Schwache Umfragen, AfD-Vorsprung und innerer Streit: Kanzler Merz gerÀt massiv unter Druck
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 13:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFĂŒr Kanzler Friedrich Merz und die schwarz-rote Koalition hĂ€ufen sich Niederlagen an der Wahlurne, schlechte Umfragewerte und innerparteilicher Streit.
Vertrauensverlust fĂŒr Merz und Vorsprung der AfD
Nach einer Online-Umfrage des Instituts Insa im Auftrag von «Bild» halten nur noch 14 Prozent der Befragten Merz fĂŒr den richtigen Regierungschef, 78 Prozent sehen ihn nicht in dieser Rolle. Selbst unter AnhĂ€ngern der Union sprechen sich demnach Mehrheiten gegen den Kanzler aus. Eine weitere Insa-Erhebung fĂŒr «Bild» zeigt die AfD bundesweit bei 29 Prozent, ein Punkt mehr als in der Vorwoche. Die Union liegt mit 20 Prozent klar dahinter, die SPD kommt auf 13 Prozent.
Reaktion nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt
Nach der Wahlschlappe in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD mehr als doppelt so viele Stimmen erzielte wie die CDU, rĂ€umte Merz Fehler ein. Er kĂŒndigte an, die Politik der Bundesregierung kĂŒnftig besser erklĂ€ren zu wollen und die Menschen stĂ€rker auch in ihrer EmotionalitĂ€t zu erreichen. In einer Rede im Bundestag nutzte er allerdings viel Zeit fĂŒr eine scharfe Auseinandersetzung mit der AfD. Mit Blick auf den von der Partei verwendeten Begriff «Remigration» warf er ihr vor, «ethnische SĂ€uberung» nach Herkunft und Hautfarbe zu betreiben.
KĂŒhle RĂŒckendeckung von Markus Söder
Eine Woche vor den nĂ€chsten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stellen fĂŒhrende Köpfe von CDU und CSU Merz öffentlich nicht infrage. AuffĂ€llig zurĂŒckhaltend fĂ€llt jedoch die UnterstĂŒtzung von CSU-Chef Markus Söder aus. In einem Interview mit «Bild» bekrĂ€ftigt er lediglich knapp, Merz sei noch der richtige Mann und stehe zu den Reformen. Zugleich verweist der bayerische MinisterprĂ€sident darauf, dass mögliche Alternativen vor denselben Problemen stĂŒnden, und betont, die CSU werde den Kanzler nicht stĂŒrzen. FĂŒr die CDU sei er nicht zustĂ€ndig.
Forderungen aus Sachsen nach Kurswechsel
Aus der sĂ€chsischen CDU kommen deutlichere Signale des Unmuts. Der Bundestagsabgeordnete Florian Oest fordert im «Handelsblatt» eine «Agenda 2030», bei der gelten solle: «Sozial ist, was Wirtschaft stĂ€rkt». Ob Merz die Kraft fĂŒr einen solchen Aufbruch habe, mĂŒsse dieser selbst entscheiden, betont Oest. Ein CDU-Kanzler mĂŒsse dem Land Orientierung geben und Probleme konkret lösen. Nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt hatten die sĂ€chsischen Kreisvorsitzenden der Partei, darunter Oest, in einem Brief an Merz rasche Beratungen ĂŒber einen Neustart der CDU verlangt.
Union greift SPD-Spitze an
Parallel dazu eskaliert der Ton zwischen den Koalitionspartnern CDU und SPD. Christian von Stetten, Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, erklĂ€rt gegenĂŒber «Bild», Bundesarbeitsministerin BĂ€rbel Bas sei «nicht mehr tragbar». Seit Monaten blockiere sie aus seiner Sicht dringend nötige Reformen. Er wirft der SPD-Co-Chefin Verzögerungen bei VorschlĂ€gen zu Sozialreformen vor und erklĂ€rt, zukunftsfĂ€hige Reformen passten nicht zur Ideologie der SPD-Parteipolitik. Auch Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil greift er an: Dessen Haushaltsentwurf fĂŒr das kommende Jahr sei «nicht zustimmungsfĂ€hig», da notwendige SparmaĂnahmen fehlten und stattdessen neue Steuern sowie eine Rekordverschuldung vorgesehen seien.
SPD kontert und warnt vor neuer Mehrheit
Klingbeil weist die Attacken zurĂŒck. Er betont, die Regierung befinde sich in sehr schwierigen Zeiten und mĂŒsse zusammenhalten. Teilen der Union wirft er vor, am Ast der Koalition zu sĂ€gen. Im Bundestag gebe es eine «zweite Mehrheit» neben der Koalition aus Union und SPD, nĂ€mlich eine Achse aus Union und AfD, erklĂ€rt der SPD-Chef. Er sagt, dies wolle er nicht und hoffe, dass auch viele in der Union eine solche Entwicklung ablehnten. Angesichts der jĂŒngsten Kommentare aus Unionskreisen frage er sich jedoch, wohin es einige in der CDU ziehe.
Mahnung zur Geschlossenheit aus der Unionsfraktion
Auch innerhalb der Union stöĂt von Stettens VorstoĂ auf Kritik. Der Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Unionsfraktion, Hendrik Hoppenstedt, erklĂ€rt der Deutschen Presse-Agentur, öffentlich ausgetragene Koalitionsstreitigkeiten nĂŒtzten niemandem â höchstens der eigenen Profilierung und sicher den Populisten im Land. Das stĂ€ndige öffentliche Anprangern von Personen und Vorhaben mĂŒsse enden.
NÀchste BewÀhrungsproben bei Wahlen
WĂ€hrend Merz sich auf einer Reise in die Arktis befindet, stehen neue Abstimmungen an. In Niedersachsen finden an diesem Sonntag Kommunalwahlen statt. In Berlin hofft die CDU auf die Abgeordnetenhauswahl: Dort könnte es ihr gelingen, die Linke zu ĂŒberholen und den Regierenden BĂŒrgermeister zu stellen. Gleichzeitig droht in Mecklenburg-Vorpommern die nĂ€chste Niederlage. Umfragen sehen die CDU dort zuletzt bei 7 Prozent â ein Wert, der das bislang schlechteste Ergebnis der Partei bei einer Landtagswahl bedeuten könnte.
SchwÀche der Mitte und Vorwurf gegen Schwesig
In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in Umfragen vorn, wĂ€hrend die SPD von MinisterprĂ€sidentin Manuela Schwesig zuletzt aufgeholt hat. Kleinere Parteien wie die GrĂŒnen â und inzwischen auch die CDU â mĂŒssen befĂŒrchten, im Duell zwischen SPD und AfD an den Rand gedrĂ€ngt zu werden und sogar den Einzug in den Landtag zu verpassen. CDU-GeneralsekretĂ€rin Franziska Hoppermann wirft Schwesig vor, mit einem stark personalisierten Wahlkampf die politische Mitte zu schwĂ€chen. Die MinisterprĂ€sidentin stelle ihre parteipolitischen Interessen ĂŒber die Interessen des Landes, erklĂ€rt Hoppermann. Ihr Versuch, mit einem auf die eigene Person zugeschnittenen Wahlkampf die CDU kleinzuhalten, schwĂ€che die Mitte und helfe letztlich der AfD. Das sei verantwortungslos.
Union ringt um Rolle im neuen Parteiensystem
Vor wenigen Jahren wĂ€re es kaum vorstellbar gewesen, dass eine Kanzlerpartei an eine SPD-MinisterprĂ€sidentin appelliert, ihr im Wahlkampf noch Stimmen zu ĂŒberlassen. Die aktuelle Lage zeigt, wie sehr sich das Parteiensystem verschoben hat und wie stark die AfD inzwischen an der CDU vorbeizieht. Zugleich verdeutlicht der Streit innerhalb der Union und mit der SPD, dass Merz vor der schwierigen Aufgabe steht, Regierungskurs, Koalitionsdisziplin und Wettbewerb mit der AfD gleichzeitig zu managen.
Merz zwischen Koalitionslast und Wettbewerbsdruck
Die schlechte Stimmung in den Umfragen trifft Friedrich Merz in einer Phase, in der die schwarz-rote Koalition ohnehin unter hohem Erwartungsdruck steht. Die Kombination aus persönlichem Vertrauensverlust des Kanzlers und starken Zugewinnen der AfD verschiebt das MachtgefĂŒge nach rechts und erhöht den Druck auf die Union, ihr Profil zu schĂ€rfen und gleichzeitig regierungsfĂ€hig zu bleiben. FĂŒr viele WĂ€hler verschwimmen die Grenzen zwischen Regierungsverantwortung und Oppositionsrolle der CDU, weil Merz einerseits Kanzler ist, andererseits weiter gegen die AfD und die SPD austeilt.
Regionale SchwÀche als strategische Gefahr
Die drohenden Wahlschlappen in Ostdeutschland und im Norden markieren mehr als nur einzelne RĂŒckschlĂ€ge. Sie verweisen auf eine strukturelle SchwĂ€che der CDU in Regionen, in denen die AfD als Protestkraft verankert ist und die SPD gezielt Regierungsarbeit mit persönlicher Markenbildung verbindet. Sinkt die CDU in Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Einstelligkeit, stellt das die traditionelle Rolle der Union als Volkspartei infrage. Gleichzeitig wĂ€chst die Gefahr, dass sich politische Auseinandersetzungen noch stĂ€rker zwischen AfD und SPD zuspitzen, wĂ€hrend kleinere und mittlere Parteien an Sichtbarkeit verlieren.
Koalitionsklima und innerparteiliche Konflikte
Die Angriffe aus Reihen der Union auf SPD-Spitzenpersonal deuten auf einen angespannten Zustand der Koalition hin. Wenn fĂŒhrende Unionspolitiker öffentlich Koalitionspartner attackieren und gleichzeitig innerparteiliche Kritik an Merz laut wird, entsteht ein Bild mangelnder Geschlossenheit. FĂŒr die Regierung bedeutet das ein erhöhtes Risiko, dass komplizierte Reformprojekte ins Stocken geraten. FĂŒr Merz selbst wĂ€chst der Druck, sowohl die eigene Partei zu disziplinieren als auch KompromissfĂ€higkeit in der Koalition zu demonstrieren â ohne den Kurs gegenĂŒber der AfD zu verwĂ€ssern.
