Glas, Handel

Waren bald hinter Glas? Handel klagt ĂŒber Diebesbanden

03.08.2025 - 12:05:34

In England ist schon seit lĂ€ngerem von einer «Epidemie des Ladendiebstahls» die Rede. Und auch in Deutschland wird immer mehr geklaut. Der Chef des Handelsverbands hat eine BefĂŒrchtung.

Möglichst heimlich und unauffĂ€llig, schwitzige HĂ€nde und versteckte Blicke: So dĂŒrften sich die meisten Menschen einen Ladendieb vorstellen. Doch in der RealitĂ€t sieht es mittlerweile anders aus. 

«TĂ€tergruppen fahren gezielt durch InnenstĂ€dte, stehlen hochwertige Ware – ParfĂŒm, Schuhe, Elektronik – und verkaufen sie auf dem Graumarkt», sagt Stefan Genth, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Handelsverbands Deutschland (HDE), im GesprĂ€ch mit dem Portal «t-online.de». Das Forschungsinstitut EHI stellte in einer Studie fest: «LadendiebstĂ€hle werden immer hĂ€ufiger organisiert begangen. Entweder als beauftragte EinzeltĂ€ter oder in Gruppen mit gezielter Aufgabenverteilung.»

Nach SchÀtzungen der befragten HÀndler machen solche Taten rund ein Drittel der LadendiebstÀhle aus im Wert von fast einer Milliarde Euro. Tendenz steigend. 

Britische VerhÀltnisse?

Drohen dem deutschen Einzelhandel britische VerhÀltnisse? Dort eskaliert die Situation seit einigen Jahren, ganze Banden gehen organisiert und teils brutal vor, oft ohne Scheu, die Gesichter nicht vermummt. Von einer «Epidemie des Ladendiebstahls» sprechen Experten auf der Insel seit lÀngerem. 

Zwischen April 2024 und MÀrz 2025 registrierte das britische Statistikamt insgesamt 530.643 LadendiebstÀhle in England und Wales. Ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die tatsÀchliche Anzahl liegt schÀtzungsweise um ein Vielfaches höher. Allein der Verband Association of Convenience Stores spricht von mehr als 6,2 Millionen FÀllen, wie die BBC berichtete.

Auch in Deutschland steigen die Zahlen. «Der Schaden durch Ladendiebstahl lag 2024 bei drei Milliarden Euro – 20 Prozent mehr als 2022», sagte HDE-Chef Genth. Außer organisierten Banden machten auch aggressive EinzeltĂ€ter Sorgen, die Mitarbeiter angriffen, wenn sie erwischt werden.

Wer stiehlt und was?

Laut EHI nimmt zudem wegen der zuletzt schlechten wirtschaftlichen Lage die Zahl der Menschen zu, «die sich bestimmte Produkte nicht mehr leisten können oder wollen». EHI-Experte und -Studienautor Frank Horst sagte Ende Juni bei Vorstellung des Berichts: «Immer hÀufiger klauen auch Senioren und Familien.» 

Beliebte DiebesgĂŒter sind laut EHI-Untersuchung vor allem alkoholische GetrĂ€nke, Markenkleidung, Sneakers, ElektrogerĂ€te sowie Tabakwaren. In Drogerien stehen demnach Produkte wie ParfĂŒms, Kosmetik, Babynahrung oder Rasierklingen im Fokus der Ladendiebe.

Ein Grund fĂŒr den Anstieg ist der Personalmangel. Vor allem in kleineren LĂ€den ist hĂ€ufig nur eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter im Einsatz, muss aber mehrere Aufgaben erfĂŒllen und kann oft genug nicht schnell reagieren.

Manche Experten sind ĂŒberzeugt, dass die Selbstbedienungskassen, die immer mehr in GeschĂ€ften zu finden sind, hĂ€ufigeren Diebstahl erleichtern. Es sei davon auszugehen, dass der Ladendiebstahl um 15 bis 30 Prozent höher liege als an bedienten Kassen, sagte EHI-Experte Horst zu Jahresbeginn. HDE-Chef Genth weist das zurĂŒck: «Diesen Zusammenhang können wir nicht bestĂ€tigen.»

«98 Prozent der DiebstÀhle werden nicht angezeigt»

Bei der Strafverfolgung sieht Genth Defizite. «HĂ€ndler erstatten Anzeige, und die Staatsanwaltschaften stellen anschließend aus EffizienzgrĂŒnden ein. In der Konsequenz melden viele HĂ€ndler frustriert viele LadendiebstĂ€hle nicht mehr bei der Polizei», sagt er. «Deshalb ist die Dunkelziffer extrem hoch: 98 Prozent der DiebstĂ€hle werden nicht angezeigt.»

Genth fordert gesetzliche Änderungen, Investitionen in Sicherheit und eine bessere Ausstattung der Justiz. «Ich fĂŒrchte ZustĂ€nde wie in den USA, wo fast alles hinter Glas liegt. Das ist ein Ausdruck von Misstrauen gegenĂŒber allen Kunden – obwohl ĂŒber 90 Prozent ehrlich sind.» Der Staat mĂŒsse deshalb die Strafverfolgungsbehörden besser ausstatten.

FĂŒr die HĂ€ndler kostet es viel Geld, sich gegen Diebstahl zu schĂŒtzen. Rund 1,5 Milliarden im vergangenen Jahr, etwa fĂŒr VideoĂŒberwachungen, Schulungen und zusĂ€tzliches Sicherheitspersonal, heißt es vom HDE. «Und es fĂŒhrt dazu, dass immer mehr Waren weggeschlossen werden. Ich fĂŒrchte ZustĂ€nde wie in den USA, wo fast alles hinter Glas liegt», sagt Verbandschef Genth. Unrealistisch erscheint das nicht: Die Mehrzahl der HĂ€ndler rechnet eher damit, dass vor allem der organisierte Ladendiebstahl in Zukunft noch zunehmend wird.

@ dpa.de