Krisenkoordination, Bundeswehr

Krisenkoordination in Deutschland: Experten fordern bessere Abstimmung

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 14:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eine Analyse des Fachvereins AFCEA Bonn sieht die größte Schwachstelle deutscher Krisenvorsorge bei der Abstimmung zwischen Behörden, Ländern, Bundeswehr und Betreibern kritischer Infrastruktur. Interviews mit 55 Fachleuten zeigen Risiken durch parallel verplante Ressourcen und ungeklärte Zuständigkeiten.

Um den Schutz der Zivilbevölkerung im Spannungs- oder Verteidigungsfall kümmert sich der Bund. Die Verantwortung für den Katastrophenschutz liegt bei den Ländern. (Archivfoto)  - Bild: Oliver Berg/dpa
Um den Schutz der Zivilbevölkerung im Spannungs- oder Verteidigungsfall kümmert sich der Bund. Die Verantwortung für den Katastrophenschutz liegt bei den Ländern. (Archivfoto) - Bild: Oliver Berg/dpa

Eine Bestandsaufnahme des Fachvereins AFCEA Bonn sieht in Deutschland erhebliche Schwächen bei der Abstimmung zwischen Behörden, Ländern, Bundeswehr und Betreibern kritischer Infrastruktur für großflächige Krisen.

Fehlende Verfahren im Ernstfall

Nach der Analyse fehle es nicht an rechtlichen Vorgaben oder einzelnen technischen Fähigkeiten. Problematisch seien vielmehr verbindliche Verfahren, um Informationen zusammenzuführen und Zuständigkeiten im Ernstfall schnell zu klären.

Das Positionspapier beruht auf Gesprächen mit 55 Fachleuten aus Behörden, Hilfsorganisationen, Industrie, Kliniken und weiteren Einrichtungen der kritischen Infrastruktur. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Erhebung nicht repräsentativ sei.

Lebensmittel doppelt eingeplant

Als Beispiel nennt die Analyse den Fall eines Lebensmittelhändlers, dessen Lagerbestände sowohl in militärischen Operationsplanungen als auch in der zivilen Vorratsplanung berücksichtigt worden seien. Der zivilen Planung habe die Information gefehlt, dass dieselben Bestände auch militärisch eingeplant waren. Dadurch werde das Risiko sichtbar, knappe Ressourcen parallel zu verplanen.

Fehlende zentrale Patientensteuerung

Nach Darstellung der Autoren fehlt außerdem eine zentrale Stelle, die im Bedarfsfall eine bundesweite Patientensteuerung übernehmen könnte. Eine solche Koordination könne erforderlich werden, wenn in einem Nato-Bündnisfall kurzfristig mehr Verwundete versorgt werden müssten, als die Kapazitäten der Bundeswehr zuließen.

Gefahrenabwehr und Gesundheitswesen liegen grundsätzlich in der Zuständigkeit der Länder. Der Verein AFCEA Bonn versteht sich als Plattform für den Austausch zwischen Bundeswehr, Sicherheitsbehörden, Verwaltung, Wissenschaft und Industrie.

Arbeitgeber kennen THW-Engagement oft nicht

Einige befragte Arbeitgeber sehen es demnach als problematisch an, dass sie nicht routinemäßig erfragen dürfen, welche Beschäftigten sich ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk oder bei der Feuerwehr engagieren. Unternehmen müssten für Krisenlagen wissen, welche Mitarbeiter im Einsatzfall gebunden sein könnten.

Das THW-Gesetz schützt Beschäftigte davor, wegen ihrer Verpflichtung zum THW-Dienst oder wegen dieses Dienstes Nachteile im Arbeitsverhältnis zu erleiden.

Koordination als Kernproblem

Ein großflächiger Krisenfall würde in Deutschland regelmäßig mehrere Ebenen zugleich betreffen: Länder und Kommunen für die Gefahrenabwehr, den Bund für überregionale Aufgaben, die Bundeswehr für militärische Fähigkeiten sowie Betreiber von Energie-, Verkehrs-, Gesundheits- und Versorgungsstrukturen. Die zentrale Herausforderung liegt damit nicht nur in vorhandener Technik, sondern in der Frage, wer Informationen zusammenführt, Entscheidungen trifft und Maßnahmen auslöst.

Die jüngsten Debatten über hybride Bedrohungen, Sabotage, Cyberangriffe und den Schutz militärischer Infrastruktur erhöhen den Druck auf solche Verfahren. Kritische Infrastruktur ist vielfach privat oder kommunal betrieben; ihre Einbindung muss deshalb praktisch funktionieren, ohne Zuständigkeiten und Datenschutzregeln im Einsatzfall zu überdehnen.

Übungen müssen Schnittstellen testen

Militärische Übungen an zivilen Flughäfen zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Feuerwehr und Betreibern trainierbar ist. Solche Szenarien erfassen jedoch nur einzelne Abläufe. Für die zivile Verteidigung entscheidend sind zusätzlich belastbare Lagebilder, abgestimmte Prioritäten und ein Verfahren für knappe Ressourcen wie Transportkapazitäten, Lebensmittel oder Krankenhausplätze.

Für Bürgerinnen und Bürger kann bessere Koordination bedeuten, dass Warnungen schneller erfolgen und Versorgungseinrichtungen ihre Aufgaben klarer verteilen. Zugleich bleibt die Einbindung ehrenamtlicher Kräfte ein Personalthema: Arbeitgeber müssen Einsatzmöglichkeiten kennen, während der Schutz der Beschäftigten vor beruflichen Nachteilen gewahrt bleiben muss. Das Positionspapier macht damit eine organisatorische Lücke sichtbar, deren Bedeutung erst im konkreten Krisenfall besonders deutlich würde.

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