ROUNDUP/ Selenskyjs Fernduell mit Putin:Â 'Russland hat keine Erfolge erzielt'
19.12.2023 - 19:06:39 | dpa.deDer ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj verwies am Dienstag bei seiner groĂen Pressekonferenz zum Jahresende auf abgewehrte Angriffe entlang der Front. "Russland hat in diesem Jahr keine Erfolge erzielt", sagte Selenskyj in Kiew. Das ostukrainische Gebiet Donezk zum Beispiel habe Moskau weiter nicht komplett erobern können. Stattdessen habe die Ukraine die Kontrolle ĂŒber das westliche Schwarze Meer weitgehend wieder hergestellt.
Einige Stunden zuvor hatte sich Kremlchef Wladimir Putin vor Vertretern seines Verteidigungsministeriums zufrieden mit dem Kriegsverlauf gezeigt. Als Erfolg prĂ€sentierte er dann aber vor allem, dass es dem Westen nicht gelungen sei, Russland eine strategische Niederlage in der Ukraine zuzufĂŒgen. Das Ziel sei zerschmettert worden durch die "wachsende Kraft unserer StreitkrĂ€fte und RĂŒstungsproduktion", sagte Putin vor MilitĂ€rs und Vertretern aus Politik, Kirche und Gesellschaft. Beim Krieg gegen die Ukraine "kann man mit Ăberzeugung sagen, dass die Initiative aufseiten unserer StreitkrĂ€fte liegt", behauptete der Kremlchef.
Putin, der den Ăberfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 befohlen hat, warf zudem einmal mehr den USA vor, den Konflikt in der Ukraine bis zu einem Krieg getrieben zu haben. Es sei dem Westen stets nur darum gegangen, das Land als Instrument zur Zerstörung Russlands zu benutzen, behauptete er. Zugleich rĂ€umte er ein, dass der Krieg gegen die Ukraine Probleme in der russischen Verteidigung aufgezeigt habe. So brauche Russland mehr Drohnen, eine bessere Flugabwehr und ein modernes Satellitenkommunikationssystem. Unmittelbar vor Putins Auftritt schoss die russische Flugabwehr nach MilitĂ€rangaben im Moskauer Gebiet eine ukrainische Drohne ab.
Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte bei der Sitzung in Moskau, die Ukraine habe inzwischen 383 000 Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren. Die Angaben sind nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfbar. Die Ukraine wiederum gibt die Zahl der Verluste in den russischen Reihen aktuell mit 348 000 Soldaten an. Auch das ist nicht zu verifizieren. Offizielle Zahlen ĂŒber ihre eigenen Verluste gibt keine der beiden Kriegsparteien bekannt.
Schoigu sagte auch, dass die Zahl der Freiwilligen im kommenden Jahr um mehr als 250 000 auf rund 745 000 Vertragssoldaten steigen solle. Gelockt werden die Russen zum Kriegsdienst demnach weiter mit einem vergleichsweise hohen Sold von umgerechnet rund 2000 Euro im Monat.
FĂŒr die Ukraine wiederum ist die Mobilisierung neuer Soldaten nach Worten von Selenskyj eine teure und politisch heikle Frage. "Die Frage der Mobilisierung ist eine sehr sensible", sagte Selenskyj bei seiner Pressekonferenz. Die Armee habe 450 000 neue Soldaten angefordert. Eine zusĂ€tzliche Mobilmachung in diesem Umfang erfordere etwa 500 Milliarden Hrywnja (12,2 Milliarden Euro). FĂŒr ihn sei es zudem wichtig, wer von den bisher kĂ€mpfenden Soldaten dann ein Recht auf Erholung und Heimaturlaub bekomme. Es werde ein komplexer Plan ausgearbeitet fĂŒr diese Rotation.
Zudem zeigte sich Selenskyj zuversichtlich, dass sein Land ungeachtet aktuell stockender westlicher Hilfen kĂŒnftig sowohl von den USA als auch von der EU weiter unterstĂŒtzt werde. "Ich bin ĂŒberzeugt davon, dass die USA uns nicht verraten werden", sagte er. Auch mit Blick auf ein derzeit von Ungarn blockiertes EU-Finanzpaket in Höhe von 50 Milliarden Euro zeigte sich der Staatschef optimistisch: "Es werden sich Mittel finden, diese 50 Milliarden zu erhalten."
Die Ukraine ist bei der Verteidigung gegen die russische Invasion zu groĂen Teilen auf die MilitĂ€r- und Finanzhilfe westlicher Partner angewiesen. Als wichtigster VerbĂŒndeter gelten die USA. Aus Kiewer Sicht ist es deshalb Ă€uĂerst besorgniserregend, dass die Freigabe weiterer Mittel durch das US-Parlament derzeit durch einen Streit zwischen Republikanern und Demokraten blockiert wird.
Nicht bestĂ€tigen wollte Selenskyj derweil Prognosen, dass der Krieg in seinem Land noch lange andauern werde. "Ich denke, das weiĂ niemand." Die Dauer des Kriegs hĂ€nge von vielen Faktoren ab, fĂŒgte er hinzu - insbesondere von den Ukrainern selbst. "Wenn wir unsere WiderstandsfĂ€higkeit nicht verlieren, werden wir den Krieg eher beenden."
Russlands Armee hĂ€lt derzeit rund ein FĂŒnftel des ukrainischen Staatsgebiets besetzt und hat inklusive der bereits 2014 einverleibten Halbinsel Krim insgesamt fĂŒnf ukrainische Gebiete völkerrechtswidrig annektiert. Eine ukrainische Gegenoffensive, die eine Befreiung aller besetzten Gebiete anstrebt, hat in diesem Jahr nur kleinere GelĂ€ndegewinne gebracht. Auch die russischen Truppen aber sind in den vergangenen zwei Jahren weit hinter den Kriegszielen des Kremls zurĂŒckgeblieben und haben Experten zufolge massive Verluste erlitten.
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