ePA widersprochen. Bei der Techniker Krankenkasse sind es 7 Prozent der 11,9 Millionen Versicherten. Auch in der Praxis von Nicolas Kahl haben bisher nur wenige Patienten und Patientinnen Vorbehalte geĂ€uĂert. «Im einstelligen Prozentbereich», sagt der 37-JĂ€hrige.
Seine Erfahrung: Wer die E-Akte ablehne, habe oft Angst, dass die Daten in die falschen HĂ€nde geraten könnten. «Manche wollen auch nicht, dass ich sehe, dass sie bei einem anderen Mediziner waren.» FĂŒr die meisten Patienten aber sei die ePA ĂŒberhaupt kein Thema, hat er festgestellt. «Die haben gar nicht auf dem Schirm, dass sie eine haben.»
Wie sicher sind die Gesundheitsdaten in der ePA?
Computerspezialisten und verschiedene Organisationen aus dem Gesundheitswesen warnten vor dem Start in den Modellregionen vor SicherheitslĂŒcken, wodurch Unbefugte Zugriff auf alle E-Akten bekommen könnten. Lauterbach betonte, es sei gelungen, Sicherheitsprobleme fĂŒr den Massenzugriff zu lösen, die der Chaos Computer Club herausgearbeitet hatte.Â
Die Expertin Bianca Kastl und Martin Tschirsich vom Chaos Computer Club hatten sie aufgedeckt. Diese bestehen aus Kastls Sicht trotz Updates weiter. «Bei den versprochenen Updates handelt es sich lediglich um den Versuch der Schadensbegrenzung bei einem der vielen von uns demonstrierten Angriffe», sagte sie. «Elektronische Patientenakten lassen sich weiterhin mit geringem Aufwand angreifen.»
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